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Ein Pfarrerleben lang im Einsatz für Flüchtlinge

Der landeskirchliche Asylbeauftragte Werner Baumgarten wechselt in den Ruhestand

Nach 36 Jahren im Pfarramt, davon 24 Jahre als Stuttgarter Asylpfarrer, geht Werner Baumgarten Ende des Monats in den Ruhestand. Baumgarten war seit 2001 zugleich auch landeskirchlicher Beauftragter für Asyl und Migration. Der Träger des Stuttgarter Friedenspreises wird am 28. Juni mit einem Gottesdienst verabschiedet. 

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Werner Baumgarten an seinem Arbeitsplatz. © Markus Heffner

Als Asylpfarrer hat er es mit schweren Schicksalen und verworrenen Rechtslagen zu tun. Das kann einen entmutigen. Baumgarten nicht. Seine Augen leuchten, wenn er berichtet, was er bewirken konnte. „Ich habe Antennen dafür entwickelt, wenn ein Asylbewerber in einer Notlage ist. Und ich habe gelernt, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um einem Flüchtling zu einem Bleiberecht in Deutschland zu verhelfen.“ Bei 80 Prozent der Leute, die er beraten hat, fand sich am Ende eine gute Lösung. Das war entweder die vollständige Anerkennung als Asylberechtigter, das Blei-berecht oder, immerhin, eine geordnete Rückkehr ins Herkunftsland statt einer nächtlichen Zwangsabschiebung.

Neben diesen Einzelfallhilfen sah Baumgarten seine Aufgabe darin, in der Öffentlichkeit für ein offenes, flüchtlingsfreundliches Klima zu werben. Dazu gründete er den stadtweiten Arbeitskreis Asyl. Dieses Netzwerk trug wesentlich dazu bei, dass es heute in vielen Stuttgarter Stadtteilen Flüchtlings-Freundeskreise gibt. 

Bevor Baumgarten vor 24 Jahren Stuttgarter – und 2001 auch landeskirchlicher – Asylpfarrer wurde, arbeitete er neun Jahre lang als Gemeindepfarrer in der Pauluskirche im Stuttgarter Westen. Schon damals baute er die Asylarbeit auf. Denn in seinem Gemeindegebiet befand sich eine Flüchtlingsunterkunft. Gemeinsam mit einem Sozialarbeiter fing er an, Unterstützung für die entwurzelten Asylbewerber zu organisieren und eine Willkommenskultur aufzubauen. Insgesamt blickt Baumgarten auf 29 Jahre Einsatz für Flüchtlinge in Stuttgart zurück. „Diese Jahre haben Wirkung gezeigt“, sagt Baumgarten. Er und sein Netzwerk haben „viel Hilfe geleistet, Kundgebungen und Gespräche initiiert und so dazu beigetragen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Flüchtlinge in Stuttgart groß ist.“

Der Einsatz für Flüchtlinge zieht sich wie ein roter Faden durch Baumgartens Biografie. Im Elternhaus auf den Fildern lebten Nachkriegs-Flüchtlinge aus Ungarn. Die Familie eines Mitschülers war nach dem „Prager Frühling“ aus der Tschechoslowakei geflohen. Und zum Start seiner Pfarrlaufbahn, als Vikar in Tübingen, setzte er sich 1980 für Flücht-lingsfamilien aus dem Iran, Afghanistan und Eritrea ein.

Als Baumgarten 1991 Asylpfarrer wurde, waren die Flüchtlingszahlen in Deutschland sehr hoch. Im Spitzenjahr 1992 wurden in Deutschland fast 440.000 Asylanträge gestellt. Zum Vergleich: 2014 waren es rund 200.000. Doch zwei Jahre nach Baumgartens Start sorgte der sogenannte „Asylkompromiss“ für einen Einbruch bei den Flüchtlingszahlen. Stand damals seine Arbeit in Frage? „Im Gegenteil – nach 1993 wurde es wichtiger denn je, Knowhow bei der Beratung von Flüchtlingen zu haben.“ Denn durch die Rechtsverschärfung wurden die Rechtslagen immer komplizierter.

