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„Keine Kirchengemeinde fängt bei null an“

Die „digitale Mustergemeinde“ Eningen unter Achalm über erste Ergebnisse ihres Digitalisierungsweges

Die württembergische, die bayrische und die badische Landeskirche entwickeln in einem gemeinsamen Projekt drei sogenannte „Digitale Mustergemeinden“ - aus Württemberg ist Eningen unter Achalm dabei. Der Eninger Pfarrer Johannes Eißler und Dr. Nico Friederich, Verantwortlicher für den Digitalen Wandel der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, berichten hier von den Schritten der „digitalen Mustergemeinde“ in der Landeskirche seit Projektstart im Herbst 2021. Erstes Fazit: Erfolge und Hürden gehören dazu, und jeder kann etwas beitragen.

Der digitale Schaukasten der Kirchengemeinde Eningen unter Achalm zeigt unter anderem Gemeindetermine und Plakate zum Kirchenjahr an. Bild: Johannes Eißler

Interview mit Pfarrer Johannes Eißler, Ev. Kirchengemeinde Eningen unter Achalm:

Was ist seit Projektstart konkret in Ihrer Kirchengemeinde als „Digitale Mustergemeinde“ geschehen?

Wir haben einen digitalen Schaukasten installiert, der Gemeindetermine und Themenplakate anzeigt, und ein Video-Konferenz-System für hybride Sitzungen angeschafft. Inzwischen gibt es kabelgebundenen Internetzugang und WLAN in der Kirche und im Gemeindehaus. Seit einer Schulung zur Social-Media-Strategie bespielen wir den Instagram-Kanal unserer Kirchengemeinde mit Spaß und Leidenschaft.

Die Kirchengemeinde Eningen unter Achalm ist auch auf Instagram unterwegs. Bild: Johannes Eißler

Worin liegt der Nutzen der Digitalisierung für die konkrete Arbeit in der Gemeinde?

Über den regelmäßigen Livestream unserer Gottesdienste und über die Sozialen Medien erreichen wir zusätzliche Zielgruppen. Eine Frau aus Tirol zum Beispiel feiert fast alle unserer Gottesdienste am Bildschirm mit – auch das Abendmahl. Für die interne Kommunikation unter den Hauptamtlichen profitieren wir von Microsoft Sharepoint (Webanwendung, Anm.d.Red.), das allerdings schon vor dem Projekt eingerichtet war.

In der Ev. Kirchengemeinde Eningen unter Achalm werden alle Gottesdienste gestreamt Bild: Johannes Eißler

Gab es besondere Herausforderungen oder Kritik?

Innerhalb von sechs Monaten konnten wir noch nicht alles Wünschenswerte vollständig umsetzen. Wir kämpfen zum Beispiel mit der Einführung des „Digitalen Gemeindemanagements“ und mit dem Relaunch unseres Internetauftritts

Wie kommen die bisherigen Schritte bei der Kirchengemeinde an?

Ein Großteil der Mitarbeiterschaft ist motiviert. Im Blick auf die älteren Gemeindeglieder, die keinen Internetzugang haben, bemühen wir uns, deutlich zu machen, dass für uns die persönliche Kommunikation Auge in Auge weiterhin einen hohen Stellenwert hat. Wir verschanzen uns nicht hinter Bildschirmen!

Was ist in den nächsten Monaten geplant?

Wir werden unsere Homepage neu aufsetzen und hoffentlich auch mit dem Digitalen Gemeindemanagement und ChurchTools voranzukommen. Ein Imagefilm über unsere Gemeinde ist in Auftrag gegeben. Optimal wäre es, wenn wir eine Person finden könnten, die auf 450-Euro-Basis die Koordination unseres Digi-Teams übernimmt.

Digitalisierung ist für Pfarrer Johannes Eißler unabdingbarer Bestandteil seiner Arbeit.RTF1 / Youtube

Was ist Ihr persönliches Resümee aus der Hauptphase des Projekts bisher?

Digitalisierung ist heute nicht mehr „nice to have“, sie ist meines Erachtens unabdingbarer Bestandteil unserer Arbeit und unseres Auftretens.  

Gibt es etwas, was Sie schon jetzt anderen Gemeinden raten können?

