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Für die Menschen da am Flughafen in Stuttgart

Matthias Hiller ist Seelsorger für Reisende

Matthias Hiller ist Flughafenseelsorger am Flughafen Stuttgart. Er hilft, wenn Reisende und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Unterstützung oder Zuwendung benötigen. Mit welchen Schwierigkeiten kommen die Menschen zu ihm? Marie Schächtele hat den Pfarrer begleitet.

Check-in, Gepäck aufgeben und Sicherheitskontrolle: Reisende am Flughafen Stuttgart.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Terminal 3 des Stuttgarter Flughafens. Stimmengewirr. Männer und Frauen ziehen Rollkoffer durch die Halle. Eine große Tafel gibt darüber Auskunft, wann die nächsten Maschinen losfliegen. Ein Koffer klappert dumpf, als er bei der Sicherheitskontrolle über das Förderband rollt.

Hilfe, Zuwendung und Seelsorge

Im Terminal befindet sich – etwas versteckt – das Büro der evangelischen Flughafenseelsorge Stuttgart. Hier kümmern sich der evangelische Flughafenseelsorger Matthias Hiller, seine katholische Kollegin Mechthild Foldenauer und ein Team von 30 Ehrenamtlichen um Menschen, die am Flughafen Hilfe, Zuwendung oder Seelsorge suchen.

Pfarrer und Flughafenseelsorger Matthias Hiller vor dem Flughafen Stuttgart.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Ein Team aus Hauptamtlichen und 30 Ehrenamtlichen

Wenn Hiller seine Arbeit beschreibt, dann erzählt er von verschiedenen Begegnungen mit Menschen, jede einzigartig. „Am Flughafen waren noch keine zwei Tage gleich“, sagt er.

Er erinnert sich zum Beispiel daran, wie ein junger Familienvater wegen eines medizinischen Notfalls auf dem Weg von Nord- nach Südeuropa eine Notlandung des Flugzeugs in Stuttgart auslöste. Hiller half der Familie, eine Unterkunft zu finden und hielt den Kontakt zum Krankenhaus, in das die Familie ohne PCR-Test nicht hineindurfte.

Häufig würden die Menschen Hilfe bei praktischen Fragen benötigen, erklärt Hiller. Das klingt einfacher, als es ist. Etwa im Falle eines Mannes – psychisch krank oder dement –, den Ehrenamtliche der Flughafenseelsorge zur richtigen Zeit zum richtigen Flugzeug brachten.

Verzweifelt und voller Angst vor der Heimreise

Zu einer schwierigen Situation sei es gekommen, als ein Mann aus einem Land außerhalb der Europäischen Union nachts in der Kapelle des Flughafens saß und weinte, erzählt Hiller und beschreibt den Mann: „Er war groß und kräftig und ihm war anzusehen, dass er körperliche Arbeit gewohnt war.“ Er zeigte einen Zettel vor, auf dem eine Behörde ihn anwies, Deutschland zu verlassen. Und berichtete: Sein „Clan“ würde ihn nun als Söldner nach Russland schicken. Er wolle das nicht, könne aber nicht widersprechen.

Er sei in seiner Verzweiflung nicht leicht zu trösten gewesen, erinnert sich Hiller. All das Reden über die komplizierte Situation führte dann zu seiner Bitte, Hiller möge in der Kapelle noch ein persönliches Gebet und einen Reisesegen für ihn sprechen. Hiller segnete ihn, mit Worten und Gesten, wie sie auch in der christlich-orthodoxen Welt verstanden würden. „Einen tief verzweifelten Menschen mit einer beklemmenden Zukunft kann und will ich nicht ohne Segen und Trost Gottes ziehen lassen“, sagt der Flughafenseelsorger.

