| Landeskirche

Mit Ängsten umgehen - guter Rat für schwierige Zeiten

Was wir tun können, wenn die Angst uns lähmt

Der Ukraine-Krieg, die Corona-Pandemie, der Klimawandel - dazu persönliche Sorgen: In solchen Zeiten können Ängste manchmal ganz groß werden. Susanne Bakaus, Leiterin der Landesstelle der Psychologischen Beratungsstellen in der Landeskirche, erklärt, wozu die Angst dient und wie wir mit ihr umgehen können.

Manchmal überflutet uns die Angst - es gibt aber Strategien, wie wir mit ihr umgehen können. lechenie-narkomanii / Pixabay

Erst die Corona-Pandemie, jetzt der Ukraine-Krieg: Viele Menschen spüren im Moment große Angst – wie erleben Sie das in der Beratung?

Was den Krieg betrifft, ist es sehr unterschiedlich. Manche Menschen haben so viele persönliche oder familiäre Probleme, dass Sie den Krieg nur am Rande miterleben, auch wenn sie ihn furchtbar finden. Andere Menschen haben sehr viel Angst vor einem Krieg auch in Deutschland oder auch vor einem Atomkrieg. Beide Gruppen eint, dass sie sehr viel Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine oder die Flüchtlinge haben.

Bei Corona war das etwas anders, das konnte man nur mit großer Kraft wegschieben – der Alltag war immer auf die ein oder andere Art betroffen. Der Krieg ist zwar in Europa und kommt uns deswegen näher als z.B. der Krieg in Syrien, aber er ist (noch) nicht in unserem Land. Direkt merken wir es nur an steigenden Preisen.

Wir beobachten den Krieg in der Ukraine über die Medien, spüren aber bisher wenig direkte Auswirkungen – dennoch haben wir Angst. Ist das egoistisch?

Angst ist ein in der Menschheitsgeschichte altes und archaisches Gefühl. Es ist wichtig, weil es uns zum einen vor Gefahren warnt, und zum anderen unser ganzes physiologisches System so aktiviert, dass wir zu fast unmenschlichen Leistungen fähig sind: Adrenalin wird ausgeschüttet, die Gehirnaktivität ist in Höchstleistungsfähigkeit, ebenso unsere Muskeln. So können wir gefährliche Situationen besser meistern. Nicht umsonst heißt es „Angst verleiht Flügel“. Sie schützt uns. Man könnte sagen, sie ist sehr auf das Überleben des Ichs zentriert, aber meistens schließt sie auch Menschen ein, die wir lieben, oder auch das Land, in dem wir leben und das wir auch lieben, weil es unsere Heimat ist.

Die Ängste reichen von praktischen Fragen wie der Angst vor steigenden Energiekosten bis zur Angst vor einem Atomkrieg. Muss man hier differenzieren, oder ist Angst = Angst?

Es gibt die oben beschriebene Angst, die sehr existenziell, unmittelbar und bedrohlich ist. Wenn ich z.B. Bomben fallen höre oder jemand in mein Auto rast. Dann gibt es die Ängste, die z.B. meine finanzielle Situation betreffen. Wer viel Geld hat, muss nicht so viel Angst haben, aber wer über wenig Einkommen verfügt, kann schon Angst bekommen, wie er mit steigenden Heizungs- und Spritkosten noch über die Runden kommt, und wie er vielleicht noch seine Miete bezahlen kann. Und das wird dann auch existentiell.

Wir Menschen haben gerne die Kontrolle über unser Leben. Wir wissen gerne, was morgen mit uns passiert, ob wir noch zur Arbeit gehen können, dass unsere Lieben da sind, dass das Geld von unserem Arbeitgeber aufs Konto kommt. Für die Menschen in der Ukraine sind diese Sicherheiten von einem auf den anderen Tag weggebrochen. Das macht viel Angst. Auch die Sorge, dass solche Verhältnisse bei uns eintreten könnten, kann mehr oder weniger Angst machen.

