| Bezirke und Gemeinden

„Wir haben ganz neue Angebote entwickelt“

Pfarrerin Dr. Inge Kirsner und Praktikantin Marie-Theres Luippold geben einen Einblick ins Leben der Tübinger Studierendengemeinde

Prof. Dr. Inge Kirsner, 58, ist seit Oktober 2018 eine von zwei Hochschulpfarrerinnen in der Studierendengemeinde (ESG) Tübingen. Marie-Theres Luippold hat Theologie studiert und ist Praktikantin in der ESG Tübingen. Wie sieht das Gemeindeleben in der ESG aus? Das erzählen sie im Interview.

Hochschulgemeinden bieten Studierenden inhaltliche Veranstaltungen, Gottesdienste und Gemeinschaft.Pixabay/ggarnhart

Können Sie die ESG Tübingen in drei Worten beschreiben?

Dr. Inge Kirsner: Begegnung, Bildung – und Bewegung, weil wir seit Beginn der Corona-Pandemie so viel Neues ausprobieren und lernen mussten.

Marie-Theres Luippold: Offen, familiär und wir beschäftigen uns hier auf eine andere Art mit inhaltlichen Themen als in der Universität.

Wie sieht das Gemeindeleben in der ESG aus: Welche Angebote und was für Treffpunkte gibt es?

Kirsner: Wir haben in jedem Semester ein Oberthema, das wir, Pfarrerinnen und Studierende, in ganz verschiedenen Gebieten entfalten wollen. Einmal in der Woche gibt es einen Themenabend mit Andacht, Essen und einem inhaltlichen Teil. Die Themen sind entweder gesellschaftlich-politisch, spirituell oder bestehen aus gemeinschaftlichen Aktionen. Während des Semesters gibt es an Sonntagen Hochschulgottesdienste für Studierende und Universitätsmitarbeitende. Zweimal pro Semester organisieren wir ökumenische Veranstaltungen, die sich mit konfessioneller Vielfalt auseinandersetzen, oder bieten auch schon mal gemeinschaftliche Aktionen wie ein Biertasting an. Auch für internationale Studierende machen wir ein Programm.

„Die ESG ist offen, familiär und wir beschäftigen uns hier auf eine andere Art mit inhaltlichen Themen als in der Universität.“

Marie-Theres Luippold
Inge Kirsner ist Pfarrerin in der Evangelischen Studierendengemeinde Tübingen.privat

Was für Angebote gibt es noch?

Kirsner: Wir bieten auch Einzelveranstaltungen an. Wir arbeiten mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammen, zum Beispiel mit der Initiative „Pro Ökumene“, dem „Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung“ und der Psychologischen Beratungsstelle. Als meine Kollegin und ich gemerkt haben, dass das Thema „Ängste“ bei vielen Studierenden eine Rolle spielt, haben wir mit Lehrenden aus Bereichen von Psychoanalyse bis Neues Testament Vortragsabende zum Umgang mit Ängsten angeboten.

Außerdem laden wir zu Lektürerunden ein, sowohl Bibellesekreisen, zu denen alle Bibeltexte mitbringen können, die sie oder ihn sehr beschäftigen, als auch zu anderen Büchern. Ich habe auch einen digitalen Bibellektürekreis veranstaltet, an dem Studierende teilnehmen konnten, die inzwischen an anderen Orten studieren.

Wir befinden uns ständig im Wechselspiel zwischen dem, was wir anbieten, und dem, was angenommen wird. Wir schauen, was gut läuft und den Leuten gut tut, und reagieren darauf, wenn offensichtlich an bestimmten Themen oder Formen kein großes Interesse besteht.

Luippold: Ich habe an einem ESG-Lesekreis teilgenommen, in dem wir die Bibel von Genesis an gelesen haben. Es war interessant, einen Text, von dem man denkt, dass man ihn schon kennt, in einer kleinen Gruppe zu lesen. Außerdem war es schön, dass man in den Bibel- oder Lektürekreis kommen konnte, ohne Angst zu haben, dass man theologisch vorgebildet sein muss, sondern dass das Angebot sehr niederschwellig war und wir in der Gruppe Gedanken zu den Texten zusammentragen konnten. So konnten wir die Bibeltexte noch einmal ganz neu beleuchten.

„Wir befinden uns ständig im Wechselspiel zwischen dem, was wir anbieten, und dem, was angenommen wird.“

Inge Kirsner
Marie-Theres Luippold macht im Anschluss an ihr Studium ein Praktikum in der ESG Tübingen.privat

Was ist im Moment das Semesterthema?

Kirsner: In diesem Semester, das nun zu Ende ist, war das Semesterthema „Peace“ (Frieden). Wegen Corona war Frieden ein stark gefährdetes Gut. Wir haben auf die Friedensbewegung und auf die 68er zurückgeschaut und uns damit beschäftigt, wie sich der Friedensbegriff entfaltet und verändert hat. Und wir haben auch Angebote gemacht wie zum Beispiel einen Workshop mit einer Coachin, die uns darin geschult hat, wie man in WGs Konflikte bewältigen kann.

Nächstes Semester wird das Thema dann „Super(wo)men“ sein. Es geht dabei nicht nur um Superheldinnen und Superhelden, sondern darum, dass Gott eine bestimmte Idee von uns hat und dass wir die Kraft bekommen, dem Bild gleich zu werden, das Gott von uns hatte, als er uns schuf, und dass wir unser Selbstbild im Gespräch mit Gott verändern und entwickeln.

