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„Jetzt reicht's!“ - Eine Initiative der evangelischen Jugendarbeit

Die evangelische Jugendarbeit will junge Menschen bei ihrem Engagement für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit unterstützen

Die evangelische Jugendarbeit wollte für junge Menschen eine Botschaft der Hoffnung entwickeln. Heraus kamen unter dem Titel „Jetzt reicht's!“ ein Videoclip und eine Materialsammlung. Mechthild Belz, Referentin beim EJW-Weltdienst, erzählt, wie das Projekt entstanden ist.

„Wo ist der Kern, der uns ermutigt und Hoffnung gibt, nicht in Angst und Ohnmacht steckenzubleiben, sondern loszugehen und die Welt in einer guten Weise mitzugestalten?“: Mit dieser Frage hat sich die evangelische Jugendarbeit befasst. Das Bild stammt aus dem Filmclip zum Projekt „Jetzt reicht's“.Marc Böttler/EJW

Worum geht es bei „Jetzt reicht's!“?

Mechthild Belz: „Jetzt reicht‘s!“ ist eine Initiative des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg, der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (AEJ), des CVJM Deutschland und Micha Deutschland. Wir als evangelische Jugendarbeit wollen angesichts der großen globalen Herausforderungen – begrenzte Ressourcen und Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und der Klimawandel – jungen Menschen einen hoffnungsvollen Blick auf die Welt eröffnen.

Diesen Blick auf die Welt vermitteln wir in einem Filmclip mit einer positiven Botschaft, der junge Menschen zum Handeln ermutigen soll. Und wir wollen Ehrenamtliche und Hauptamtliche mit einer Online-Materialsammlung dabei unterstützen, wie sie sich für eine gerechte Welt engagieren können.

Was gab den Anstoß für „Jetzt reichts!“?

Mechthild Belz: Am Anfang stand unsere Beobachtung, dass Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der sozial-ökologischen Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit zwar als sehr wichtig angesehen werden, dass sie aber wenig in den Programmen aufgegriffen werden. Deshalb wollten wir Engagierte in der evangelischen Jugendarbeit dabei unterstützen, dass diese herausfordernden Fragen stärker vorkommen.

Mechthild Belz ist Referentin beim EJW Weltdienst und koordiniert das Projekt „Entwicklungsbezogene Bildung“.EJW

Wie sind Sie vorgegangen?

Mechthild Belz: Mithilfe von Storytelling-Profis haben wir uns im vergangenen Sommer mit jungen Menschen zu einem Wochenendworkshop getroffen. Wir haben genau unter die Lupe genommen, was unsere Weltsicht ist, was uns in unserem Engagement für eine gerechte Welt trägt und wo wir loslegen können.

Deshalb haben wir uns Fragen gestellt wie: Wie sehen wir die Welt? Was fordert uns heraus? Und: Welche Perspektive haben wir als Christinnen und Christen? Wo ist für uns der Kern, der uns ermutigt und Hoffnung gibt, nicht in Angst und Ohnmacht steckenzubleiben, sondern loszugehen und diese Welt in einer guten Weise mitzugestalten? Wir sind von der Hoffnung getragen, die wir als Christinnen und Christen im Glauben haben.

Im Anschluss an das Wochenende gab es mehrere digitale Treffen, bei denen wir an dem Projekt weitergearbeitet haben. Gleichzeitig haben wir thematische Materialien gesammelt, die wir für den Kontext der evangelischen Jugendarbeit hilfreich finden.

„Deshalb haben wir uns Fragen gestellt wie: Wie sehen wir die Welt? Was fordert uns heraus? Und: Welche Perspektive haben wir als Christinnen und Christen?“

Mechthild Belz

Wie nehmen junge Menschen die Welt wahr?

Mechthild Belz: Jugendliche fragen sich, was die Zukunft für sie bereithält, wie sie darin gut leben können, wie sie sich in Zukunft in Freiheit bewegen oder gute Beziehungen leben können. Sie stehen unter Leistungsdruck, denn sie benötigen eine gute Ausbildung, um eine gute Zukunftsperspektive zu haben. Unsere Welt ist stark von Wettbewerb geprägt. Er führt auch dazu, dass wir mit unserer Lebensweise andere Menschen ausbeuten und nicht alle mitnehmen.

