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Landesbischof July zur Jahreslosung 2021

EMH/Gottfried Stoppel

Aus der Bergpredigt stammt die Jahreslosung für 2021: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist" – Sie stellt uns vor eine schwierige Herausforderung, schreibt Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July:

Eine Jahreslosung ist kein Regierungsprogramm. Keine Vorschrift. Auch nicht ein weiterer moralischer Appell in Zeiten, in denen die Appelle nur so auf uns hereinprasseln.  So viele Aufrufe und Aufforderungen, die wir täglich erhalten. Wir wollen doch alles irgendwie richtig und korrekt machen. Nun kommt freilich auch die Jahreslosung im Stil einer Aufforderung daher: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Was Jesus da von seinen Zuhörerinnen und Zuhörern fordert, scheint mir kaum machbar. Das denke ich umso mehr, wenn ich den Zusammenhang lese, in dem der Satz unserer Jahreslosung steht. Es ist die große Rede Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger - und alle, die ihm folgen. Bei Matthäus wird sie „Bergpredigt“, im Lukasevangelium „Feld-Rede“ genannt. Jesus verkündet in klaren Worten, wie Menschen leben sollen, die Gott vertrauen.

Wer dieses sechste Kapitel des Lukasevangeliums liest, ist vielleicht ähnlich überfordert wie damals die live Anwesenden. Denn wer kann das schon: sich freuen und tanzen, wenn einen Menschen wegen des Glaubens an Christus verfolgen? Sich nicht nach Reichtum, Glück und Beliebtheit sehnen? Seine Feinde (!) lieben (!!)? Die uns hassen, segnen? Den, der mir Gewalt antut, nicht abwehren? Der, die mir etwas wegnimmt, den Rest noch hinterhergeben? Jedem, der mich um etwas bittet, es auch geben? Keinen Menschen richten? Schlicht: barmherzig sein – so wie es die Jahreslosung in einem Satz sagt.

Eigentlich nicht machbar. Und dazu unerhört, diese Vorschläge: das Gegenteil von den Gesetzen, nach denen unsere Welt tickt. Welt- und lebensfremd?

Nun steht aber vor diesem Satz der Jahreslosung, vor dieser Aufforderung: „Jesus Christus spricht“! Er selbst verkörpert die Barmherzigkeit des Vaters. Er heilt, er vergibt, er spricht zu, er richtet unseren Blick über uns selbst hinaus. Er öffnet einen Horizont, den wir uns selbst nicht geben können. Er betritt den Barmherzigkeitsweg und geht Schritte voran.

Ich lese die Jahreslosung als einen Weg, den Gott mit uns geht. Gott ist als liebender Vater zuallererst barmherzig – nämlich zu uns.

Tag um Tag beschenkt er uns mit Liebe und Geduld und mit seinem Geist, der uns leitet. Die Liebe Gottes spiegelt sich in den vielen Geschenken wider, die uns gemacht werden: der Zuwendung wohlmeinender Menschen, der Erfahrung von Freiheit und Freude, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, die uns ins Herz gelegt sind. Wer täglich aus diesen Schätzen lebt, der wird spüren: Gott, Deine Liebe weitet mein Herz. Wenn wir aus Gottes Hand das Gute und die Barmherzigkeit nehmen, die uns bestimmt sind, dann wächst Vertrauen.

„Wie auch euer Vater barmherzig ist, seid barmherzig.“ So herum gelesen ist das Fundament gelegt. Es geht um eine innere Haltung. Kein Programm, das es abzuarbeiten gäbe. Sondern um eine Sichtweise, die inmitten so vieler gesellschaftlicher, politischer, internationaler Konflikte um den Blick weiß, der über unseren Horizont hinausgeht. Als christliche Gemeinde leben wir von dieser Sichtweise und stehen für Barmherzigkeit ein, auch dort, wo politische Güterabwägungen andere Entscheidungen treffen möchten. Bei Menschen, die Schuld auf sich geladen haben und neu anfangen möchten, bei denen die – auch aus eigener Unzulänglichkeit – in materielle Notlagen geraten sind. Bei Geflüchteten, die in Europa an manchen Orten in Lagern voller Unbarmherzigkeit leben müssen. Barmherzigkeit deckt Unrecht und Konflikte nicht einfach zu. Es ist kein Dämm-Material für Konfliktscheue. Barmherzigkeit weiß um das hohe Gut der Gerechtigkeit. Gott selbst ist gerecht und barmherzig.

Wir wollen mit dieser Jahreslosung im Jahr 2021 leben und uns an ihr orientieren. So können wir Barmherzigkeit als Zeichen und Hinweis auf eine Wirklichkeit lesen, dass unser Leben auf dieser Welt so viel anders sein könnte, wenn wir immer dem folgen würden, der mit uns barmherzig ist.
 

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July