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„Teilhabe für Menschen, die wir noch gar nicht kennen“

Interview mit Technikberater Dän Klein über Medientechnik im Gottesdienst

Während der Corona-Pandemie haben viele Kirchengemeinden in Höchstgeschwindigkeit gelernt, Gottesdienste als Video aufzuzeichnen oder gar live zu übertragen, etwa in einem eigenen Youtube-Kanal, oft geschultert von Ehrenamtlichen, improvisiert, mit privatem Equipment und belohnt von äußerst positivem Feedback aus den Gemeinden. Wenn nun Gemeinden diese Art von Gottesdiensten auf Dauer stellen möchten, können sie sich bei der Auswahl der notwendigen Technik von Dän Klein beraten lassen. In unserem Interview erzählt der Diakon und Spezialist für Medientechnik aus seiner Arbeit als Technikberater im Auftrag der Landeskirche.

Dän Klein berät Kirchengemeinden, Bezirke und Einrichtungen in allen Fragen rund um die Medientechnik.Bild: privat

Herr Klein, warum sollten sich Gemeinden jetzt mit Themen wie Streaming, Medientechnik und der Digitalisierung im Gottesdienst befassen?

Dän Klein: Die Gemeinden haben in der Corona-Zeit vieles ausprobiert, und ich glaube, dass wir diesen Rückenwind aus der Corona-Zeit mitnehmen sollten.

Viele Gemeinden haben Angst, dass die Menschen dann nicht mehr in die Kirche kommen, aber das ist nicht der Fall. Die Gemeinden machen sehr gute Erfahrungen mit ihren Angeboten. Wir ermöglichen damit weiteren Menschen Teilhabe, die wir noch gar nicht kennen. Es gibt viele, die das Bedürfnis nach einem Gottesdienst haben, aber lieber von zuhause aus teilnehmen – und dann lieber den Gottesdienst der eigenen Gemeinde anschauen als einen Fernsehgottesdienst. Denn hier kennen sie den Pfarrer und haben einen Bezug in Ihre Gemeinde. Und wir ermöglichen die Teilnahme denen, die nicht mehr kommen können, zum Beispiel Älteren. Ein Livestream ist zwar nicht so, wie präsent dabei zu sein, aber doch viel besser als eine Kassette oder ein gedruckter Text. Wir machen eigentlich den Kassettendienst der Zukunft.

Ich habe in meiner eigenen Gemeinde 2020 erlebt, dass mir jemand auf der Straße gedankt hat, dass wir einen Livestream anbieten. Das fände er super, er wolle aber „niemals in eurem Club dabei sein“. Das hat uns sehr ermutigt, denn wir kommen in Kontakt mit Menschen, die wir gar nicht auf dem Schirm haben.

Ein Beispiel - wie kann man sich die Übertragung in einem Seniorenheim vorstellen?

Dän Klein: Manche Gemeinden wollen auf einen großen Fernseher im Gemeinschaftsraum streamen. Oder Enkel und die Kinder der Senioren richten das auf Tablets ein. Da gibt‘s dann nur einen Link, den man am Sonntag antippen muss, und schon geht’s los.

Was ist aus Ihrer Sicht der Nutzen des Livestreamings und anderer digitaler Hilfsmittel im Gottesdienst auch jenseits von Corona?

Dän Klein: Der erste Nutzen liegt schon auf der Seite der „Macher“. Die Technik interessiert ganz andere Leute als die, die gerne Musik machen oder in Gemeindegruppen aktiv sind. Da können sich Menschen in einem ganz neuen Themenfeld einbringen, Gestaltung, Kamerapositionen, Bildregie, Technik, Webseite, Youtube-Kanal und vieles mehr.

Das zweite ist die Beteiligung von Jugendlichen. Jugendliche interessieren sich für Technik, für digitale Formate und sind darin sehr fit! Zum Beispiel können Jugendliche das Streaming im Seniorenheim einrichten, dort ins Gespräch kommen, Gemeinschaft erleben und die Älteren beteiligen. Das ist eine tolle Chance, Ältere und Jüngere zusammenzubringen.