In der Bewegung „Fridays for Future“ fordern junge Menschen, dass die Welt für sie in Zukunft noch lebenswert ist und dass dringend gehandelt werden müsse, damit sie und andere noch in Zukunft gut leben können. Die politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, die anstehen, sind groß. Deshalb fragen sich junge Menschen: Ist denn genug für mich da? Und reicht es auch noch für andere?

„Ist denn genug für mich da? Und reicht es auch noch für andere?“

Mechthild Belz

Was bedeutet „Jetzt reicht’s!“?

Mechthild Belz: „Jetzt reicht’s!“ enthält einerseits die Dringlichkeit, dass wir nicht so weitermachen können, bis nichts mehr geht. Wir müssen handeln. Aber damit ist auch gemeint, dass wir darin getragen sind, dass wir die Zusage Gottes haben: „Jetzt reicht‘s!“ Du bist genug, so, wie du bist, und es reicht für alle. Wir müssen genügsamer werden und uns vielleicht beschränken – aber im Wissen, dass wir genug haben. Diesen Blick auf das Leben wollen wir in die Welt hinaustragen.

Mit einem Filmclip, den Theo Eißler und Marc Böttler von „Bär Tiger Wolf“ für uns produziert haben, werben wir über Social Media für unsere digitale Plattform. Ein zentraler Satz darin heißt: „Das Gute geht nicht bankrott, es multipliziert sich, wird mehr, weil du liebst und teilst.“ 

Der Filmclip:

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Von der Idee bis zur Umsetzung – wie lange haben Sie gebraucht?

Mechthild Belz: Das Projekt hatte einen langen Vorlauf, weil wir auch Finanzierungsmöglichkeiten suchen mussten. Schließlich haben wir eine Förderung von „Brot für die Welt“ mit Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes bekommen. Dann haben wir rund anderthalb Jahre an dem Projekt gearbeitet. Die Corona-Pandemie hat die Arbeit verzögert, zum Beispiel, weil wir uns nicht in Präsenz für den Wochenendworkshop treffen konnten.

Wie haben Sie das Material ausgewählt?

Mechthild Belz: Wir wollten kein neues Material produzieren, weil es bereits sehr viel gibt. Und doch ist es herausfordernd, Materialien zu finden, die in den Kontext der evangelischen Jugendarbeit, der Gruppen- und Freizeitarbeit, passen. Deshalb haben wir Material für verschiedene Zusammenhänge der Jugendarbeit zusammengestellt: Material, durch das Einzelne praktische Ideen erhalten, wie sie sich für eine gerechte Welt einsetzen können, das man für Gruppen übernehmen kann und das Veränderungen auf der strukturellen Ebene anstoßen kann.

„Es ist herausfordernd, Materialien zu finden, die in den Kontext der evangelischen Jugendarbeit passen.“

Mechthild Belz

Können Sie Beispiele nennen?

Mechthild Belz: Enthalten sind direkt umsetzbare Ideen, wie man sich als einzelne Person engagieren kann, zum Beispiel die „Anleitung zur Rettung der Welt für Bequeme“: Vom Sofa aus kann man bei der Bank oder der Versicherung von Papier- auf digitale Kommunikation umsteigen und damit Papier und Ressourcen sparen. Außerdem kann man kürzer duschen, um Ressourcen zu sparen. Aufwendiger ist es, den Lebensmitteleinkauf auf regional und saisonal umzustellen.

Aber wir haben auch eine Sammlung von zwölf inspirierenden Instagram-Kanälen zusammengetragen. Und wir bieten beispielsweise ein Coaching an: Ehrenamtliche oder hauptamtliche Mitarbeitende, die eine Idee haben, können sich in dreißig Minuten niederschwellig von uns, den Fachreferentinnen und Fachreferenten, coachen lassen.

„Ehrenamtliche oder hauptamtliche Mitarbeitende, die eine Idee haben, können sich in dreißig Minuten niederschwellig von uns, den Fachreferentinnen und Fachreferenten, coachen lassen.“

Mechthild Belz

Welche Materialien gibt es für Gruppen?

Mechthild Belz: Toll ist der „Just-People-Kurs“ von Micha Deutschland. Er ist für junge Erwachsene sehr gut geeignet, zum Beispiel Hauskreise oder Jugendgruppen. In sieben Einheiten macht man eine Entdeckungsreise globaler Nächstenliebe.

