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„Im ‚Wir‘, das der Geist Christi schafft, ist kein Raum für Überheblichkeiten“

Pfingst-Predigt von Landesbischof Gohl in Öhringen

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl hat das Pfingstfest im Bezirks-Gottesdienst in der Öhringer Stiftskirche mitgefeiert und dort auch die Predigt über 1.Kor 2, 12-16 gehalten. Dabei wies er auf die Bedeutung und den Wert der Vielfalt der Gaben und Glaubensstile hin, mit der sich schon die junge Kirche in Korinth auseinandersetzen musste. Im Folgenden lesen Sie die Predigt im vollen Wortlaut.

Landesbischof Ernst-Wilhelm GohlBild: Gottfried Stoppel

Liebe Pfingstgemeinde in Öhringen!

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort.“ Diese Worte stehen als Motto über diesem Festtag, an dem wir zusammen hier in der Öhringer Stiftskirche das Pfingstfest feiern. Alle beieinander an einem Ort – das ist der Beginn der Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte. Und es ist zugleich eine Hoffnung für Sie alle in Öhringen: Verlässlich und gemeinsam mit Nachbargemeinden auch in Zukunft Gottesdienst zu feiern.

Alle beieinander an einem Ort: Das war damals in Jerusalem die Voraussetzung für dieses einmalige Ereignis, ja, dieses Wunder. Menschen, die zuvor einander fremd gewesen waren und die Sprache ihres Gegenübers nicht verstanden, kamen plötzlich zusammen und verstanden sich.

Die Urgeschichte des Pfingstfestes haben wir noch im Ohr. Auch wie die Jünger Jesu aus dem Haus, in die sie sich verkrochen hatten, in Bewegung kamen. Wie der Geist Gotte sie erfasste. Und wie sie begannen zu reden. Mit einer Stimme. Vom Geist bewegt predigten die Jünger so, dass Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen sie verstehen konnten. Der Anfang der weltweiten Kirche Jesu Christi.

Unser heutiger Predigttext hat eine andere Grundmelodie. Zwanzig Jahre später entstanden als das Pfingstereignis, der Geistausgießung und der Gründung der ersten Gemeinden. Das Evangelium war nun schon nach Europa gelangt. Zwei Jahrzehnte nach diesem Zauber des Anfangs ist die Gemeinde-Euphorie verflogen. Die Gemeinden rund ums Mittelmeer sehen sich mit der harten Realität des Alltags konfrontiert. Wie wir, leben sie nicht im Paradies, sondern jenseits von Eden. Und da gibt es Probleme und Streit – besonders in Korinth.

Paulus hatte die Gemeinde dort gegründet. Etwa drei Jahre danach muss er diesen Brief schreiben. Denn, so beginnt er seinen Brief: „Ich habe gehört, dass Streit unter euch ist!“ (1Kor 1,11).

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort“. Das bleibt das Ideal. Der Streit in Korinth schon damals ein Thema. Um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, brauchen wir einen Geist unter uns, der uns verbindet, der uns ermuntert, einen Geist, der den Streit überwindet. Ein Geist, der Gemeinschaft schafft. Das alles ist in Korinth einer Anti-Stimmung gewichen. Erst hat man sie wie einen aufziehenden Infekt in den Gliedern gespürt, dann wurde nach und nach der ganze Leib vom Streitbazillus befallen. Aber auch in dieser Gemeinde ereignet sich Pfingsten. Vielleicht wird das am Ende sogar das größere Wunder sein als damals in Jerusalem.

Ich lese aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 2, die Verse 12–16:

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen“? (Jes 40,13)

Wir aber haben Christi Sinn.

Liebe Gemeinde,

Er klingt deutlich nüchterner als das, was wir bislang von Pfingsten gehört haben. Wie sich die harmonische Einheit der Jünger in wundervoller Vielstimmigkeit entfaltet und viele der Umstehenden sich spontan begeistern lassen.

Hier, bei den Korinthern, da klingt es anders. Korinth war eine pulsierende Weltstadt, viel größer als Jerusalem. Ein Handels- und Umschlagplatz zwischen Orient und Okzident. Multikulturell und multireligiös. In Korinth treffen die verschiedensten Kulte und Wertvorstellungen aufeinander.

Die zerstrittenen Gruppen in der Gemeinde haben sich sogar schon Namen gegeben. In Anlehnung an verschiedene Autoritäten nennen sie sich Apollosleute, Pauluspartei oder Petruspartei. Mit seinem Brief will Paulus Frieden stiften. Er will die Einheit der Christinnen und Christen in Korinth stärken und zu einem konstruktiven Miteinander ermutigen.

Damit in Korinth Pfingsten werden kann, müssen sich alle wieder neu daran erinnern, was sie verbindet. Das ist bis heute eine wichtige Aufgabe in unseren Gemeinden. Anlass für Streit gibt es auch außerhalb von Korinth bis heute genug: Die einen streiten über die Musik im Gottesdienst. Andere streiten über die Belegung im Gemeindehaus oder gar über das Geld, das bei knappen Kassen den einzelnen Aufgaben in der Gemeinde zugeiwesen wird.

