| Landeskirche

Eine Kirche,
die keine Häuptlinge braucht

Bildungsdezernent Werner Baur geht
in den Ruhestand

Stuttgart, Gerokstraße 19. Werner Baur (65) räumt den Besuchertisch frei und legt zwei Päckchen bunte Basisbibeln auf die Anrichte an der Wand.  Es ist Zeit zu packen. 20 Jahre war Werner Baur Oberkirchenrat, wenn er zum 1. Juni in den Ruhestand tritt. 20 Jahre war er zuständig für den Religions- und Konfirmationsunterricht, die evangelischen Schulen und Seminare, die Jugendarbeit, die Evangelische Hochschule Ludwigsburg, das Diakonat, Kindertagesstätten, die Entwicklung von Familienzentren, und, und, und. Wie macht man das, ohne abzuheben oder sich zu verzetteln?

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Stets konzentriert bei der Sache - Werner Baur bei seiner letzten Synodaltagung im Frühjahr 2018 im Stuttgarter Hospitalhof. © EMH/Gottfried Stoppel

Die Vielfalt macht’s, meint Baur. Gerade sein breit gefächertes Aufgabengebiet habe ihn mit den verschiedensten Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen und -situationen zusammen gebracht. „Die haben mich immer wieder auf‘ s Neue berührt und motiviert.“ Sei es bei einem Gottesdienst im Gefängnis, bei einer Podiumsdiskussion der Erwachsenenbildung, einem Vortragsabend, einem Treffen mit Erzieherinnen oder einem Gespräch im Kultusministerium. „Kirche kann auch jenseits des gemeindlichen Alltags nahe bei den Menschen sein.“ Das hat er immer wieder erlebt und das begeistert ihn. Er versteht sich als Beschenkter. „Ich kann nur geben, wenn ich auch als Empfangender, als Beschenkter lebe“, sagt er und verweist auf Paul Johannes Tillich, einen der einflussreichen deutschsprachigen Theologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beschenkt konnte Werner Baur auch bei drögen Veranstaltungen, wenn die Langeweile mit Händen zu greifen war, mit einem Strahlen ans Rednerpult treten und den Eindruck vermitteln: In dem Mann brennt etwas, der steht für etwas.

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Mit Energie am Rednerpult. © EMH/Gottfried Stoppel

Nicht immer hat das geklappt. Einmal, nach einem etwas unglücklichen Fernsehinterview zum umstrittenen Bildungsplan der vorigen Landesregierung kursierte auf Facebook die Seite „Werner Baur - nicht mein Oberkirchenrat“. Was macht das mit einem? Natürlich habe ihn diese Auseinandersetzung betroffen gemacht, sagt er. Aber sie hat auch seinen Widerstandsgeist geweckt. Er wollte sich in keine Schablone pressen lassen, wollte sie durchbrechen. Sofort nahm er Kontakt mit dem Konvent der Schwulen und der Lesben in der Kirche auf sowie mit einer evangelikal geprägten Initiative, die den Bildungsplan wegen der Akzeptanz sexueller Vielfalt ablehnte. „Das hatte für mich etwas Befreiendes, hat mich noch mutiger und offener gemacht. Ich sehe das als Geschenk“, betont Baur.

Werner Baur, in der Gegend um Tübingen aufgewachsen, hat seine Wurzeln in der evangelischen Jugendarbeit. Die hat ihn geprägt. Wer mit jungen Menschen unterwegs ist, Jugendgruppen leitet, vor Schülerinnen und Schülern steht, bekommt die Chance zu einem exzellenten Lern- und Erprobungsprogramm in Sachen Führung, betont er. Man lernt, die einzelne Person in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen und die Gruppe mit ihrer Dynamik im Auge zu behalten, die Perspektive des Einzelnen einzunehmen und das Ganze nicht zu vernachlässigen. „Dazu gehören auch Erfahrungen des Scheiterns und der Ohnmacht.“ Gerade für Menschen in herausgehobenen Führungspositionen sei das eine wertvolle Erfahrung.

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Bildungsdezernent Werner Baur vor den Werken Andreas Felgers in seinem Büro im Stuttgarter Oberkirchenrat © Braun/EMH