Und der dritte Aspekt ist für mich ein missionarischer – die Chance, Menschen mit dem Wort Gottes zu erreichen, die wir nie in der Kirche sehen, die aber so auch Teil des Gottesdienstes sein können. Denen liegt die persönliche Gottesbeziehung am Herzen, aber sie können das – warum auch immer – nicht in der persönlichen Begegnung verwirklichen.

Nicht vernachlässigen sollte man auch die Möglichkeit des Nach-Schauens zu einer anderen Uhrzeit. Auch das ermöglicht Menschen die Teilnahme, die eben morgens um 10 Uhr nicht in der Kirche sein konnten. Und das sind mehr, als man denkt.

Da ist sicher einiges Umdenken nötig, oder?

Dän Klein: Man kann das in kleinen oder in großen Schritten machen. Der große Schritt wäre, den Gottesdienst so zu gestalten, dass er hybrid noch mehr austrägt, indem ich auch die digital teilnehmenden Menschen wirklich beteilige, etwa indem man Werkzeuge wie Slido oder Mentimeter nutzt. Da können die Menschen in der Kirche ebenso mitmachen wie die daheim. Und das muss nicht immer sein. Aber es ist eine tolle Möglichkeit, Menschen mehr im Gottesdienst zu beteiligen.

Ob so etwas ausprobiert wird, hängt sicher stark von den gestaltenden Personen ab, oder?

Dän Klein: Ja, da gibt es sicher Unterschiede, aber meine „Kundschaft“ ist sehr heterogen. Das reicht von jung bis alt.

Was ist das Ziel Ihrer Beratung?

Dän Klein: Mein Ziel bei der Beratung ist sehr pragmatisch. Lieber eine einfache, finanziell machbare Umsetzung mit guter Bedienbarkeit als ein System, das nur Einzelne bedienen können, die sich tief in der Materie auskennen. Leider wird den Gemeinden oft etwas ohne Erklärung verkauft oder man vertraut sich einer Einzelperson an. Wenn diese dann die Gemeinde verlässt oder das Interesse verliert, steht alles still. Oder es wurde sehr günstig eingekauft und man muss ständig Geräte ersetzen, weil diese den Dauerbetrieb nicht aushalten.

Viele Gemeinden, die zu mir kommen, haben schon auf ehrenamtlicher Basis begonnen, werden dann aber unsicher, wenn es plötzlich um vierstellige Summen oder mehr geht. Das System muss eben auch dann funktionieren, wenn der Ehrenamtliche nicht da ist.

Deshalb ist mein Ziel immer ein Gesamtprozess, der das Technische ebenso umfasst wie die Frage, was vor Ort sinnvoll umsetzbar ist und was nicht. Und funktioniert es so einfach, dass das jeder bedienen kann?

Wieviel Technikwissen braucht man?

Dän Klein: Um ein gut geplantes Streaming-System zu bedienen, reichen oft ein paar Infos auf einem DIN-A4-Zettel. Wenn man mehr möchte, Texte einblenden, Untertitel, Bauchbinden und ähnliches, wird es komplexer. Und wenn man eine Band abmischen muss, sprechen wir auch über kompliziertere Tontechnik.

Mit welchen Summen müssen Kirchengemeinden rechnen?

Dän Klein: Das hängt stark davon ab, was vor Ort schon da ist, was erneuert oder ergänzt werden muss und natürlich, welcher Funktionsumfang gewünscht ist. Oft liegt man für eine einfache Gottesdienstübertragung mit einer Kamera bei vorhandener Tontechnik im Bereich von 3.500 bis 5.000 Euro, aber die Preise steigen zurzeit stark an. Deshalb ist mein Rat, lieber früher als später anzufangen – auch wegen der langen Lieferzeiten im Elektronikbereich.

Wichtig zu wissen: Man kann sowas auch mit einer einfachen Consumer-Kamera aus dem Elektronik-Handel für einige hundert Euro machen, und das funktioniert zunächst auch. Aber diese Geräte sind nicht für den ständigen Auf- und Abbau gemacht – zum Beispiel sind die Steckverbindungen sehr empfindlich. Das ist keine nachhaltige Lösung.

Am Anfang der Pandemie haben viele Gemeinden einfach losgelegt, egal wie es aussah, egal wie es klang. Wieviel Professionalität ist heutzutage nötig? Und wieviel Hemdsärmeligkeit kann man sich leisten?

