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Häusliche Gewalt nimmt zu

Corona verschärft bestehende Probleme

Bald nach Beginn der Pandemie sagten Fachpersonen einen Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt voraus. Diese Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Frauenhäuser und Beratungsstellen sind am Limit, nicht erst seit der Pandemie. Drei Stimmen aus der Praxis über die Hilfe für Frauen* unter Corona-Bedingungen.

Häusliche Gewalt betrifft immer mehr Frauen und Kinder – aber nicht erst seit der Corona-Pandemie. Gerd Altmann / Pixabay

„Häusliche Gewalt hat in der Corona-Pandemie zugenommen“, davon ist Alexandra Gutmann überzeugt. Sie leitet die Heilbronner Mitternachtsmission, eine Einrichtung des Diakonischen Werks für den Stadt- und Landkreis Heilbronn. Die Pandemie wirkt sich doppelt aus, denn die Gewalt nimmt zu, während die Freiräume für die Suche nach hilfe schrumpfen: „Im Zuge der Kurzarbeit und des Home-Office sind manche Frauen gar nicht in der Lage, sich Hilfe zu suchen, weil die Täter viel mehr zu Hause sind.“

Alexandra Gutmann, Leiterin der Heilbronner MitternachtsmissionDiakonisches Werk Heilbronn

Mehr Druck, mehr Aggressionen

Die Zahlen zu Fällen häuslicher Gewalt sind ihrer Meinung nach also nur bedingt aussagekräftig: „Manche Frauen können sich gar nicht melden, und andere möchten nicht in ein Schutzhaus gehen, weil sie Angst vor Ansteckung haben“, so Alexandra Gutmann. Andere Frauen schreckt die anfängliche Isolation im Frauenhaus ab – aus Gründen des Infektionsschutzes müssen Neuankömmlinge in eine Quarantäne. „Trotz dieser Hindernisse sind die Zahlen so hoch“, betont sie. So stand die Mitternachtsmission im Jahr 2020 mit 810 (2019: 664) Personen in Kontakt, die von Gewalt im sozialen Nahraum betroffen waren, davon wurden 349 (2019: 307) Frauen und Kinder intensiv begleitet.

Für Alexandra Gutmann ist es nur logisch, dass die Fälle häuslicher Gewalt zugenommen haben – wegen des steigenden Drucks in Krisensituationen. „Wenn ein Täter schon in anderen Zeiten mit seinen Aggressionen nicht konstruktiv umgehen kann, wird dies in der Krise noch schwieriger.“ Sorge um den Arbeitsplatz, finanzielle Probleme, beengte Wohnverhältnisse, Mehrfachbelastungen mit Home-Schooling und Home-Office tragen dazu bei.

In der Mitternachtsmission finden Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erleben, ambulante Beratung, Begleitung und Seelsorge, sowohl persönlich als auch telefonisch. Die Mitarbeitenden unterstützen die Betroffenen bei rechtlichen Schritten wie Wohnungsverweisen oder gerichtliche Wohnungszuweisungen, nehmen sie in ein Frauen- und Kinderschutzhaus auf oder vermitteln sie an ein anderes Schutzhaus weiter. Zur Stabilisierung für ein Leben ohne Gewalt nach dem Aufenthalt im Schutzhaus gibt es Nachsorgeangebote für Kinder und Frauen, wie „Continue“, „GewaltFrei“ und „Hoffnungsträger“ sowie Präventionsangebote für Schulklassen, Jugend – und Konfigruppen.

Martina Haas-Pfander, Referentin für Frauen- und Kinderschutzhäuser beim Diakonischen Werk WürttembergDiakonisches Werk Württemberg

Soziale Unterschiede? Das Thema betrifft alle

62 Plätze für Frauen und Kinder gibt es in den vier Frauenhäusern in Württemberg und zwei Frauenhäusern in Baden, für die Martina Haas-Pfander, Referentin für Frauen- und Kinderschutzhäuser beim Diakonischen Werk Württemberg, zuständig ist. Die Aufenthaltsdauer reicht von einer Übernachtung bis zu mehreren Monaten. Als erste Anlaufstelle dienen in Württemberg insgesamt sieben Fachberatungsstellen. Im Durchschnitt werden pro Jahr 250 Frauen und Kinder aufgenommen, berichtet sie. „Das Thema betrifft alle gesellschaftlichen Schichten gleich, die einen können es vielleicht etwas besser verstecken als die anderen“, sagt sie. Soziale Unterschiede führen für manche Frauen zu längeren oder wiederholten Aufenthalten im Frauenhaus – auch hier wirken sich soziale Unterschiede aus: „Wer ein großes Netzwerk oder sogar Freunde mit Immobilien hat, findet in Zeiten von Wohnungsnot leichter eine neue, eigene Unterkunft.“  Einen Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt sieht auch sie seit Jahren, nicht erst in der Corona-Pandemie.

