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Ein Geschenk an die Gesellschaft

Landeskirchenmusikdirektor Hanke zur Kirchenmusik in Württemberg

Rund 50.000 Menschen singen in über 1.500 Kirchenchören, etwa 20.000 Menschen musizieren in 750 Posaunenchören. Ende Juni trafen sich rund 7.000 Bläserinnen und Bläsern beim Landesposaunentag in Ulm. Der Kirchenmusik in Württemberg scheint es ganz gut zu gehen. Das bestätigt auch der Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke im Interview mit Jens Schmitt. 

Daniel Sattler 3000

Herr Hanke, seit April sind Sie der Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Wie ist es Ihnen seither ergangen?
Ich hatte einen starken Anfang. Gleich im April nahm ich an der Konferenz aller Landeskirchenmusikdirektoren im Land teil. Dabei ging es unter anderem um neue Studiengänge und die dazugehörigen Rahmenordnungen, Gesangbuchentwicklungen oder die musikalischen Vorbereitungen für den Kirchentag. Ein großes Aha-Erlebnis war die Tatsache, dass der Generationenwechsel schneller kommen wird, als ich dachte. Doch neben dem Bedarf gibt es auch ein enormes Interesse. Die Hochschulen sind alle voll, die Studienplätze belegt. Für mich ist das eine positive Entwicklung.

Die Zahl der Menschen, die sich in Chören und Posaunengruppen engagieren, ist enorm. Da muss man sich um die Kirchenmusik keine Gedanken machen, oder?
Wir brauchen uns garantiert nicht zu verstecken. Ich bin seit meinem Amtsantritt gut herumgekommen, und bei all den Besuchen hat sich ein durchweg positives Bild ergeben. Und das wundert mich auch nicht. Die Kirchenmusik hat die Kirche schon immer geprägt. Sie transportiert unsere inneren Gefühle und Überzeugungen nach außen. Was dabei herauskommt, sind Geschenke an die Gesellschaft. Bestes Beispiel: der Landesposaunentag in Ulm. Die Atmosphäre war spitze. So gehen die Menschen gestärkt mit einem guten Gefühl nach Hause und geben es an ihre Mitmenschen weiter.

Geschenke an die Gesellschaft. Was meinen Sie damit?
Früher war es selbstverständlicher, dass die Menschen in die Kirche gegangen sind oder sich dazugehörig gefühlt haben. Diese Traditionen sterben im wahrsten Sinne des Wortes gerade aus. Heute kommen Menschen nicht automatisch zur Kirche, haben aber ein Grundinteresse daran. Wenn sie kommen, wollen sie Kirche auch erleben. Und das ist unser Auftrag: Wir müssen auf die Menschen zugehen, die Türen offen halten und ihnen zeigen, dass wir keine verschrobenen Leute mit exotischem Glauben sind, sondern dass dieser Glaube bei uns gelebt wird. Über die Kirchenmusik kann man das wunderbar tun. Musik ist ein Inhalt des Lebens und kann auch Inhalt des Glaubens sein. Das ist ein super Medium und funktioniert in der Kommunikation oft leichter als das gesprochene Wort.

Welche Ziele haben Sie sich als Landeskirchenmusikdirektor gesetzt?
Ich möchte, dass unsere Musik in einer größeren Breite der Gesellschaft ankommt. Projekte wie „Zum Singen bringen“ versuchen beispielsweise das Singen auch in der jungen Generation wieder als selbstverständlich zu etablieren. Wo das gelingt, merkt man, was das für eine Seligkeit und Freude erzeugt. Deswegen muss der Kontakt zu Kindergärten, Grund- oder weiterführenden Schulen deutlich machen: eure Musik, euer Singen, euer Musizieren, das könnt ihr auch in der Kirche einbringen. Außerdem muss der Berufsstand des Kirchenmusikers attraktiv bleiben. Wir müssen schauen, dass wir genügend Studienplätze und Ausbildungsstätten haben und dass diese gut ausgerüstet sind. Das ist die beste Voraussetzung dafür, dass wir später auch in der Landeskirche motivierte Arbeitskräfte haben. Und dafür setze ich mich ein.