Wir haben hervorragende Unterstützung von Dr. Nico Friederich, von Joachim Stängle und aus verschiedenen Abteilungen des Evangelischen Medienhauses bekommen. Ich würde mir wünschen, dass die Landeskirche einen Beraterpool bereitstellt, um alle interessierten Gemeinden passgenau zu beraten. Wichtig ist, dass nicht alles über den Flaschenhals Pfarramt läuft.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den beiden anderen Kirchen – was können wir von dort lernen, übernehmen?

Wir haben uns nur punktuell über Online-Meetings kennengelernt. Was mir imponiert hat, ist der Erfolg eines PodCasts in Markt Einersheim (Bayern) und die Möglichkeit, Gottesdienste der Heidelberger Bonhoeffergemeinde über Webex (Videokonferenz-Anbieter, Anm.d.Red.) mitzuverfolgen. Die Auswertung läuft über die Leitung des Projekts – da bin ich selbst gespannt auf Ergebnisse.


Im Gespräch: Dr. Nico Friederich, Verantwortlicher für den Digitalen Wandel der Evangelischen Landeskirche in Württemberg:

Die Digitalen Mustergemeinden haben im Herbst mit der Hauptphase begonnen, also damit, einzelne Schritte konkret umzusetzen. Welche ersten Ergebnisse können Sie daraus berichten?

Zum einen haben wir gesehen, dass die vier Schwerpunktbereiche (Motivieren & Verändern, Ankündigen & Berichten, Durchführen & Veranstalten, Organisieren & Verwalten) die wir identifiziert haben, richtig gewählt sind, da die Gemeinden darin jeweils gezielt sehen, wo sie Entwicklungen anstoßen können und müssen. Zum anderen ist sichtbar geworden, wo einzelne Gemeinden schon weiter sind: Durch die Corona-Pandemie etwa im Bereich „Veranstalten“ mit Online-Gottesdiensten. Im Schwerpunkt „Motivieren & Verändern“ dagegen stehen einige noch am Anfang. Wichtig war in allen Gemeinden, zunächst für sich die Frage zu beantworten: Wo starten wir, wohin wollen wir uns entwickeln? Die Kirchengemeinde Eningen unter Achalm z.B. hat schon Erfahrungen im Streamen von Gottesdiensten gesammelt und kann sich jetzt bei Hybrid-Formaten weiterentwickeln, auch für Sitzungen. Das ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Entscheidend ist immer wieder für uns als Projektverantwortliche die Realität vor Ort. Wir sind durch das Projekt sehr nahe an den Gemeinden und erfahren so auch unsererseits einen Realitätscheck. Dies ist aus unserer Sicht der richtige Weg: Sehr konkret gemeinsam mit den Kirchengemeinden vorzugehen, die Digitalisierung als gemeinschaftliches Vorgehen zwischen Oberkirchenrat und Gemeinden zu gestalten.

Dr. Nico Friederich, Verantwortlicher für Digitalen Wandel in der LandeskircheBild: Pia Rölle

Gab es besondere Herausforderungen, die Ihnen aus dieser Phase bisher zurückgemeldet wurden?

Eine Herausforderung ist die zeitliche Verfügbarkeit. Die Mustergemeinden sind mit großem Engagement bei dem Projekt dabei, haben aber natürlich auch noch ihre vielfältigen „regulären“ Aufgaben zu bewältigen. Dies zeigt: Die Umsetzung kann nicht nur auf den Schultern der Hauptamtlichen liegen. Es braucht (zusätzlich) jemanden, der sich bei der Digitalisierung den Hut aufsetzt oder ein Team, das die Aufgabe gemeinschaftlich angeht. Zudem gilt es, die Themen innerhalb der Gemeinde zu priorisieren. Signalisiert wurde uns auch, dass sich die Gemeinden klare Botschaften wünschen, welche digitalen Tools eingesetzt werden sollen. Daran hängt auch die Frage der Akzeptanz und Motivation bei der Einführung.

Wo liegt der Nutzen der Digitalisierung für die konkrete Arbeit in der Gemeinde?