Was antwortet Paulus diesen christlichen Streithanseln? Paulus spricht vom Geist Gottes. Dem Geist, der Menschen bewegt. Der sie tröstet. Der Geist, der Gemeinde baut. Dieser Geist ist nicht mit dem Weltgeist zu verwechseln. Dem begegnen die Korinther auf den Marktplätzen und Straßen. Der Geist der Welt produziert Eitelkeiten und führt oft genug zur Abgrenzung. Über einem Vorhaben lag kein guter Geist, sagen wir. Du bist von allen guten Geistern verlassen, werfen wir unserem Nachbarn an den Kopf.

Der Geist Gottes ist dagegen ein Klebegeist. Er klebt, er verbindet Menschen. Diese Kraft ist nicht Beharrung, sondern Aufbruch zum Neuen. Und dieser frische Wind bringt sie zueinander. Dieser „Zusammenwachs-Geist“ ist ein Geschenk. Das ist für Paulus eine zentrale Einsicht. Man kann für Frieden und Eintracht in der Familie, in der Gemeinde oder am Arbeitsplatz viel tun. Aber, dass es gelingt, das ist ein Geschenk. Wir sind Beschenkte. Das ist das Erste und das Letzte, was Paulus uns hier sagt.

Wir haben Gottes Geist empfangen, den Geist Christi. Wir sind Empfangene. Immer, das ganze Leben hindurch: „Empfangen und genähret vom Weibe wunderbar“ – so sagt es Matthias Claudius in seinem Gedicht über den Menschen. Dann fährt er fort:  glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,/ hält nichts und alles wahr;/ erbauet und zerstöret/ und quält sich immerdar. Da ist er wieder, der korinthische Streitpilz. Paulus weiß um die Schwäche der Menschen. Er sagt: Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen. Da ist Pfingsten weit. Wir sind Empfangene. Von Gott beschenkte. Bis das bis zu den Korinthern durchdringt, muss ein dickes Brett gebohrt werden.

Aus uns selbst, von unseren natürlichen Fähigkeiten her, könnten wir das Empfangen nicht erkennen. Denn da sehen wir vor allem, was uns fehlt. Da richtet sich unser Auge auf Fehler, auf die eigenen und die der anderen. Das kann „natürlich“ Angst machen. Und Neid erwecken.

Ganz betont setzt Paulus hier das „Wir“. Wir haben empfangen, wir sind Beschenkte im Ersten wie im Letzten. Auch wenn jedes Erleben des Geistes besonders ist, so sondert es uns doch gerade nicht voneinander ab.

Sondern verbindet uns. Und schon darin, dass wir uns als Beschenkte erleben, wirkt der Geist. Alles, was ich bin, habe ich mir nicht verdient. Es ist Geschenk. Und im „Wir“, das der Geist Christi schafft, ist kein Raum für Überheblichkeiten. Denn im „Wir“ des Geistes geht es nicht entscheidend darum, wie leistungsfähig wir sind, was wir vollbracht haben und vollbringen. Weder in Korinth noch in Öhringen. Und anders als „natürliche“ Dinge und Sachverhalte lässt der Geist sich nicht messen und berechnen. Denn wie Christus, so ist auch der Geist eins und lässt sich nicht zerteilen.

Wohl wirkt der Geist in jedem Menschen je besonders. Gibt verschiedene Gaben und lässt sie auf unterschiedliche Weise entfalten und erblühen. Bei den Korinthern war manchen die Zungenrede gegeben, anderen die Fähigkeit zu heilen. Das ist besonders. Aber es ist nicht mehr oder besser als das stillere oder weniger Aufsehen erregende Wirken des Geistes in anderen.

Vom Ich zum Wir – auf diese Therapie setzt Paulus in Korinth – weil der Geist Gottes Einer ist und unteilbar. Dieses Wir, diese Gemeinschaft ist auch für uns in unseren Gemeinden ein großes Thema. Oft ist es gar nicht Streit, der ein Pfingstfest verhindert, sondern eine Sprachlosigkeit. Man spricht einfach nicht die gleiche Sprache.

Mir macht das zweierlei deutlich: Unsere Vorfahren im Glauben, die sich wie Luther wieder neu auf die Bibel berufen haben, entdeckten, dass Kirche nicht einfach immer da ist wie ein altes Haus. Das Augsburgische Bekenntnis macht deutlich, dass Kirche da ist, wo Menschen durch das Wort Gottes gerufen sind und gemeinsam dieses Wort Gottes hören und Christus nachfolgen. Diese Vergewisserung verbindet sich für mich mit einer tröstlichen Erfahrung, die ich am Ende der Coronazeit machte und die sicher viele mit mir teilen: Das gemeinsame Abendmahl führt uns in den Kirchen zusammen und wir treten an den Tisch des Herrn und empfangen Brot und Wein. Und als wir in einer Abendmahlsgruppe in einem Kreis zusammenstanden, da wurde mir bewusst, dass mich mit all diesen Menschen vor allem eines: Teil am Leib Christi zu sein. Nicht Reichtum oder Armut, nicht Herkunft oder Alter verbindet uns, sondern Christus. Mich entlastet das. Wir sind Empfangene – heute wie damals. Pfingsten ereignet sich in solchen Momenten. Gottes Geist verbindet uns, er schenkt uns Gemeinschaft – damals in Jerusalem, immer wieder in Korinth und ganz sicher auch in Öhringen. Amen. 

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl



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