Dän Klein: Zwei Dinge sind wichtig: Erstens müssen grundsätzlich Bild und Ton passen. Da dürfen wir nicht auf Qualität verzichten. Und zweitens müssen wir das Rechtliche im Blick behalten. Habe ich die Lizenz, um Liedtexte einzublenden? Wen darf ich zeigen und wen nicht? Wen muss ich vorher fragen? Die Rechte der Menschen am eigenen Bild außer Acht zu lassen, wäre zu hemdsärmelig. Das wird auch sichtbar, etwa wenn Streams oder Kanäle gelöscht oder gesperrt werden oder Klagen kommen.

Haben Sie Tipps, was man beim Livestream tun kann, um eine gute Bindung zu den Menschen aufzubauen, die nicht präsent in die Kirche kommen?

Dän Klein: Ich würde erst einmal ernstnehmen, dass es Menschen gibt, die nicht kommen werden. Die dürfen aber trotzdem Teil dieser Gemeinde sein. Es ist wichtig, dass man das akzeptiert. Das zweite ist, eine Möglichkeit der Rückmeldung zu geben. Man kann einfach sagen: „Toll, dass Sie zugeschaut haben! Wenn Sie möchten, schreiben Sie doch etwas in den Chat oder an die Mailadresse XY! Wir freuen uns über eine Rückmeldung!“ Es geht darum, auf möglichst einfache Art eine Interaktion anzubieten.

Wie genau ist Ihre Aufgabe definiert?

Dän Klein: Die Beratung in Medien- und Tontechnik ist in der Landeskirche keiner speziellen Stelle zugeordnet, anders als etwa die Bauberatung, die es extra über den Oberkirchenrat gibt. Deshalb holen sich die Gemeinden Beratung auf unterschiedlichste Art und Weise, etwa von Firmen oder Ehrenamtlichen. Es kann aber hilfreich sein, jemanden neutral und professionell draufschauen zu lassen, der außerhalb der Gemeinde steht. Ich begleite und unterstütze die Gemeinden in ihren Installationsprojekten dabei, vergleichbare Angebote einzuholen, sie zu bewerten und insgesamt als Gemeinde einen guten Weg zu gehen. Mein Ziel ist es, eine möglichst große Hilfe zu sein, damit die Gemeinde das Beste für sich erreicht. Dabei liegt mir vor allem am Ende die Schulung der Haupt- und Ehrenamtlichen am Herzen. Denn nur durch eine gute Schulung sind diese gerade auch in rechtlichen Themen für die Umsetzung von Livestreams sprachfähig.

Es zeigt sich in meinen Augen, dass wir so etwas fest in unserer kirchlichen Struktur brauchen. Bei all dem Rückbau, der vor uns als Kirche liegt, dürfen wir nicht unterschätzen, dass wir in manchen Bereichen mehr brauchen werden, als wir heute haben, zum Beispiel im Bereich Medien- und Urheberrecht, aber auch beim technischen Know-how und der Umsetzung von digitalen oder medialen Projekten. Hier gibt es sicherlich das Medienhaus, aber auch weitere Player in der Kinder- und Jugendarbeit oder eben im Beratungsbereich sind dringend erforderlich, um den Gemeinden Hilfestellung und Unterstützung zu bieten.

Dän Klein verbindet in sich theologische und technische Kompetenz. Er arbeitet im Hauptberuf bei einer Firma für Veranstaltungstechnik, hat aber auch in Tübingen, Berlin und Unterweissach Theologie studiert und die Ausbildung zum Diakon absolviert. Aktuell wirkt er auch beim Evangelischen Jugendwerk Württemberg auf einer Projektstelle zum Thema  „Empowerment Digital“ mit. Kirchengemeinden, Bezirke und Einrichtungen können sich von ihm in allen Fragen rund um die Medientechnik beraten und durch den kompletten Prozess von Konzept bis Installation und Schulung begleiten lassen. Die Erstberatung wird von der Landeskirche bezuschusst. In den vergangenen zwei Jahren hat Dän Klein rund 100 Gemeinden besucht.

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