Einen konkreten Nutzen konnte man aus meiner Sicht z.B. bei der Gemeinde Markt Einersheim sehr schön erkennen: Dort wurde die Jugend mit ins Projekt eingebunden; dadurch bewegt sich was, es kommt „Drive“ hinein. Es zeigt sich, dass jeder etwas beizutragen hat, und Möglichkeiten findet, sich in einem (in Teilen) neuen Bereich zu engagieren. Genau das, was wir im Modul „Motivieren & Verändern“ wollen. Ein wichtiger Nutzen ist auch, dass sich die Gemeinde Gedanken zu ihrem Leitbild macht, für sich die Frage beantwortet: Warum wollen wir das? Wie wollen wir Digitalisierung für uns nutzen? Die Gemeinde entwickelt eine Vision fürs Digitale, auf die sie hinarbeiten kann. Als nützlich im Schwerpunkt „Ankündigen & Berichten“ wurde erfahren, eine Social-Media-Strategie zu entwickeln, die auch analog Medien wie z.B. den Gemeindebrief mit einbezieht, also cross-medial ausgerichtet ist. Aus den Schulungs-Workshops haben Teilnehmende rückgemeldet, dass sie viel mitgenommen haben. Die Maßnahmen im Schwerpunkt „Organisieren & Verwalten“ tragen dazu bei Transparenz zu schaffen. Die Gemeinde sieht: Was funktioniert schon? Welche Möglichkeiten der digitalen Infrastruktur nutzen wir bereits? Dadurch werden alle Gruppen in der Gemeinde inspiriert, wie sie die Tools für sich nutzen können.  

Schritt für Schritt zur digitalen Gemeinde - diesen Weg geht auch Pfarrer Johannes Eißler mit seinem Team der Ev. Kirchengemeinde Eningen unter Achalm. Bild: Johannes Eißler

Haben Sie Bremsmomente oder Hürden beobachtet?

Auf den ersten Blick wirkt es, als ob sehr viel zu tun ist – das war eine Rückmeldung, z.B. wenn es um das digitale Gemeindemanagement geht. Dies kann eine mentale Hürde sein, sich mit der Thematik zu befassen und zu starten. Das Projekt soll zeigen: Der „Berg“, vor dem man steht, ist gar nicht so hoch. Der Baukasten mit den vier Schwerpunkten soll helfen, in kleinen Schritten anzufangen. Und: Keine Kirchengemeinde fängt bei null an.

Beobachten Sie Nebeneffekte für Ihre Arbeit, die Sie (so) nicht erwartet haben?

Wir haben über das Projekt viele Ansprechpersonen in den Kirchengemeinden und darüber hinaus gewonnen. Dies möchten wir gerne für den Austausch zwischen Oberkirchenrat und Kirchengemeinden auch in anderen Bereichen nutzen.

Die drei digitalen Mustergemeinden tauschen sich in Online-Meetings aus.Bild: Johannes Eißler

Gibt es Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit den anderen Landeskirchen?

Wir haben jetzt einen guten Überblick darüber, was den Kirchengemeinden in den jeweiligen Landeskirchen angeboten wird, und wo wir uns ggf. gegenseitig aushelfen und Dinge vereinheitlichen können. In der Zusammenarbeit hat sich gezeigt, mit welchen Fragestellungen sich die anderen Landeskirchen befassen und welche Erfahrungen bisher schon gemacht wurden, dadurch kann man seine eigenen Themen hinterfragen – das war für mich auch ein Mehrwert.

Gibt es besondere Erkenntnisse aus dem Forum Digitalisierung?  

Wertvoll war für viele Teilnehmende, voneinander zu erfahren, wie einzelne Tools konkret genutzt werden. Beispiel: Wie nutzen andere ChurchTools für die Gottesdienstplanung? Oder: Wie kann man das Programm zur Raumverwaltung nutzen? Je konkreter die Information, desto besser. Für uns liegt die Herausforderung jetzt darin, die Ergebnisse breit zu kommunizieren, sodass möglichst viele Gemeinden davon profitieren können. Wir haben schon damit begonnen, den Baukasten, aus dem man sich bedienen kann, auf der Digitalisierungsseite der Landeskirche transparent darzustellen, und entwickeln dies kontinuierlich weiter.


Judith Hammer


Grafik: elk-wue.de

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