Welchen Einfluss hatte Corona auf die ESG?

Kirsner: Ab März 2020 waren wir unglaublich gefordert, Neues auszuprobieren und uns zu bewegen, auch in Richtung Digitalisierung. Das war schwierig, weil die ESG sehr auf Begegnung und auf Analog-Veranstaltungen baut. Toll war, dass wir schon vor Corona auf den Weg gebracht haben, bei uns im sogenannten „Großen Saal“ eine Streaming-Möglichkeit einzubauen. Wir wollten die Möglichkeit haben, Filmabende zu machen und Gottesdienste zu übertragen. Als dann die Corona-Pandemie anfing, hatten wir dort im Saal auch Platz, um Abstand zu halten. Unseren Andachtsraum haben wir seit März 2020 nicht mehr belegt. Darin saßen wir früher sehr eng aneinander mit mindestens 20 Personen. Wir haben gemeinsam gesungen und gebetet. Die Atmosphäre bei den ESG-Andachten war sehr dicht und sehr schön. Toll war es, dass sich mit dem Beginn von Corona eine Band gebildet hat, die stellvertretend für uns gesungen hat.

„Die zufälligen Begegnungen fehlen seit Corona. Analog trifft man sich nach der Vorlesung, kommt dann über das Thema ins Gespräch und dann über etwas ganz anderes.“

Marie-Theres Luippold

Und wie hat sich die ESG während Corona weiterentwickelt?

Kirsner: Gut! Wir haben die ganze Zeit versucht, unser Programm aufrechtzuerhalten. Ganz kurz gab es eine Schockpause, aber im März 2020 waren sowieso Semesterferien. Bis es im April losging, hatten wir schon unsere Form gefunden und haben uns eine Zoom-Lizenz eingekauft. Im ersten Lockdown haben wir alles per Zoom gemacht, mitsingen durfte man leider nur ohne Mikrofon. Wir haben uns eben umgestellt. Immer am Semesterbeginn gibt es einen Kennenlernabend. Daraus wurde dann ein Video-Spieleabend. Normalerweise haben wir mit den Neuen auch Feste gefeiert.  Aber wir haben auch immer schon vor Semesterbeginn eine Stadtführung gemacht. Da das draußen war, war das wieder möglich. Und sobald es wieder ging, haben wir uns analog getroffen und hybride Veranstaltungsformate angeboten.

Hat die Corona-Pandemie auch Chancen geboten?

Kirsner: Ja, weil sich ganz neue Angebote entwickelt haben und wir über die Tübinger Grenzen hinaus agieren konnten. Und was wir in dieser Zeit noch geboten haben, war Gemeinschaft. Viele Studierende sind vereinzelt, für sie war es schrecklich, nicht das Schöne zu erleben, das eigentlich mit dem Studienanfang und der Zeit danach zusammenhängt. Dass es Feste gibt, man Leute kennenlernt und dass man sich bewusst ein neues soziales Umfeld sucht, das fiel alles weg. Und das hatte für sie Auswirkungen. Manche Studierende sind zu ihren Eltern zurückgezogen, andere konnten sich das nicht vorstellen.

Luippold: Ich habe auch erlebt, dass die zufälligen Begegnungen fehlen. Analog trifft man sich nach der Vorlesung, kommt dann über das Thema ins Gespräch und dann über etwas ganz anderes – das fehlt einfach. Zoom kann sehr gut funktionieren, aber man muss sich dafür verabreden. Das ist nichts, was zufällig stattfindet.

„Wir haben immer darauf geachtet, dass wir unsere Flyer überall auslegen: beim Kino, beim Bäcker oder in Clubs, damit auch Leute auf uns stoßen, die noch nie auf die Idee gekommen sind, in die ESG zu gehen.“

Inge Kirsner

Wie leicht oder schwer ist es, junge Menschen zu erreichen?

Kirsner: Als wir unsere Veranstaltungen noch größer gestalten konnten, haben wir immer darauf geachtet, dass wir die Flyer überall auslegen: beim Kino, beim Bäcker oder in Clubs, damit auch Leute auf uns stoßen, die noch nie auf die Idee gekommen sind, in die ESG zu gehen. Jedes Semester gewinnen wir neue Leute oder es stoßen Leute dazu, die bis dahin nicht wussten, dass es so etwas wie uns gibt.

Was erhoffen Sie sich für die ESG für das nächste Semester und die Zukunft?

Kirsner: Ich hoffe, dass Corona allmählich seinen Griff lockert und wir wieder mehr Personen zu uns einladen können. Aber wir werden sicher nicht mehr das Gleiche machen, was wir vorher gemacht haben. Ich freue mich auch darauf, wieder mehr für neue Interessierte offen zu stehen, weil wir bisher sehr damit beschäftigt waren, unser Programm überhaupt weiter anbieten zu können und in Kontakt zu bleiben, und dass sich die ESG also wieder stärker nach außen öffnet, wenn die Corona-Lage es erlaubt.

Luippold: Ich wünsche mir auch, dass sich das Gemeindeleben wieder öffnet. Wir haben kürzlich ein Wintergrillen veranstaltet. Das war ein Vorgeschmack auf zukünftige Feste. Wenn so etwas wieder größer stattfinden könnte und das Gemeindeleben wieder unbeschwerter sein kann, wäre das toll.


Schon gewusst?

Grafik: elk-wue.de

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