|

125. Geburtstag - Johanna Binder

Erste Leiterin der Frauenarbeitsschule Stuttgart

Der Entwurf eines Frauenbeffchens setzte sich nicht durch. Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Fast fünfzig Jahre lang hat Johanna Binder mit ihrer Arbeit die textilen Kirchenausstattungen der württembergischen Landeskirche geprägt. Als Leiterin der Paramentenwerkstatt beriet sie unzählige Kirchengemeinden bei der Anschaffung liturgischer Altar-, Taufstein- und Kanzelbedeckungen, die sie dann nach Entwürfen von Künstlern mit ihren Weberinnen und Stickerinnen in hoher handwerklicher Qualität herstellte.

Johanna Binder arbeitete eng mit Kunstschaffenden zusammen, um anspruchsvolle Paramentik-Werke zu schaffen. Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Johanna Binder war schöpferisch begabt und als gelernte Damenschneiderin durchaus erfolgreich. 1919 wurde sie „Lehrmeisterin“ der neu eingerichteten Fachklasse für Mode an der Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule – der heutigen Kunstakademie. Doch die Aussicht auf eine Karriere in der Modebranche schlug sie aus. Als 1924 der Bund Evangelischer Frauen beabsichtigte, mitten in der Inflation eine Evangelische Frauenarbeitsschule in Stuttgart zu gründen, und Johanna Binder bat, die Leitung zu übernehmen, sagte sie kurzerhand zu.

Evangelische Frauenarbeitsschule

Junge Mädchen sollten dort nach dem Schulabschluss in Sticken, Kleider- und Weißnähen unterrichtet werden, um sich für ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter zu qualifizieren. Der evangelische Charakter der Schule wurde durch Morgenandachten und Vorträge über diakonische Themen gepflegt. In der Wirtschaftskrise waren mehrere städtische Nähschulen geschlossen worden, so dass der Zulauf zu der evangelischen Einrichtung mit Zentrale in der Furtbachstraße groß war. Schon im zweiten Schuljahr unterrichteten 19 Lehrerinnen in 9 Zweigstellen rund 400 Schülerinnen.

Paramente zum Schmuck der Kirchen

Noch im Gründungsjahr der Schule wurde auf Anregung des Vereins für christliche Kunst zusätzlich eine Paramentenwerkstatt angegliedert und ebenfalls unter die Leitung von Johanna Binder gestellt. Anfangs arbeitete man noch mit Tuch, Borten und Fransen. Als es in Deutschland eine Neubesinnung über Sinn und Zweck in der evangelischen Paramentik gab, machte Johanna Binder diesen Wechsel mit und erlernte, neben ihren vielfältigen Leitungsaufgaben, Spinnen von Flachs und Wolle, Färben mit Pflanzen, Weben und komplizierte Sticktechniken. Wertigkeit und „Echtheit des Materials“ waren für sie fortan Standard. 1938 legte sie mit Auszeichnung eine zweite Meisterprüfung ab und konnte nun in ihrer Werkstätte Fachkräfte ausbilden.

Nach ihrer Auffassung lag die Basis guter Paramentik in der engen Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Ausführenden, und so produzierte sie gemeinsam mit namhaften Kunstschaffenden über viele Jahre hinweg anspruchsvolle Werke.

Zur Produktpalette der Paramentenwerkstatt gehörte auch die Amtstracht für die Geistlichen. Bei der Einführung der Frauenordination 1968 war Johanna Binders Rat zur Form des Talars und des Baretts für Pfarrerinnen sehr geschätzt. Zuvor hatte sie schon ein spezielles Frauenbeffchen entwickelt, das sich allerdings langfristig nicht durchsetzen konnte.

Als Johanna Binder 1970, mit 74 Jahren, in den Ruhestand ging, konnte sie auf ein Berufsleben zurückblicken, das sie in ganzer Vielfalt ausgefüllt hatte: Da war die Verantwortung für Angestellte, Auszubildende und Schülerinnen, ihre Zähigkeit und Improvisationskunst in wirtschaftlicher Not und Krieg, weite Beratungsreisen über Land und Fußmärsche mit schwerem Gepäck, ihr notwendiges Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Kirchenräume, Verhandlungsgeschick, kreative Gestaltungsprozesse, Überzeugungskunst für würdige Ausstattungen….

Ihr begeistertes Engagement für die Paramentik hat Johanna Binder als diakonischen Auftrag verstanden. Den Weg dorthin eingeschlagen zu haben, hat sie nach eigenem Bekunden nie bereut.

Andrea Kittel

Mehr News

  • Datum: 08.02.2023

    Fasten fürs Klima: Soviel du brauchst

    Die ökumenische Fastenaktion für Klimaschutz will zu einem klimafreundlichen Alltag motivieren. Alle sind eingeladen, den eigenen Alltag neu auf Gottes Schöpfung auszurichten. Im Fokus steht die Auseinandersetzung mit Gewohnheiten.

