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„Durch meinen Glauben verliert der Tod für mich seine Dunkelheit“

Serie über Berufung – Teil 2: Franziska Albrecht, Palliativpflegerin

Franziska Albrecht arbeitet als Palliativpflegerin im Hospiz Backnang. Sie sieht ihren Beruf als echte Berufung, die eingebettet ist in ihren christlichen Glauben. In unserem Interview spricht sie über ihre Arbeit mit Menschen, die dem Tod entgegengehen. In einer lockeren Serie spüren wir der Frage nach, wie Menschen zu bestimmten Lebenswegen und Aufgaben berufen werden.

Wenn ein Gast stirbt, wird hier eine Kerze für ihn angezündet. In das Buch können Mitarbeitende, andere Gäste und Angehörige etwas hineinschreiben. Bild: Judith Hammer

Was verstehen Sie unter (Ihrer) „Berufung"?  

Franziska Albrecht: Ich habe vor meiner Tätigkeit hier im Hospiz in Backnang als Palliativpflegekraft fünf Jahre lang auf einer onkologischen Station in einer Klinik in Schwäbisch Hall gearbeitet. Ich hatte den Wunsch, Sterbende und Schwerstkranke in einem würdigen Umfeld zu begleiten. Die Bedingungen in einem Krankenhaus können dies nur sehr eingeschränkt erfüllen – es ist eine Gratwanderung, die sich zum Beispiel darin zeigt, dass kurativ und palliativ behandelte Patienten  auf einer Station liegen. Dazu kommt der Mangel an Zeit und der schwere Spagat, in dem man immer wieder Prioritäten setzen muss.

Franziska AlbrechtBild: Privat

Die Onkologie war schon in meiner Ausbildung die erste Station in der Praxis. Dabei wurde mir schnell klar, dass es für die Pflege im letzten Abschnitt des Lebens mehr braucht, nicht vergleichbar mit all den anderen Stationen und Krankheitsbildern in einer Klinik – etwas, das man nicht in der Ausbildung lernen kann. Das besondere Etwas, das man ein Stück weit schon in sich tragen muss. Ein hochsensibles Feingefühl, eine Hingabe für den Menschen, ein Aushaltenkönnen, ein Ertragen und Mitgehen, ein Abholen, da wo der Einzelne gerade steht – das ist für mich meine Berufung.

Wie wurden Sie „berufen“?

Franziska Albrecht: Ich habe schon mit 17 meine Großmutter gepflegt, das Thema Tod war früh präsent und in mein Leben eingebettet. Meine Familie ging generell mit dem Thema offen um, ich habe bereits als Kleinkind am Sterbebett von mehreren Angehörigen gestanden. Dadurch habe ich schon früh einige Tote gesehen – das haben viele andere Erwachsene erst später im Leben. Dadurch habe ich – so merkwürdig das klingen mag – eine Art Faszination für den Tod und das Sterben gespürt. Ich habe mich gefragt: „Was passiert da? Wo steht man da, so nah an der Brücke zum Jenseits?“ Durch meinen Glauben verliert der Tod für mich seine Dunkelheit und darf auch als Erlösung gefeiert werden. Diese innere Haltung finde ich wichtig, um diese Arbeit für mich gut machen zu können. Das ist meine persönliche Überzeugung, aber in der Pflege mit unseren Gästen hat deren persönliche Haltung immer ihren individuellen Raum. Wir sind ein überkonfessionelles Haus, wo jeder auf seinem ganz eigenen Weg begleitet wird.

Diese Anhänger werden an den Türen Verstorbener befestigt. Die Zimmer bleiben nach ihrem Tod ein paar Tage ungenutzt.Bild: Judith Hammer

Es ist manchmal faszinierend mitzuerleben, was für die Menschen hier an Tiefe in großen Lebensfragen möglich ist, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben. Viele finden auch noch einmal einen Zugang zum Glauben. Aber es gibt auch Gäste, die am Ende ihres Lebens wütend und enttäuscht sind, keine Hoffnung haben. Das ist manchmal schwer auszuhalten. Aber auch das muss man stehen lassen können und mittragen.