Außerdem gibt es Materialien zur „Changemaker-Aktion“ des EJW-Weltdienstes, mit denen verschiedene Gruppenstunden gestaltet werden können. Menschen aus den Partnerschaften des EJW-Weltdienstes im globalen Süden berichten darin in Clips, wie sie sich für soziale Gerechtigkeit in ihrem unmittelbaren Umfeld einsetzen. Anhand dieser Beispiele sind Jugendgruppen eingeladen, selbst einen Beitrag gegen soziale Ungerechtigkeit in ihrem Umfeld zu leisten.

„Es gibt Materialien zur 'Changemaker-Aktion' des EJW-Weltdienstes, mit denen Gruppenstunden gestaltet werden können.“

Mechthild Belz

Welche Materialien sind für das Engagement auf der strukturellen Ebene vorhanden?

Mechthild Belz: Wir verweisen auf Material von Germanwatch zum Handabdruck, bei dem man dazu angeleitet wird, die gesellschaftlichen Gestaltungsräume, die man hat, wirkungsvoll zu nutzen und sich für Veränderungen von Rahmenbedingungen zu engagieren. Während es beim ökologischen Fußabdruck darum geht, den eigenen Fußabdruck zu verringern, geht es beim Handabdruck darum, sich so zu engagieren, dass viele Menschen gerecht handeln.

Nachhaltig zu handeln, ist heute leider nicht die günstigste oder bequemste Alternative und auch nicht unbedingt sozial anerkannt. Das hindert uns. Doch wenn man Rahmenbedingungen verändert, besteht die Möglichkeit, dass Menschen eher anders handeln, weil etwas zum Beispiel zur bequemen oder günstigen Lösung oder attraktiv wird.

Außerdem stellen wir die Faire Jugendarbeit vor, eine Initiative, bei der die Jugendwerke, CVJMs und die gemeindebezogene Jugendarbeit dabei unterstützt werden, fair, also sozialökologisch gerecht zu handeln. Ihr Engagement wird mit der Plakette der fairen Jugendarbeit ausgezeichnet und somit sichtbar.

Wir richten uns zwar an die evangelische Jugendarbeit, aber nicht alles Material, das wir zusammengetragen haben, ist konfessionell. Es sind auch Materialien der nichtkirchlichen Zivilgesellschaft dabei.

„Nachhaltig zu handeln, ist heute leider nicht die günstigste oder bequemste Alternative und auch nicht unbedingt sozial anerkannt.“

Mechthild Belz

Am 1. März ging „Jetzt reicht’s“ los. Was kommt jetzt?

Mechthild Belz: Wir hoffen, dass Engagierte in der evangelischen Jugendarbeit die Themen Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit und unser Angebot in ihre Arbeit hineinnehmen. Wir wünschen uns, dass die Themen Raum finden, die bei Jugendlichen obenauf liegen und die herausfordernd sind, weil sie komplex und nicht einfach zu lösen und wir auch emotional davon betroffen sind. Wir können nicht beim Gewohnten stehenbleiben, wenn wir neue Erkenntnisse erlangen, wie wissenschaftliche Ergebnisse zur Entwicklung der Klimakrise. Jugendleiterinnen und Jugendleiter können mit jungen Menschen ins Gespräch kommen und Aktionen starten.

Nicht nur Jugendliche machen sich gerade Sorgen. Es gibt keinen Masterplan für die weltweiten Herausforderungen, nicht die eine Lösung. Es gibt nur verschiedene Hinweise, in welche Richtung es gehen kann - und auch gehen muss, weil die Zeit drängt. Mit der Herausforderung, dass es so viele Teilbereiche gibt und man das Gefühl hat, allein zu sein und sich zu fragen, ob man mit seinem Handeln überhaupt etwas bewegen kann, müssen wir alle umgehen, auch Ältere. Das kann ängstigen.

Wir wollen mit den jungen Menschen, die wir begleiten und mit denen wir unterwegs sind, Perspektiven oder konkrete Handlungsmöglichkeiten herausfinden, um diese Welt zu einer gerechten mitzugestalten. Wir haben diese Zusage Gottes, und aus ihr heraus engagieren wir uns für andere und für die Umwelt. Die evangelische Jugendarbeit soll ein Ort sein, wo junge Menschen ermutigt werden und deutlich wird, dass es möglich ist, die Welt so zu gestalten, dass ein gutes Leben für alle möglich ist, wenn jeder und jede einen Beitrag dazu leistet.


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