Auch ein Akt der Kritik: der jährliche „Asylausflug“

Rund 3.000 Beratungen haben Baumgarten und seine acht teils ehrenamtlichen Mitarbeiter jährlich geleistet, in den letzten Jahren zunehmend per E-Mail. Mit Aktionen zum Tag der Menschenrechte und zum Tag des Flüchtlings, mit dem jährlichen Asylausflug und mit einer multikulturellen Weihnachtsfeier hielt er das Thema Asyl und Flüchtlinge im öffentlichen Bewusstsein. Der jährliche Asylausflug im Hochsommer bedeutete nicht nur Abwechslung im tristen Alltag von Asylbewerbern. Er war auch ein Akt der Kritik an der Residenzpflicht für Asylbewerber. Diese durften früher nur mit Ausnahmegenehmigung ihren Landkreis verlassen. Die rund 200 internationalen Gäste, die im Rahmen dieser Ausflüge mit mehreren Bussen beispielsweise Rothenburg ob der Tauber oder Rastatt erreichten, waren dort oft Ortsereignis, die Lokalzeitungen berichteten, die Bürgermeister begrüßten die multinationale Delegation aus der Landes-hauptstadt.

Zu diesen wiederkehrenden Aktionen kamen Demos und Einzelaktionen. Vor zwei Jahren machte der AK Asyl mit „Herzlich-Willkommen“-Buttons Werbung für ein weltoffenes Stuttgart. Insgesamt gibt es in Stuttgart 800 Ehrenamtliche, die bereit sind, sich für Flüchtlinge zu engagieren. „Allein vergangene Woche waren 120 bei einem Vernetzungstreffen der Stadtteil-Freundeskreise“, berichtet Baumgarten.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt derzeit. Die Aufnahme zu organisieren ist ein Kraftakt für die Kommunen. In Stuttgart funktioniert die Aufnahme recht gut. Es gibt bislang kaum Konflikte. Die dezentrale Unterbringung in Stadtteilen und die vielen Freundeskreise für Flüchtlinge entfalten eine positive Wirkung. Dennoch gibt es noch viel zu tun. Flüchtlinge mit Bleiberecht haben es beispielsweise schwer, eine Wohnung zu finden. Auch ist die städtische Ausländerbehörde unterbesetzt, Verwaltungsvorgänge dauern sehr lange. Auf nationaler und europäischer Ebene gibt es dringenden Handlungsbedarf. Die deutschen Asylverfahren dauern zu lange, das zuständige Bundesamt ist den steigenden Flüchtlingszahlen personell nicht gewachsen. „Ich kenne Fälle, da hatten Flüchtlinge nach zweieinhalb Jahren noch keine Anhörung“, klagt Baumgarten. 

"Es gehört zu einem demokratischen Rechtsstaat, dass Flüchtlinge Zuflucht suchen" 

300.000 erwartete Flüchtlinge in diesem Jahr in Deutschland – diese Zahl klingt hoch. „Sie relativiert sich aber, wenn man bedenkt, wie viele Flüchtlinge in den Krisenregionen in den direkten Nachbarländern aufgenommen werden. In den kleinen Ländern Jordanien und Libanon leben zwei Millionen Flüchtlinge“, sagt Baumgarten. Die Europäer müssten begreifen: „Es gehört zu einem demokratischen Rechtsstaat, dass Flüchtlinge aus schlechteren Staaten kommen und Zuflucht suchen.“ Daran erweise sich die Stärke eines Rechtsstaates.

Das Engagement der evangelischen Kirche für Flüchtlinge – das sich vom „fremdenfreundlichen Duktus der Bibel her“ von selbst versteht, wie Baumgarten sagt – wird weitergehen. Asylpfarrer Werner Baumgarten übergibt sein gut aufgestelltes und vernetztes Amt des Stuttgarter Asylpfarrers und landeskirchlichen Beauftragten für Asyl und Migration an den Nachfolger Joachim Schlecht. Der 52-Jährige tritt im September seinen Dienst an.

Christoph Schweizer