Baur war Hauptschullehrer, Rektor, als Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung tätig und Schulreferent in einem Oberschulamt, bevor er in den Oberkirchenrat der württembergischen Landeskirche wechselte. Der Pädagoge setzt auf mündige, auch in geistlichen Anliegen urteilsfähige, Christinnen und Christen sowie auf Gemeinden, die sich bewusst als Teil eines städtischen Quartiers oder einer dörflichen Gemeinschaft verstehen und dort auch Verantwortung übernehmen. Der Bildung kommt dabei eine zentrale Rolle zu. So sollten sich die Kirchengemeinden nicht nur als „geistlichen Veranstaltungsort, sondern als wichtigen Lebens- und Lernort“ begreifen. Die Kindertagesstätten und Familienzentren hätten einen grundlegenden Bildungsauftrag auch im Blick auf eine christliche Sozialisation und das Miteinander in einer religionspluralen Gesellschaft. Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht müsse Orientierung bieten und zur Dialogfähigkeit erziehen. Denn „gebildete Religion bewahrt vor Fundamentalismus und Verführbarkeit“. Da ist sich Werner Baur sicher. Dabei komme den einzelnen Lehrpersonen eine hohe Bedeutung zu, seien es Eltern, Erzieherinnen und Erzieher oder Religionslehrer. „Sie müssen Gesicht zeigen, erkennbar werden in dem was sie glauben, was ihr Leben trägt, worauf sie ihre Hoffnung setzen. Sie müssen spüren lassen, was sie wollen“, sagt er. „Gerade auch weil unsere Kinder nicht in einer Welt aufwachsen, sondern in hochindividualisierten Welten, ist Orientierung fast ausschließlich an die Person gebunden.“ Es gelte, dem Kind in seiner Einzigartigkeit, seinen Begabungen und Talenten gerecht zu werden.

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Ruth Link: Die Kirche im Dorf lassen © Braun/EMH

Von diesen Überzeugungen angetrieben, hat er einiges bewegt und war auch immer mal wieder dem Mainstream voraus. So zählte die württembergische Landeskirche mit der Entwicklung von gemeinwesenorientierten, generationsübergreifenden Familienzentren 2007 zu den Pionieren. Heute hat die Landeskirche 34 solcher Zentren. Als Baur vor Jahren für längeres gemeinsames Lernen eintrat, was zu Ende gedacht die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems nach sich zieht, galt diese Forderung noch als Sakrileg. Dabei wollte er keine ideologische Debatte anstoßen. Im Gegenteil. Ihm ging es darum, welche Fähigkeiten Lehrkräfte mitbringen müssen und wie die Schule gestaltet sein muss, damit Kinder gut lernen können. Heute hat die Schulpolitik die individuelle Unterstützung und Förderung im Blick. Und schließlich hat die Landeskirche unter seiner Federführung mit der Evangelischen Jenaplanschule in Mössingen ein inklusives, reformpädagogischen Schulkonzept entwickelt und umgesetzt, in dem Arbeit und Feiern, Gespräch und Spiel, individuelles Lernen und gemeinschaftliches Leben sowie ein konsequent rhythmisierter Schulalltag wichtige Elemente sind. 

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Gemälde von Ruth Link © Braun/EMH

Werner Baur packt die letzten Ordner ein. Er freut sich darauf, mehr Zeit mit seiner Frau, Kindern und Enkeln sowie dem Freundeskreis zu verbringen. Auf die Gartenarbeit, die Pflege der Streuobstwiese und als begeisterter Hobbyfotograf auf die Motivsuche und den Perspektivenwechsel. Eine neue Kamera hat er sich bereits gekauft. Die Bilder an der Wand wird er auf jeden Fall mitnehmen. Drei davon sind von Andreas Felger. Was ihn mit dem Künstler verbindet? „Das ist mein Onkel“, sagt er und strahlt. Felger, Mitglied der Jesusbruderschaft in Gnadenthal, hat durch Malerei, Skulpturen und Glasfenster auf sich aufmerksam gemacht, Bücher mit Anselm Grün, Franz Kamphaus, Manfred Siebald und anderen veröffentlicht und eine Bibelausgabe mit rund 300 Aquarellen und Skizzen illustriert. Seit neun Jahren wohnt er wieder in Mössingen, seinem Geburtsort. Der Ort, in dem auch Baur lebt.

„Und das“, Baur zeigt auf ein farbenfrohes Gemälde an der anderen Wand, „ist ein Bild von Ruth Link.“ Eine Künstlerin mit besonderem Förderbedarf. Sie lebt in einer diakonischen Einrichtung im oberschwäbischen Wilhelmsdorf. Werner Baur hat das Gemälde zum 60. Geburtstag bekommen. „Sie ist unglaublich begabt, ihre Werke strahlen eine Fröhlichkeit aus. Sehen Sie hier, diese Karte“, sagt er und reicht sie über den Tisch. „Die habe ich zu meinem Abschied verschenkt. Was sagen Sie zu dieser Kirchturmspitze? Diese Leichtigkeit, wie sie beinahe tanzt.“ Baur sieht darin auch ein Kirchenverständnis, das dem seinen sehr nahekommt. „Eine Kirche, die keine Häuptlinge braucht, weil sie ein Haupt hat.“ Ein Verständnis von Gott und der Welt, das vieles auf den Kopf stellt und deshalb befreit. „Und ich frage mich: könnte diese Leichtigkeit nicht eine Form von Dankbarkeit sein? Diese Leichtigkeit wünsche ich mir für meine Kirche in Württemberg auch.“  

Stephan Braun