Wege zeigen, Mut machen, aufklären

Sylvia Dieter, bei den Evangelischen Frauen Württembergs (EFW) unter anderem als Referentin für das Thema Gewalt gegen Frauen zuständig, bestätigt das. Die Auslöser für Gewalt hätten sich in der Pandemie verstärkt: „Die psychische Überforderung ist groß, Ablassventile fehlen.“ Die Arbeit der EFW - zu sensibilisieren, informieren und als Multiplikatorin zu dienen – sei wichtiger denn je. Sensibilisierung helfe, dass das Umfeld nicht wegschaue. Es gelte, Betroffenen Wege aufzuzeigen und Mut zu machen, auch aufzuklären, wie man über Gewalterfahrungen sprechen kann. Das setze schon bei der Erziehung an: „Vermitteln, dass man ‚Nein‘ sagen darf, wenn man etwas nicht will“, hält sie für essenziell.

Nah am Menschen trotz Pandemie

Für die Beratungsstellen wie die Mitternachtsmission ist die Arbeit in der Pandemie davon geprägt, Wege zu finden, die Angebote aufrechtzuerhalten. Immer wieder neue Hygienekonzepte zu entwickeln, kreativ auf den jeweiligen Bedarf zu reagieren und die Mitarbeitenden zu begleiten – das seien die ständigen Herausforderungen, beschreibt Alexandra Gutmann ihren derzeitigen Alltag. So musste die Mitternachtsmission weitere Schutzunterkünfte anmieten, um die Abstandsregelungen einzuhalten und Quarantänemöglichkeiten vorhalten zu können. Hinzu kommt: „Die Arbeit mit Betroffenen häuslicher Gewalt ist nicht aufs Home-Office und reine Telefonberatung reduzierbar. Wir arbeiten weiterhin nahe an den Menschen, mit Maske und Abstand und viel Lüften, und haben früh Spaziergänge als Möglichkeit der Beratung entdeckt“, berichtet Gutmann.

Evangelische Frauen Württemberg

Strukturprobleme werden sichtbar

Für Sylvia Dieter hat sich in der Pandemie eine Entwicklung verschärft, die sich bereits zuvor abzeichnete. Schon vorher hätten die Frauenhäuser und Beratungsstellen einen steigenden Bedarf gemeldet. „Jetzt wird sichtbar, was man jahrzehntelang nicht sehen wollte“, sagt sie, und macht auf finanzielle Probleme und fehlende Infrastruktur aufmerksam. So fehlten in Baden-Württemberg mindestens 600 Plätze – nicht erst in der Pandemie-Zeit. Dazu komme, dass in vielen Bereichen befristet finanziert werde, es brauche hier aber garantierte Zusagen, betont sie.

Eine einheitliche Regelung bei der Finanzierung der Frauenschutzhäuser sei dringend notwendig, so Martina Haas-Pfander, derzeit bestehe ein „Flickenteppich“. Es komme vor, dass Schutz suchende Frauen aus anderen Landkreisen aufgenommen werden; später entstehe dem Frauenhaus ein Defizit, weil der Herkunftslandkreis der Frau sich weigere, die Kosten zu übernehmen. „Jahrelange Rechtsstreitigkeiten um die Beherbergungskosten entstehen – dies darf nicht auf Kosten der Frauen und des Frauenhauses ausgetragen werden“, betont die Referentin des Diakonischen Werkes. Sie wünscht sich eine einheitliche bundesgesetzliche Regelung. In der Corona-Pandemie sei es zusätzlich zu Mindereinnahmen in den Häusern gekommen, da diese nicht voll belegt werden konnten, um die Abstands- und Quarantäneregeln einzuhalten. Ehrenamtliche Kräfte konnten nicht eingesetzt werden, da sie zu Risikogruppen gehörten. Diese fehlten etwa bei der Kinderbetreuung, gerade in Phasen des Home-Schooling, das in den begrenzten räumlichen Möglichkeiten der Frauenhäuser stattfand. Mittlerweile entspanne sich hier die Lage durch die Impfungen, berichtet sie.