Matthias Hanke beim Offenen Singen bei der Sommertagung der Landessynode 2016.EMH/Jens Schmitt

Bei Ihrer Wahl haben Sie gesagt, Sie möchten sich „für eine von Kirchenmusik durchpulste Landeskirche“ stark machen. Wie klappt das bisher? 
Dafür stehe ich auch weiter ein. Allein schon das „Luther Pop Oratorium“ zum bevorstehenden Reformationsjubiläum 2017 wird richtig cool. Viele Veranstaltungen im Lutherjahr werden musikalisch geprägt sein. Wir bereiten gerade das Landeskirchenmusikfest für Juli 2017 vor, bei dem wir neben Konzerten und Workshops mit allen Generationen und kirchlichen Musikgruppen mehrmals die Porsche-Arena bespielen. Auch in meinem Arbeitsumfeld setzt Musik Impulse. Ich komme gerade von einer Amtseinführung, bei dem der Chor des Oberkirchenrats gesungen hat. Beim Landesposaunentag in Ulm sang ich mit Bläserinnen und Bläsern. Selbst mit der Synode durfte ich zwei kurze Offene Singen veranstalten. Da habe ich wieder gemerkt, wie wichtig das Singen ist. Für einen selbst, aber auch für den Gottesdienst und die Arbeitsgemeinschaft. Musik ist ein wichtiges Mittel, um gemeinsam Kraft zu tanken. Dazu haben wir in der Kirche tolle Voraussetzungen.

Stichwort Synode: Bei der vergangenen Sommertagung stand auch das Thema Digitalisierung auf der Tagesordnung. Unter anderem soll nun ein digitales Gesangbuch entstehen. Was halten Sie davon?
Das ist eine große Chance, um Lieder wieder in den privaten Bereich zu bekommen. Die Möglichkeit Lieblingslieder zu posten, sich gegenseitig Lieder vorspielen zu können, unabhängig von Ort und Zeit Liedtexte und Noten in verschiedenen Arrangements abzurufen, ist super. Digitalisierte Musik mit all ihren Facetten trägt nicht zum Verfall der Musik bei. Das Gegenteil ist der Fall. Spiele wie Singstar* haben dem Singen wieder zugearbeitet. In den letzten fünf bis acht Jahren ist das Singen wieder modern geworden. Das kann ich durch meine 20-jährige Erfahrung als Leiter eines Kinder- und Jugendchors bestätigen. Die Jungs und Mädels nehmen wieder mehr Termine wahr, bringen sogar Freunde und Austauschschüler mit zu den Proben. Früher hieß es: Ich bin zwar gerne im Chor, aber ich sage es niemandem.


* SingStar ist ein Karaoke-Spiel von Sony Computer Entertainment für die PlayStation 2, die PlayStation 3 und die PlayStation 4. Mit Hilfe der dazugehörigen Mikrofone ist es die Aufgabe der Spieler, bekannte Rock- oder Poplieder so nachzusingen, dass die am Bildschirm vorgegebene Tonlage und -länge, am Bildschirm durch farbige Balken dargestellt, getroffen werden. (Quelle: Wikipedia)


Ein digitales Gesangbuch hat also eigentlich keinen Nachteil. Wieso also erst jetzt?
Wir haben einschlägige Erfahrungen mit Liedern und den dazugehörigen Lizenzen im Internet gemacht. Es gab Fälle, bei denen wir sehr teuer bezahlen mussten. Da lädt man mal eben ein Lied hoch, verweist auf die Rechte, hat sie dann aber leider doch nicht. Zudem denken wir nicht nur an das Traditionsliedgut, sondern vor allem an aktuelle Lieder. Wir überlegen momentan, wie wir die Branche mit einem Markt locken können, der so riesig ist, dass die Verantwortlichen bereit sind, von ihren Forderungen runterzugehen.

Zum Schluss: Wenn Sie persönlich einen Wunsch für die Kirchenmusik äußern könnten, wie würde dieser lauten?
Viele Kirchenmusiker sind teils mehrere Jahrzehnte lang auf einer Stelle. Diesen Menschen einen Perspektivenwechsel zu bieten, sie erleben zu lassen, was Kirchenmusik woanders bedeutet, wäre äußerst wertvoll. Bei den Pfarrern gibt es Sonderpfarrstellen und Auslandspfarrämter sowie Kontaktsemester. Für die Kirchenmusik gibt es so etwas leider noch nicht. Selbst das Erasmus-Programm bleibt für Kirchenmusikstudierende eine Herausforderung. Es müssen Lehrpläne angepasst werden und Freiräume geschaffen werden. Hier noch voran zu kommen, wäre mir ein Herzensanliegen.



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