„Einen tief verzweifelten Menschen mit einer beklemmenden Zukunft kann und will ich nicht ohne Segen und Trost Gottes ziehen lassen.“

Matthias Hiller, Flughafenseelsorger

Auf der Flucht aus der Türkei mit zwei Kindern

Ein anderes Beispiel: Eine Frau mit ihren beiden Kindern, ein und drei Jahre alt, war aus der Türkei geflohen, nachdem der Ehemann und Vater eines Nachts verhaftet worden war. Weil die Frau bis zum zwölften Lebensjahr in Deutschland gelebt hatte, besaßen sie und ihre Kinder deutsche Pässe. An einem Freitagnachmittag um 17 Uhr brachte die Polizei sie zu Matthias Hiller.

Die Frau wusste nicht, wohin sie mit ihren Kindern gehen sollte. Hiller wollte ihr einen Platz in einer Einrichtung, etwa einem Frauenhaus, vermitteln. Aber alle Einrichtungen waren belegt. „Außerdem war das türkische Impfzertifikat von deutschen Covid-Zertifikat-Scannern nicht lesbar“, sagt er. Doch ohne Zertifikat konnte die Familie auch kein Hotelzimmer buchen.

Die Corona-Pandemie hat die Hilfe erschwert

Seit Beginn der Corona-Pandemie dauerten viele Betreuungseinsätze „deutlich länger“, erklärt Hiller. Der Zugang zu den Hilfen der Behörden und Einrichtungen sei durch die Corona-Regelungen viel komplizierter geworden.

Links eine Spielhalle, rechts Getränkeautomaten: Inmitten der Geschäftigkeit des Flughafens liegt die Flughafenseelsorge.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Helfen „ohne Ansehen der Person“

Nicht alle Menschen brauchen dasselbe. Was für eine Haltung benötigen die Menschen in der Flughafenseelsorge, um allen unvoreingenommen zu helfen? Für ihn ist klar, dass das Team „ohne Ansehen der Person“ jeder und jedem helfe, erklärt Hiller. Der Leitsatz der Mitarbeitenden sei: „Ich mag dich, weil Gott dich mag.“

Einmal sei ein Mann nach einem Junggesellenabschied in Mallorca orientierungslos in Badehose aus dem Flugzeug gestiegen. Polizisten brachte ihn zum Flughafenseelsorger. „Wir haben Kontakt zu Verwandten aufgenommen“, sagt Hiller. Anschließend hat das Team der Flughafenseelsorge dem übernächtigten Mann geholfen, nach Hause zu kommen.

Auch eine ältere Dame, die eine Rundreise durch Europa machte und im Flugzeug plötzlich eine Panikattacke bekam, kommt ihm in den Sinn. Als sie mehrere Tage im Hotel in Stuttgart blieb und seelsorgerlich betreut wurde, zeichnete sich ab, dass ein frühkindliches Trauma die Attacke ausgelöst haben könnte.

Konflikte zu lösen, gehört zu den Aufgaben des Seelsorgers

Manche Situationen wirken etwas grotesk, trotz der persönlichen Tragik, zum Beispiel ein Konflikt am Check-in, den Hiller und sein Team lösen mussten: Eine Mitarbeiterin und eine Griechin stritten laut. Die Griechin war mit einem Fahrrad zum Flughafen gekommen und wollte damit zurück nach Griechenland fliegen. Das Fahrrad hätte sie auch schon bei der Reise nach Deutschland dabeigehabt, so die Frau. Sperrgepäck, wie für ein Fahrrad vorgeschrieben, hatte sie aber nicht gebucht. Und der Flug war voll bis auf den letzten Platz.

Die Frau ließ sich von den Flughafenseelsorgern überzeugen, das Rad nachschicken zu lassen. Vier Wochen versuchte das Team dann, einen Paketdienst zu finden, der bereit war, das zerlegte Rad auch auf eine griechische Insel – den Wohnsitz der Frau – zu bringen.