„Die Uhr tickt“

Auch für Alexandra Gutmann hat sich in der Corona-Pandemie nur noch mehr verdeutlicht, was schon vorher spürbar war. „Die Frauenhäuser benötigen eine bessere Ausstattung, nicht nur in Bezug auf die Finanzierung, sondern auch auf die Platzzahl.“ Praktische und finanzielle Spenden hätten geholfen, die extremen Zusatzkosten abzufedern, die 2020 in einem hohen fünfstelligen Bereich gelegen hätten. Landesmittel finanzierten Zusatzquartiere nicht kostendeckend. Sie verweist auf die Istanbul-Konvention, ein internationales Abkommen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen; Deutschland ist der Konvention im Februar 2018 beigetreten. Berechnet man die erforderlichen Plätze für die Region danach, bräuchte es in der Region doppelt so viele Plätze wie bisher vorhanden. Dazu wünscht sie sich ein klares Bekenntnis des Landes und der Kommunen. Es gebe Zeiten, in denen in Baden-Württemberg kein einziger freier Platz mehr zur Verfügung stehe. „Die Uhr tickt schon lange. Corona hat das noch einmal sehr deutlich gezeigt.“

 

*Anm. d. Red.: Häusliche Gewalt ist geschlechterübergreifend; in diesem Beitrag behandeln wir die spezifische Situation der häuslichen Gewalt gegen Frauen.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) Baden-Württemberg erfasst häusliche Gewalt ausschließlich als Partnergewalt. Diese ist definiert als „direkte physische oder psychische Einflussnahme von gewisser Erheblichkeit auf Ehe- oder gleichzustellende Partner einer Beziehung“. Nicht dazu zählen strafbare Handlungen zwischen Geschwistern und zwischen Elternteilen und Kindern.  Nach der PKS stiegen die von Partnergewalt umfassten Delikte, darunter Körperverletzung, Vergewaltigung, Nötigung und Bedrohung im Jahr 2020 gegenüber den Zahlen aus 2018 und 2019 an. So verzeichnet die Statistik 2020 in der Rubrik Körperverletzungen gegenüber Frauen 10786 Fälle (2019: 10133; 2018: 9508). Die Delikte Nötigung, Bedrohung und Nachstellen (Stalking) wurde 2020 2347mal erfasst (2019: 2156; 2018: 2088).


Anlaufstellen

- Bundesweites Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: www.hilfetelefon.de, kostenlos erreichbar unter 08000 116 016

- Hilfsangebote bei häuslicher und sexualisierter Gewalt: Informationen auf der Seite des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg:

https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/soziales/gegen-gewalt-an-frauen/hilfe-und-unterstuetzung/

- Krisen- und Notfalldienst Stuttgart (EVA Stuttgart): 01 80 - 511 0 444

- Telefonseelsorge: Kostenfrei unter 0800/111 0 111 und  0800/111 0 222  oder  116 123

https://www.telefonseelsorge.de/

Internationale Hilfetelefone: https://www.telefonseelsorge.de/international-helplines/

- Diakonische Beratungsstellen (interaktive Karte):

https://www.diakonie-wuerttemberg.de/landkreis-und-kirchenbezirksdiakonie-existenzsicherung/diakonie-der-kirchenbezirke/diakonische-beratungsstellen

- Psychologische Beratungsstellen (Landesstelle): www.psych-beratungsstelle-landesstelle.de

Psychologische Beratungsstellen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg: https://www.psych-beratungsstelle-landesstelle.de/psychologische-beratung-in-wuerttemberg/

- Mitternachtsmission Heilbronn:

https://www.diakonie-heilbronn.de/was-wir-bieten/unsere-abteilungen/mitternachtsmission.html

- Weißer Ring/Opfer-Notruf/Info-Telefon: 116 006 https://weisser-ring.de/weisser-ring/standorte

- Hilfetelefon sexueller Missbrauch, bundesweit: 0800 22 55 530

www.hilfeportal-missbrauch.de oder nina-info.de/hilfetelefon.html

- Hilfetelefon für Kinder und Jugendliche: Nummer gegen Kummer: 116 111,

https://www.nummergegenkummer.de/

- Online-Beratungsangebot für Jugendliche: https://nina-info.de/save-me-online

- E-Mail-Beratung für Jugendliche: https://www.nethelp4u.de/

- Elterntelefon: https://www.nummergegenkummer.de/elternberatung/elterntelefon/

0800 111 0 550

- Frauenhauskoordinierung e.V.:

https://www.frauenhauskoordinierung.de/

Spendenmöglichkeiten:

Viele der obengenannten Stellen bieten auf ihren Internetseiten die Möglichkeit, sie durch Spenden zu unterstützen, zum Beispiel.:

- Mitternachtsmission Heilbronn: https://www.diakonie-heilbronn.de/ich-moechte-helfen/ich-moechte-spenden/spendenkonto.html

- Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/spenden/

- Nummer gegen Kummer: https://www.nummergegenkummer.de/unterstuetzen/spenden/

- Diakonisches Werk Württemberg: https://www.diakonie-wuerttemberg.de/spenden?neues-spendenformular-4046/spende


Judith Hammer