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„Begegnungen mit Juden - der beste Schutz vor Antisemitismus“

Pfarrer für jüdisch-christlichen Dialog wirbt für mehr interreligiöses Miteinander

2021 feiert Deutschland 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Aus diesem Anlass wirbt Jochen Maurer, landeskirchlicher Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden, für mehr Kontakte zur jüdischen Kultur - denn die sind für ihn die ideale Antisemitismusprävention.

Jochen Maurer möchte einen Zugang zur Thora schaffen, auch für jüngere Menschen. Pixabay / fotorieth

Ein Festakt in der Kölner Synagoge hat am 21. Februar den Auftakt zum bundesweiten Gedenkjahr „1700 Jahre jüdisches leben in Deutchland“ gebildet. Dabei hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die lange Geschichte des Judentums erinnert, das vitale jüdische Leben im Deutschland der Gegenwart gewürdigt und vor wachsendem Antisemitismus gewarnt.

Auch Baden-Würtembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in einer Erklärung eine breite Würdigung des jüdischen Lebens in Deutschland im Laufe dieses Jahres angekündigt. Dafür werde es Projekte und Aktionen geben. Das Land wolle „die Vielfalt jüdischen Lebens der Gegenwart, dessen Humor und Lebensfreude, ebenso wie die wechselvolle, schmerzhafte Geschichte des Zusammenlebens“ aufgreifen und vertiefen, sagte der Ministerpräsident.  

Jochen Maurer, der landeskirchliche Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden, ist überzeugt, dass echter Kontakt, Bildung und Aufklärung für den Kampf gegen den Antisemitismus essenziell sind.

Als Kind die jüdische Kultur kennengelernt

Bereits seine Kindergartenzeit und die ersten Grundschuljahre hat er in Israel verbracht, weil sein Vater zu dieser Zeit Länderverantwortlicher der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste war. „Noch bevor ich Fasching kennenlernte, verkleidete ich mich an Purim“, sagt der 55-jährige. Auch die jüdischen Neujahrsfeste hat er in schöner Erinnerung: Dort gibt es traditionell Äpfel mit Honig zu essen, damit das Jahr ein gutes und süßes wird.

Arbeitsplatz nahe der Synagoge

Seit April 2020 arbeitet der Theologe in seinem neuem Amt, und hat sein Büro nun nicht mehr wie sein Vorgänger Michael Volkmann in Bad Boll, sondern mitten im Herzen Stuttgarts, im Hospitalhof - nur wenige Schritte von der Synagoge entfernt. Sein Dienstbeginn fiel mitten in den Lockdown der Corona-Pandemie. Einen Fortbildungskurs zur Welt der Psalmen sowie eine Thora-Lernwoche konnte er bereits trotzdem abhalten.

Pfarrer Jochen Maurer setzt sich für interreligiöses Miteinander ein. priv. / elk-wue.de

Zugang zur Thora

Seit 42 Jahren bietet die Landeskirche Thoralernwochen an, in der Kirchengemeinden von orthodox-jüdischen Lehrerinnen und Lehrern eine Woche lang in die jüdische Auslegung zentraler Texte der hebräischen Bibel eingeführt werden. Dieses Erfolgsmodell möchte Maurer gerne weiterführen und hofft, dass auch noch jüngere Menschen Zugang zu diesem Angebot finden.

Plakatkampagne „#beziehungsweise“

Maurer wirbt auch für die ökumenische Plakatkampagne „#beziehungsweise jüdisch und christlich: näher als du denkst“, die jeden Monat des Jahres 2021 zwei Begriffe, je einen aus der jüdischen und einen aus der christlichen Tradition, in Beziehung setzt. Im März beispielsweise Osterfest und Pessachfest - beides Feste, in denen es um Freiheit und Erlösung geht.