„Als Flughafenseelsorger können wir kreative Lösungen für Menschen mit komplizierten Problemen vorschlagen“, erklärt Hiller. „Es geht nicht darum, ob es einfach geht, sondern darum, dass es den Menschen hilft.“

Die Flughafenkapelle, ein Ort für Stille und Gebet.Bild: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Wichtige Zutaten bei der Seelsorge: Neugier und Kreativität

Die Professionalität und der Wille, anderen zu helfen, müssten mit Neugier und liebevoller Zuwendung zu fremden Menschen gepaart sein. „Die uns Menschen von Gott gegebene Neugier müssen wir uns erhalten“, sagt Hiller. „Wer bist du? Wie können wir dir helfen?“ So müsse man sich auf den Menschen einlassen. „Neugier auf den Nächsten ist eine wichtige Grundlage für die Liebe zu anderen Menschen.“ Dass man für sich selbst die Haltung behalte, „ich möchte dir nicht meine Lösungen sagen, sondern das, was dir heute und jetzt weiterhilft“, sei wichtig.

„Neugier auf den Nächsten ist eine wichtige Grundlage für die Liebe zu anderen Menschen.“

Matthias Hiller, Flughafenseelsorger

Mitten im Leben der Menschen ansprechbar

Ein großer Teil der Probleme entsteht durch kulturelle Hürden, etwa wenn sprachliche Hindernisse auftreten. Wo fliegt das Flugzeug ab? Was kann ich tun, nachdem die S-Bahn nicht kam? Hiller hat Erfahrungen mit kulturellen Barrieren. Er hat selbst schon in mehreren afrikanischen Ländern und in den USA gearbeitet, spricht fließend Englisch, das westafrikanische Hausa, versteht Russisch und etwas Arabisch.

Aus den praktischen Nöten würden immer wieder persönliche begleitende Gespräche, in denen Fragen aufgeworfen würden wie „Wieso passiert mir das?“ oder „Wie kann Gott das zulassen?“. „Menschen drängt es, Erlebnisse und Belastungen bei uns loszuwerden. Denn wir sind Kirche und uns vertrauen sie.“ Hiller trifft auch auf Menschen, die gerne mit der Flughafenseelsorge sprechen, aber sich scheuen würden, sich Menschen in der lokalen Gemeinde zu öffnen, erzählt er.

„Wir tun hier als Kirche das, was wir eigentlich auch sonst viel mehr leben sollten“, sagt Hiller, „ganz für die Menschen da sein“. Die Kirche sei dort mitten im Leben der Menschen ansprechbar.

Die Flughafenseelsorge hat einen guten Ruf. „Hier werde ich pro Monat öfter positiv auf Kirche angesprochen als sonst im ganzen Jahr“, so Hiller. Es komme vor allem Positives zurück. Das Rezept der Seelsorgenden: „Wir wollen den Menschen so begegnen, dass wir ein positives Bild von Gott vermitteln“, sagt Hiller.


Über die Flughafenseelsorge

  • Im ersten Halbjahr 2022 hat die Flughafenseelsorge rund 3600 Kontakte und Betreuungen gezählt. Als Kontakt zählt eine Beratung von mehr als drei Minuten, als Betreuung eine Unterstützung von mehr als 15 Minuten.
  • Die Flughafenseelsorge kümmert sich um Passagiere, Menschen, die Reisende abholen oder zum Abflug begleiten, und Fahrgäste am Stuttgart Airport Busterminal.
  • Auch um die Mitarbeitenden kümmert sich die Flughafenseelsorge. Am Flughafen arbeiten circa 10.000 Menschen. Knapp 80 Firmen und Dienstleister arbeiten am und mit dem Flughafen. Dazu gehören auch rund 800 sogenannte „Blaulichtkräfte“, also zum Beispiel Zoll, Landespolizei, Bundespolizei, Rettungskräfte und die Berufsfeuerwehr des Flughafens.
  • Während sich Hiller neben den Passagieren besonders um die Blaulichtkräfte kümmert, ist seine katholische Kollegin schwerpunktmäßig Ansprechpartnerin für die Beschäftigten und Firmen.

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