Susanne Bakaus ist Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Supervisorin. Sie leitet die Landesstelle der Psychologischen Beratungsstellen in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.Landesstelle der Psychologischen Beratungsstellen in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Was raten Sie Menschen, die sich an Sie wenden?

Zum einen ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu leben. Ich kann zur Arbeit gehen, mit dem Auto fahren, meine Lieben sind da. Zum anderen ist es klug, nicht ständig Nachrichten oder Berichte aus der Ukraine zu hören, zu sehen oder zu lesen. Einmal am Tag reicht, um auf dem Laufenden zu bleiben. Manchmal begeben sich Menschen auch sehr stark in dieses Gefühl, um aktuellen Problemen etwas aus dem Weg zu gehen. Wenn ich mich sehr mit dem Krieg in der Ukraine beschäftige, muss ich mich nicht so sehr mit der Kommunikation in meiner Ehe beschäftigen oder meinem Sohn, der zu viel vor dem PC sitzt oder meiner Tochter, die von einer Diät in die nächste stolpert oder mit den Problemen, die ich mit Chef oder Kolleg*innen habe.

Auf der anderen Seite relativieren solche existentielle Krisen manchmal auch die Probleme, die wir haben. Nach dem Motto: eigentlich geht es uns doch ganz gut, sollten wir bestimmten Schwierigkeiten, die sich uns im Leben stellen, wirklich so große Aufmerksamkeit widmen?

Keine Angst mehr zu haben – das ist auch nicht erstrebenswert, oder?

Angst ist ein wichtiges Gefühl, das uns zeigt, dass Gefahr besteht, und dass es gut ist, sich zu rüsten und zu reagieren. Angst zeigt uns auch, dass etwas bedeutsam für uns ist, und wir Angst haben, es zu verlieren. Zum Beispiel die Angst oder Aufregung vor einem Date mit dem Mann und der Frau, in die wir verliebt sind und die oder den wir gerne für uns einnehmen möchten, oder die Angst vor einer Prüfung, deren Bestehen uns ein gutes berufliches Fortkommen sichert. Angst zeigt uns die Wichtigkeit der Lebenssituation und spornt uns auch hier zu Hochleistungen an.

Gibt es Strategien, die man sofort und selbst anwenden kann, wenn nicht mehr weiterweiß, weil die Angst so groß wird?

Angst sollte uns eigentlich aktivieren, schwierige Situationen im Leben möglichst gut zu meistern. Aber manchmal überflutet uns Angst auch so, dass wir wie gelähmt sind. Der Volksmund sagt dazu: „wie ein Kaninchen vor der Schlange“. Erstmal ist es wichtig, wahrzunehmen, was da im Moment passiert. Das ist im Zustand der Lähmung nicht immer so einfach. Es gibt Übungen, die man machen kann, wie z.B. zu versuchen, bewusst, die Füße und Beine auf der Erde wahrzunehmen, die uns tragen, sich auf die Atmung zu konzentrieren, die Ausatmung etwas zu verstärken, sich gute Sätze zu sagen, wie: „ich bin behütet“, „es kommt nicht so schlimm“, „so schnell stirb man nicht“ und anderes. Sehr gerne mag ich den Satz von Margot Käßmann: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“.

Wer mit so starken Ängsten zu tun hat, tut gut daran, sich in einer psychologischen Beratung oder einer Psychotherapie Hilfe zu holen. Ansonsten ist es wichtig, den Kopf einzuschalten mit der Frage: „Wie realistisch ist die Angst im Moment und was kann ich tun?“. Sehr hilfreich ist es auch, sich anderen mit-zuteilen. Da steckt das Wort teilen drin – auch geteilte Angst ist halbe Angst. Aktiv zu werden, etwas zu tun, ist extrem hilfreich. Viele Menschen, die im Moment helfen, sind auch durch die Angst motiviert, dass uns so etwas ebenfalls passieren könnte. Und das ist gut so. Wir sind dann in der großen „Menschenfamilie“ auf dieser Erde angekommen.


Judith Hammer


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