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Per Telefon in die Kirche eintreten

Ein Interview mit Pamela Barke, Pfarrerin am Eintrittstelefon der EKD

Wenn man beim (Wieder-) Eintrittstelefon der Evangelischen Kirche in Deutschland (0800 8138138) anruft, klingelt es im Büro der Wiedereintrittsstelle in Stuttgart: bei Pfarrerin Pamela Barke und Pfarrer Felix Weise. An drei Tagen die Woche haben Menschen aus ganz Deutschland die Möglichkeit, dort telefonisch in die Kirche einzutreten. Für Pamela Barke ist das seit zwei Jahren Alltagsgeschäft,  Felix Weise ist erst kurz dabei – der richtige Moment für ihn, ein paar neugierige Fragen zu stellen.

Pfarrerin Pamela Barke.

Als ich Freunden und Bekannten von meiner neuen Aufgabe erzählte, bekam ich oft die Rückmeldung: „Da hast du ja bestimmt nicht viel zu tun. Es treten doch gerade so viele aus.“ Hat man beim Wiedereintrittstelefon überhaupt was zu tun?

Pamela Barke: Ja, es gibt viel zu tun – und es gibt auch immer wieder Anfrage-Spitzen. Wir merken, dass sich Menschen besonders in Krisen wie der Coronapandemie und dem Ukrainekrieg daran erinnern, wie Kirche in Sorgen und Nöten Halt gibt.

Ein zweites Vorurteil, dem ich begegnete, ist die Annahme, die meisten Menschen würden ja bestimmt nur eintreten, weil sie für einen kirchlichen Arbeitgeber arbeiten oder Taufpate oder Taufpatin werden wollten. Ist da was dran?

Pamela Barke: Ich würde hier nicht sagen: „nur“. Beide genannten Situationen sind ein wichtiger Anlass zum (Wieder-)eintritt und es ist beidseitig ein großer Schritt aufeinander zu. Denn bald werden diese Menschen – mehr oder weniger – eng mit Kirche zu tun haben. Im einen Fall durch einen Taufgottesdienst, der vermutlich auch persönlich berührend ist, und der christlichen Gestaltung einer Patenschaft , die mit den Patinnen und Paten besprochen werden sollte.

Im anderen Fall ist es die geplante jahrelange Tätigkeit im christlichen Kontext. Es ist zu hoffen, dass die Menschen dann gute Erfahrungen machen – sowohl mit der christlichen Lebens- und Denkweise als auch mit den verantwortlichen Personen vor Ort.

Es ist aber richtig: Patenschaft und Arbeitgebervorgabe stellen den häufigsten Anrufgrund dar. Sehr oft ist dies jedoch entscheidende letzte Anstoß, so schildern es uns die Anruferinnen und Anrufer, den schon lange gärenden Entschluss zu verwirklichen, wieder in die Kirche einzutreten.

Neben Patenschaft und Arbeitgebervorgabe – was sind noch Gründe, warum Leute Mitglied der evangelischen Kirche werden wollen?

Pamela Barke: Es gibt viele andere Gründe für den Wiedereintritt: Nicht selten geht es um einen langen Prozess des Nachdenkens über den eigenen Glauben – mit zunehmendem Alter und aufgrund besonderer Lebenserfahrungen. Ich hatte etwa einen Anruf von einer 88-Jährigen, deren Stimme jedoch sehr vital klang, mit Berliner Schnauze. Sie erzählt, sie wohne schon Jahre neben einer (sie sagte bereits: „ihrer“) evangelischen Kirche in Berlin, und gehe seit langem mit dem Gedanken um, Kirchenmitglied zu werden. Sie schilderte Glaubensfragen, die sie umgetrieben hätten und einigem „Ausprobieren“ bei unterschiedlichen Denominationen – und dass nun eine sehr engagierte junge Pfarrerin in der Kirche sei. Das habe sie im Schaukasten gelesen. Und nun sei die Zeit reif, wie sie sagte, „Dinge in Ordnung zu bringen“.

Manchmal ist der Anruf auch der Abschluss einer Findungsphase innerhalb der eigenen Familie: nach Heirat und Kindern fällt die Familie die Entscheidung, dass alle zur evangelischen Kirche gehören wollen. Und dann treten ein oder mehrere Erwachsene und Kinder wieder ein oder über, oder eine Taufe wird geplant. In diesem Zusammenhang wird auch oft genannt: ein guter Religionsunterricht der Kinder bei einem evangelischen Pfarrer oder einer evangelischen Pfarrerin. Und: Angebote wie Kinderfreizeiten und Jungschar.

Eine Anruferin erzählte, sie gehe seit Jahren in den evangelischen Gottesdienst, ohne Mitglied zu sein. Als in den Nachrichten von Einsparungen bei der Kirche die Rede gewesen sei, wäre ihr bewusst geworden, dass sie den Gottesdienst nutzt, ohne je für ihren Pfarrer, Kirchenmusik oder Kirchengebäude aufzukommen – und das wolle sie nun ändern. Weitere Motive sind etwa eine bewegende Bestattungspredigt, die Angebote der ortseigenen Kirche in der Coronazeit, die Hilfen der Kirche für geflüchtete Menschen.

Wer in die Kirche eintritt, der ist ja zuvor ausgetreten. Bei so einem Austritt ist bestimmt oft Verletzung, Enttäuschung oder Ärger im Spiel – bekommst du viele von solchen Geschichten zu hören?