Mir war schon früh klar, dass ich einen Beruf ausüben möchte, der mir am Ende des Tages Sinn und Erfüllung gibt, wollte mit Menschen arbeiten, helfen. Es gibt nichts Intimeres, als einen Menschen zu pflegen, das hat mich von Anfang an berührt. Aus biblischer, christlicher Sicht vielleicht auch ein Stück weit berufen zur Nächstenfürsorge. So schwer es manchmal auch ist, ich gehe erfüllt nach Hause, und der Lohn, den einem ein Sterbender entgegenbringt, ist mit nichts vergleichbar und sehr kostbar. Es kommt viel zurück: Ein Blick, oder Hände, die meine Hände halten, Lebensweisheiten, ein Rat, was man selbst mal besser machen soll, tiefe Dankbarkeit.

Woran machen Sie es fest, berufen zu sein? Wie "fühlt" sich das an? 

Franziska Albrecht: Für mich bedeutet es, dass ich spüren kann, was ein Gast gerade braucht, ohne dass es ausgesprochen wird, also eine hochsensible Aufnahmefähigkeit. Manchmal fällt es kranken Menschen schwer, zu sagen, was sie brauchen, das ist in jedem Zimmer etwas anderes – es kann Aufmunterung sein, Stille, miteinander aushalten  oder einfach nur Sein-Lassen und den eigenen Aktionismus hintanstellen.

Das erfordert von uns Pflegekräften viel Entschleunigung. Der Gast gibt den Rhythmus vor. Allein schon der Begriff „Gast“ im Gegensatz zu „Patient“ sagt viel aus. Das ist ein hohes Gut in diesem Beruf: die Zeit zu haben, um zu spüren, was gerade dran ist und gebraucht wird.

Diese Laterne signalisiert nach draußen: Heute ist ein Gast verstorben.Bild: Judith Hammer

Gibt es Situationen, in denen Ihnen Ihre Berufung besonders hilft? Oder kann sie auch einmal eine Herausforderung sein?

Franziska Albrecht: Die Arbeit hat täglich einen hohen Preis. Wenn man die Tür hinter sich schließt, ist das eigene Leben dran, aber so schnell kann man oft nicht umschalten, die Schicksale berühren einen tief. Und es gibt Parallelen zum eigenen Leben, zu den Eltern, zur Familie. Es muss einem klar sein, warum man das macht. Und wie viel Sterben und Tod kann man auf Dauer vertragen? Ich erlebe jeden Tag die Endlichkeit, dieses Potential hat jeder Tag. Es gibt keine richtigen Highlights, wenn man das so sagen will, ich stelle niemanden mehr auf die Beine. Vielleicht wird nochmal jemand für eine Zeit lang entlassen, weil er/sie sich erholt und stabilisiert hat. Aber wenn Lachen und Weinen zu gleichen Teilen möglich waren, während eine gute Sterbebegleitung stattgefunden hat, dann ist das positiv. Oder wenn Angehörige dankbar sind und dies rückmelden. Wenn wir es schaffen, das Sterben nochmal so richtig mit Leben zu füllen – dann ist das unser Erfolg. Oder wie Gottschling sagte: „Ich behandle keine Sterbenden sondern Lebende, die bald sterben werden.“

Es kommt auch vor, dass ich mit meiner Berufung hadere: Wenn zum Beispiel viele Gäste sterben, manchmal drei an einem Tag. Wir müssen weich sein, einfühlsam, emphatisch, aber genau das hat auch seine Kehrseite, wenn einem sehr nahe geht, was man erlebt. Es entstehen ja über die Zeit teilweise tiefe Beziehungen, manchmal fühlt es sich etwas an wie eine große Familie bei uns im Haus. Wir bekommen auch viel intensiver mit, wie viel Leid manche Familien ertragen und schon aus der Vergangenheit mitbringen, weil wir viel tiefer in Familienanamnesen einsteigen. Auch das wiegt mit in diesem Beruf.

Einen Ausgleich finde ich in meinem zweiten ,ganz gegensätzlichen Standbein, ich organisiere Hochzeiten und andere Feste – also Leben und Freude pur. Andere Kolleginnen und Kollegen finden den Ausgleich in der Natur, beim Sport, mit einem Haustier. Sich intensiv freuen können ist wichtig, damit man die Dinge loslassen kann. Ich erfahre das Sterben als Teil des Lebens – wenn ich täglich erlebe, dass es endlich ist, nehme ich das Leben bewusster wahr.  Dazu gehört, auch Kleinigkeiten wertzuschätzen, Dankbarkeit ganz neu zu definieren, nichts als selbstverständlich hinzunehmen: Tief einatmen zu können, laufen zu können. Durch meine Arbeit wird die Angst vor dem Alter ins Gegenteil verkehrt. Ich bin eher demütig, und denke: So lange darf ich schon leben.



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