    Mehr erfahren
  • Datum: 08.02.2023

    „Die Menschen sollen nicht allein sein“

    Notfallseelsorgende gehen dahin, wo für andere die Welt zusammenbricht. Auf diese Aufgabe lassen sich zunehmend auch ehrenamtliche Mitarbeitende ein - Menschen wie Petra Geldner (59), die hier im Interview von ihren ersten Erfahrungen als Notfallseelsorgerin erzählt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 07.02.2023

    Erdbeben-Opfern jetzt helfen

    Nach dem schweren Erdbeben in der türkisch-syrischen Grenzregion rufen Landesbischof Gohl, Diakonie-Chefin Noller und das Gustav-Adolf-Werk zu Spenden für die Nothilfe auf. Die Diakonie Katastrophenhilfe hat in einem ersten Schritt 500.000 Euro bereitgestellt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 06.02.2023

    Gemeinde-Angebote zum Valentinstag

    Der 14. Februar gilt als der Tag der Liebenden. Wer dieses Datum nicht nur mit Blumen und Geschenken, sondern als Christin oder Christ bewusst feiern will, kann dies in einigen Gemeinden der Landeskirche tun. Hier finden Sie dazu einige Angebote.

    Mehr erfahren
  • Datum: 06.02.2023

    Hilfe, wo die Not am größten ist

    Péter Szeghljánik, Pfarrer der Reformierten Kirche in Transkarpatien (Ukraine), hilft mit seiner Kirche Menschen im ganzen Land, auch wenn er sich selbst dabei Gefahren aussetzt. Unterstützung erhält er für seine Arbeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

    Mehr erfahren
  • Datum: 03.02.2023

    „Create“: Festival für neue Gemeindelieder

    Beim Festival für neue Gemeindelieder „Create“ vom 21. bis 23. Februar auf dem Schönblick laden namhafte Referierende zu Workshops ein. Auf dem Programm stehen eine Song Challenge, Songwriting, Vocal Coaching, technische Tricks und Vermarktung.

    Mehr erfahren
  • Datum: 02.02.2023

    Religionsunterricht für Bildung unabdingbar

    Die vier großen Kirchen im Land wenden sie sich gegen die Forderung des Landesschülerbeirats, den Religionsunterricht zu kürzen. Die Bildungsverantwortlichen der Kirchen betonen dessen hohe Relevanz für das gesellschaftliche und persönliche Leben.

    Mehr erfahren
  • Datum: 01.02.2023

    Konfis: Spaziergang voller Kontraste

    Ende Januar nahmen die beiden Konfis Luise und Simon Meyer zusammen mit ca. 50 anderen Konfis an einem besonderen Stadtspaziergang teil: Pfarrerin Stephanie Hecke von der eva sprach mit ihnen über Wohnungslosigkeit, Armut, Sucht und Prostitution.

    Mehr erfahren
  • Datum: 31.01.2023

    EKD-Aktion: #hoffnungsäen

    Zum Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine startet die EKD die Mitmachaktion #hoffnungsäen. Gelbe und blaue Blumen sollen gepflanzt werden. Außerdem steht ein Gebet zum 1. Sonntag der Passionszeit bereit und es wird zu Spenden für humanitäre Hilfe aufgerufen.

    Mehr erfahren
  • Datum: 31.01.2023

    Newsletter zum Klimafasten

    Das Umweltreferat der Landeskirche lädt ein, in der Fastenzeit einen klimagerechten Lebensstil zu entdecken. Dazu bietet das Referat einen Newsletter an, der Ihnen während der Fastenzeit einmal pro Woche Impulse zum jeweiligen Wochenthema bringt.

    Mehr erfahren
  • Datum: 31.01.2023

    „Kirchenasyl soll Humanität stärken“

    Asylpfarrer Joachim Schlecht erhält täglich Bitten um Kirchenasyl – doch bevor eine Kirchengemeinde einem Geflüchteten Asyl gewährt, wird der Fall genau geprüft. Wie solch ein Fall abläuft und worauf es dabei ankommt, erklärt Joachim Schlecht in unserem Interview.

    Mehr erfahren
  • Datum: 30.01.2023

    Innovations-Landkarte - jetzt mitmachen!

    Frische Ideen fürs Gemeindeleben gibt’s auf der Innovations-Landkarte von gemeindebegeistert.de: Hier können Sie sich vernetzen und eigene Ideen und Projekte auf der Landkarte eintragen. #gemeindebegeistert ist ein mehrjähriger Innovationsprozess der Landeskirche.

    Mehr erfahren
Mehr laden