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Gott begegnen: mobil und an der Theke

Eine Kapelle auf Rädern und andere neue Wege in Nürtingen

MoKa, die mobile Kapelle - wartet auf den nächsten Einsatz. Judith Hammer/elk-wue.de

Nürtingen. „Den Menschen entgegen gehen“ – ob in einer Kapelle auf Rädern oder an einer Theke in der Kirche. Ein Besuch bei Pfarrer Markus Frank in Nürtingen, der mit beidem seine Erfahrungen sammelt. Und nun darauf wartet, dass persönliche Begegnungen nach Corona wieder möglich werden.

Der Nürtinger Pfarrer Markus Frank.privat

Steinig ist er nicht, der Weg zur MoKa, zur mobilen Kapelle des Evangelischen Jugendwerks Nürtingen. Aber der Boden ist vom anhaltenden Regen durchweicht - jeder Schritt ein schmatzendes Geräusch. Pfarrer Markus Frank geht voran auf der Wiese hinter dem Gemeindezentrum der Nürtinger Versöhnungskirche. Dort parkt die mobile Kapelle, bis sie zu ihrem nächsten Einsatz kommt. Der erste Eindruck von außen: Eine Mischung aus gepflegtem Bauwagen und Wohnwagen.

Aufgehoben im kleinen Raum

Im Inneren: Die Wände und der Boden bestehen aus Holz. So wirkt der Raum gemütlich, schlicht. Auf dem Boden liegen Flickenteppiche, es gibt ein Sofa und einen Sitzschemel.

Zur Ruhe kommen im schlichten Innern der Kapelle. Judith Hammer/elk-wue.de

Ein Ofen wärmt den kleinen Raum. Mit dem Traktor bringt Pfarrer Markus Frank die Kapelle - außerhalb von Corona-Zeiten - in Schulen und zu Veranstaltungen, beispielsweise zum Bezirkskirchentag. Oder der Konfirmanden- oder Religionsunterricht finden darin statt. Dann heißt es: Schuhe ausziehen und zusammenrücken. Man sitzt nah beieinander, auf dem Boden. Eine „eigene Spiritualität“ habe es, so miteinander ins Gespräch zu kommen, erzählt Pfarrer Frank.

„Sich aufgehoben fühlen“, das ist das, was der kleine Raum vermittelt, findet er. Die mobile Kapelle soll eine besondere Wirkung haben: Selbst unruhige Klassen würden ruhiger, das Sich-Sammeln scheine leichter zu fallen. Heimelig sei es, und den jungen Menschen gefalle das, vor allem, wenn dazu noch der kleine Heizofen an ist. So entstehen Gespräche über das Leben und den Glauben, hier finden sie ihren Raum.

Das Schild neben der Tür fordert auf: Bitte Schuhe ausziehen!Judith Hammer/elk-wue.de

Von Grund auf selbst gebaut

Pfarrer Markus Frank hat die Kapelle auf Rädern selbst gebaut. „Von Grund auf“, betont er – für Besucher steht es auf einem Schild an der Tür. Das flößt schon vor dem Betreten Respekt ein. Ein Jahr lang sägte, schmirgelte und baute er, verwendete heimisches Material. Er habe wenig geschlafen, erzählt er. Das Massivholz war ihm wichtig – deshalb wiegt die Kapelle jetzt auch drei Tonnen. Zehn verschiedene Hölzer hat er verwendet, das Holz selbst gesägt und getrocknet.

Die Kirche zu den Menschen bringen – das hört sich jetzt nach einer guten Idee an, an deren Anfang aber nur die Lust stand, etwas zu bauen: Er habe einfach angefangen, sagt Frank, dessen Großvater Schreiner war, und erklärt sein Prinzip, mit Leidenschaft an ein Projekt heranzugehen. „Der Rest ergibt sich auf der Strecke.“ So ergab sich hier eine mobile Kapelle.

Andere Räume: Steine des Anstoßes?

Vertrauen in ein Projekt, das braucht(e) Pfarrer Markus Frank auch beim Umbau der Versöhnungskirche, der im Herbst 2019 vollendet war. Wer Steine des Anstoßes sucht, findet gleich mehrere.

