Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945

Der Originaltext des Stuttgarter Schuldbekenntnisses.

75. Jahrestag am 19. Oktober 2020

Die Verfasser sind Hans Asmussen, Otto Dibelius und Martin Niemöller, die während der Zeit des Nationalsozialismus in der „Bekennenden Kirche“ herausragende Persönlichkeiten waren. Die zentrale Formulierung des Schuldbekenntnisses lautet: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden.“

Theophil Wurm und Otto Dibelius
Theophil Wurm und Otto Dibelius.

Außer den drei Verfassern unterzeichneten acht weitere Kirchenvertreter diese Erklärung, darunter der damalige württembergische Landesbischof Theophil Wurm. In der Zeit unmittelbar nach dem Kriegsende war das Stuttgarter Schuldbekenntnis ein mutiger Schritt, da viele Menschen in Deutschland befürchteten, ein öffentliches Schuldbekenntnis würde den Besatzungsmächten Argumente für umso härtere Vergeltungsmaßnahmen liefern. So war die Reaktion auf die Stuttgarter Erklärung vielfach Empörung und Unverständnis.

Aber das Schuldbekenntnis war ein schon damals notwendiger Schritt. Zur Stuttgarter Versammlung im Oktober 1945 waren hochrangige Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen gekommen, die die Hand zur Versöhnung mit den deutschen Christen ausstreckten. Dazu erwarteten sie von Seiten der Kirchen ein klares Schuldbekenntnis.

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis im Verordnungs- und Nachrichtenblatt der EKD 1945.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis im Verordnungs- und Nachrichtenblatt der EKD 1945.

Nur wenigen ging in den Jahren nach 1945 das Stuttgarter Schuldbekenntnis nicht weit genug. Einige Theologen – wie Paul Schempp und Hermann Diem – kritisierten, dass die Erklärung weder den Holocaust noch Kriegsursachen ausdrücklich benannte. Anderen gefiel das „Eigenlob“ der Formulierungen nicht, wie wenn die Christen zwar mutig bekannt hätten, nur nicht mutig genug.

Erst Jahre später hat die eigentliche Aufarbeitung des kirchlichen Versagens in der Zeit des Nationalsozialismus begonnen. Bis in die 1980er-Jahre dauerte es, bis die meisten evangelischen Landeskirchen eigene Schuldbekenntnisse und Erklärungen – vor allem im Blick auf die Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden – verabschiedet haben.

Dr. Joachim Hahn

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