Pamela Barke: Die Frage nach dem Austrittmotiven gehört zu einem Eintritt, wie die nach den Beweggründen für den Eintritt. Denn für die Bewilligung des Wiedereintritts oder Übertritts gehört, so sagt es das Gesetz zur Kirchenmitgliedschaft (Kirchenmitgliedschaftsverordnung – KMVO Art. 105 §3) das „ernsthafte Begehren“. Motive für einen Austritt sind oft Enttäuschungen wie z.B. theologische Positionen, die einst ein Pfarrer oder eine Pfarrerin vertreten hat. Es geht bis zu schlechten persönlichen Erfahrungen mit Pfarrpersonen oder anderen kirchlichen Mitarbeitenden. Manchmal haben die Menschen auch gemerkt, dass ihre frühere Kritik an der Kirche jugendliches Vorurteil oder Leichtsinn war. Oder sie äußern aus heutiger Sicht Verständnis und signalisieren, dass sie nun ganz anders damit umgehen würden.

Einige aber haben die schlechten Erlebnisse ins Mark getroffen, und tragen ihr Leben lang daran. Hier ist dann auch seelsorgliche Begleitung gefragt, und es gilt zu beraten, wie Menschen in der offensichtlich noch notwendigen Aufarbeitung Unterstützung bekommen. Hier habe ich besonders großen Respekt vor der Entscheidung, wieder einer Kirche angehören zu wollen.

Trotz solcher Erlebnisse entschließen sich Menschen dann doch, wieder in die Kirche einzutreten. Ist es eine große Überwindung anzurufen?

Pamela Barke: Bei einigen Anruferinnen und Anrufern nehme ich wahr, dass ihnen der Schritt nicht leichtfällt. Oft sind sie froh um die Möglichkeit eines eher niederschwelligen Anrufs. Das geht bis hin zu Schamgefühl oder der Sorge, von der Kirche kritisiert zu werden. Oder katechetisch „wie ein Kind“ oder gar vor der ganzen Gemeinde geprüft zu werden. Diese Ängste können wir den Eintretenden nehmen. Aber wir können ihnen auch berichten, dass einige Ortsgemeinden das Angebot machen, an Erwachsenenseminaren teilzunehmen, in denen Fragen zur Kirche und zum Glauben besprochen werden.

Nicht wenige Anruferinnen und Anrufer nutzen, wenn sich willkommen fühlen, auch die Chance, gleich ein paar Fragen loszuwerden. Hier können wir je nach Umfang der Frage entweder sofort antworten oder auf die entsprechenden Informationsseiten der EKD, der Landeskirchen und der Gemeinden hinweisen.

Eintreten kann man ja auch im Pfarramt vor Ort: Warum nutzen Menschen Telefon? Und wie wird davor gesorgt, dass sie trotzdem auch vor Ort willkommen geheißen werden?

Pamela Barke: Vor Allem ist das Eintrittstelefon niederschwellig. Zu einen ist es überregional, Gespräche können also zunächst „neutral“ geführt werden. Das ist für viele eine Erleichterung. Das Eintrittstelefon bietet zudem einen schnellen Kontakt. Das kann für unsichere Menschen eine Hilfe sein oder für Menschen, die zeitlich stark eingespannt sind. Unsere Telefonate finden nicht selten in der Mittagspause statt. Eines meiner Gespräche war vom Tuten der Rheinfähren bei Köln begleitet, der Anrufer hatte sich an der Altstadtpromenade in der Nähe seines Arbeitsplatzes einen ruhigen Platz gesucht, saß – so erzählte er – im warmen Gras und erzählte aus seinem Leben. Aber der Kontakt zur künftigen Ortsgemeinde ist dann im zweiten Schritt natürlich sehr wichtig.

Wir beziehen das zuständige Ortspfarramt wie im Kirchengesetz vorgesehen für die Zustimmung zum (Wieder)eintritt ein. Es erhält von uns Nachricht vom Eintritt und wir bitten, das neue Gemeindeglied willkommen zu heißen und die Eintrittsurkunde zu überreichen.

Was passiert nach dem Wiedereintritt – bekommt die zentrale Eintrittsstelle der EKD  mit, ob die Menschen in ihrer Kirche richtig ankommen?

Pamela Barke: Manche Wiedereingetretene haben noch einmal angerufen und sich nach dem Erhalt der Urkunde in ihrer Parochie bei mir bedankt. Das hat mich sehr gefreut. Und natürlich hoffe ich, dass alle in ihren Ortsgemeinden und allem, was sie kirchlich interessiert, gut ankommen. Im Gespräch gebe ich dafür manchmal Tipps. Zum Beispiel werfe ich mit ihnen während des Gesprächs schon einen ersten Blick auf die Website ihrer künftigen Gemeinde. Manchmal benennen Menschen im Telefonat ja schon Interessen wie Chormitgliedschaft, dafür können wir dann schon einmal Wege skizzieren.

Das man telefonisch wiedereintreten kann, wissen viele gar nicht und sind überrascht über diese Möglichkeit. Wäre der nächste Schritt aber nicht ein digitaler Wiedereintritt?

Pamela Barke: Darüber denken wir nach, und auch darüber, wie wir die Telefonzeiten noch nutzerfreundlicher gestalten können.

Schon gewusst?

Grafik: elk-wue.de

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