#beziehungsweise: Die ökumenische Plakatkampagne möchte bei vollem Respekt gegenüber den Verschiedenheiten der Religionen ihre wechselseitigen Bezüge ins Gespräch bringen. www.elk-wue.de

Vorurteile durch Begegnung abbauen

Der Theologe ist überzeugt, dass Aktionen wie diese eine ideale Form von Antisemitismusprävention sind: Wer sich über das Judentum informiere und in persönlichen Kontakt mit Juden komme, der merke, dass durch die Begegnung Nähe entstehe. Auch in Schulen könnten durch Besuche von jungen Jüdinnen und Juden wie beispielsweise bei dem Projekt "Meet a Jew" des Zentralrates der Juden Vorurteile abgebaut werden.

Aufklärung, Kontakte und Bildung notwendig

Die Zahl der Menschen mit einem „manifest antisemitischen Weltbild“ in Deutschland hat sich nach Einschätzung des Experten nicht sehr verändert und bewege sich seit Jahrzehnten um die 15 bis 20 Prozent. Allerdings sei es heute aufgrund des Internets und der Sozialen Medien viel einfacher, auf solche Haltungen und antisemitische Stereotypen zu stoßen. Eine solche mediale Form der Begegnung mit dem Antisemitismus müsse aber nicht rein virtuell bleiben: „Sie kann bis zu Anschlägen wie in Halle führen.“ Deshalb brauche es Bildung, Aufklärung, Kontakte und Argumente gegen Judenhass sowie eine konsequente Beobachtung der Szene und Verfolgung von Straftaten.

Fünf Jahre in Israel

Insgesamt verbrachte Maurer bisher etwa fünf Jahre seines Lebens in Israel - eine Zeit, die ihn sehr prägte. Ausschlaggebend für ihn, Theologie und Judaistik zu studieren, war der Libanonkrieg 1982. Der damals 16-Jährige besuchte mit seiner Familie in den Sommerferien Israel und bekam dort hautnah die gefährliche Situation in Nordisrael und die Terroranschläge mit, die die Israelis erlebten - und war erschüttert, dass diese Perspektive in Deutschland kaum gesehen und gewürdigt wurde. Diese israelkritische Haltung, die er bis heute vor allem in politisch linken Teilen der deutschen Bevölkerung wahrnimmt, müsse sich befragen lassen, ob sie die Lasten im Nahostkonflikt nicht zu leicht verteilt, so Maurer. „Hier die Täter und da die Opfer ist sicherlich nicht die ganze Wahrheit.“

Persönliche Begegnungen mit Juden hält Jochen Maurer für wichtig, um Antisemitismus vorzubeugen.Pixabay / Tom Gordon

Antisemitismus vorbeugen und bekämpfen

Seine Aufgabe als evangelischer Theologe und Pfarrer für den jüdisch-christlichen Dialog sieht er vor allem auch darin, zu prüfen, wo es antisemitische Angriffsflächen oder Vorlagen in der christlichen Tradition gibt und dem etwas entgegenzusetzen. So sei beispielsweise das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 und die kritische Befassung mit Martin Luthers antisemitischen Seiten hilfreich gewesen. „Man weiß heute, dass die Reformation an dieser Stelle auch schlimme Vorlagen geliefert hat, auf die man dann in der Nazizeit zurückgreifen konnte.“

Festjahr 2021: Deutschland feiert 1700 Jahre jüdisches Leben

Es ist wichtig, Antisemitismus vorzubeugen und, wo er sich äußert, auch aktiv zu bekämpfen. Aber im Festjahr 2021 „Jüdisches Leben in Deutschland“ liegt der Schwerpunkt auch darauf, zu feiern, dass seit 1700 Jahren Jüdinnen und Juden nachweislich auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands leben, wie die erste urkundliche Erwähnung, ein konstantinisches Edikt aus dem Jahr 321, belegt. Dieses gestattete Juden die Bekleidung öffentlicher Ämter in der römischen Provinz. Dass jüdisches Leben weiterhin so vielfältig bleibt und noch selbstverständlicher wird, dafür möchte sich auch Pfarrer Jochen Maurer einsetzen.

(epd)