Von Theken und Bänken

Der Kirchenraum ist groß, zu übersehen ist sie trotzdem nicht: die halbrunde, bunt beleuchtete Theke in der Versöhnungskirche in Nürtingen – gleich links vom Eingang. Man wäre nicht überrascht, würde einem hier ein Glas Sekt angeboten, das man anschließend abstellen würde auf dem Holz einer Kirchenbank.

Die Theke in der Versöhnungskirche Nürtingen. Judith Hammer/elk-wue.de

Es sei ein Wunsch der Jugendlichen gewesen, hier eine Theke im Kirchenraum zu haben, erzählt Pfarrer Markus Frank, ein Ort der Begegnung sollte entstehen, genau hier, mit einem Raum, der „den Menschen entgegen geht“. Die Versöhnungskirche ist nicht nur Gemeindekirche, sondern auch Ort des evangelischen Ferienlagers FELA und zentrale Kirche für die Jugendarbeit im Kirchenbezirk und ihre Junge Kirche „NOVA“.

Gemeinsam mit dem Pfarrer und einem Schreiner bauten Jugendliche die Theke und installierten auch die LED-Beleuchtung. Wer möchte, wird durch die Lampen darüber an die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist erinnert – laut Frank ist das aber eher ein Nebeneffekt.

Dieses Holz war einmal Teil einer Kirchenbank. Judith Hammer/elk-wue.de

Das Holz für die Platte der Theke stammt von ausgedienten Kirchenbänken, die Bänke sollten flexiblen Stühlen weichen. „Wir wollten, dass sich hier etwas wiederfindet, dass etwas bleibt“, erzählt Pfarrer Frank. So entstand eine Verbindung zwischen Alt und Neu.

Wer nutzt dieses ungewöhnliche Kirchenmobiliar? Viele: junge Menschen nach Jugend-Gottesdiensten, aber auch andere Gruppen, etwa beim sonntäglichen Kirchenkaffee. Die Menschen bleiben auf eine Tasse Kaffee stehen, direkt in und nach der Kirche. „So haben wir am wenigsten Verlust“, berichtet Pfarrer Frank. „Unkompliziert zusammenkommen und Anteil am Leben nehmen“, das sei so möglich. Aber er räumt auch ein: Das Konzept trifft nicht nur auf Zustimmung.

Kritik begegnen: „Der Raum verträgt das“

Wegen der Theke bleiben manche Gemeindemitglieder der Kirche inzwischen fern. Pfarrer Frank schmerzt das. Er appelliert, hört zu: „Das, was uns wichtig ist, ist doch immer noch da.“ Aber die Veränderung anzunehmen, fällt nicht jedem leicht. Für Jugendpfarrer Markus Frank ist klar: „Die spirituelle Qualität bleibt“, sagt er, „Gott begegnet uns auch bei Neuerungen“.

Er ist sich sicher: „Der Kirchenraum hat diese Kraft, der Raum verträgt das."

Nicht nur die Theke unterscheidet diese Kirche von anderen: Statt durchgehender Bänke stehen hier jetzt einzelne Stühle aufgereiht. So kann man den Raum besser anpassen an das, was darin stattfinden soll. Auch die Stühle haben ihre Kritiker, „Gartenstühle“ nennen sie sie.



Stein des Anstoßes Nummer 3: Die Lichtanlage, die auch schon für eine Disco zum Einsatz kam. Für andere ist sie ein Element in der modernen Kirche, die nach den Bedürfnissen der Menschen geht.

Inzwischen gewöhnt haben sich alle an die Leinwand und den Beamer, auf den der Wochenspruch und in Gottesdiensten die Liedtexte projiziert werden. „Das weiß man immer, wo man ist, das schätzen auch die weniger Geübten.“ Was zuerst als zu dominant und fremd galt, gehöre jetzt dazu. Ob das auch eines Tages mit der Theke so sein wird?

Pfarrer Markus Frank hofft es. Er testet weiter: Bereits jetzt gibt es alle sechs Wochen Frühstück in der Kirche, vor dem Gottesdienst. Dazu sollen demnächst aus alten Bänken kleine Tischchen geschreinert werden.


Judith Hammer