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Was Kirche gegen Antisemitsmus bei Jugendlichen tun kann

Ein Interview mit Jochen Maurer zur Filmvorstellung „Jung und jüdisch in Baden-Württemberg“

In Kooperation mit der Filmakademie Ludwigsburg hat das baden-württembergische Staatsministerum einen Film mit und über junge Menschen jüdischen Glaubens produziert. Zur Vorstellung des Films am 6. Mai haben wir mit Jochen Maurer gesprochen, dem landeskirchlichen Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden. Wie nimmt er jüdische Jugendliche wahr? Und wie kann Kirche sich gegen Antisemitismus unter Kindern und Jugendlichen engagieren?

Der Film „Jung und jüdisch in Baden-Württemberg“ wurde von dem jungen Regisseur und Absolventen der Filmakademie Willi Kubica realisiert. Er will zeigen, wie sich junge Juden und Jüdinnen im Land selbst verstehen, wie sie mit ihrem Judentum, der Erinnerung an den Holocaust und aktuellem Antisemitismus umgehen und wie sie sich als Teil der Gesellschaft verstehen. Die Dokumentation soll bewusst machen, das jüdische Identiät zwar zum Leben der jungen Menschen dazugehört, sie sich aber keineswegs allein darüber definieren. Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung hat zum Film pädagogische Begleitmaterialien erstellt.

Der Film wird am 6. Mai um 10:00 Uhr auf der Webseite des Staatsministeriums vorgestellt und bleibt dort auch mit vielen Zusatzinformationen verfügbar.

Interview mit Jochen Maurer, landeskirchlicher Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden

Jochen Maurer sieht eine wichtige Aufgabe der Kirche darin, Klischees und Bilder jüdischen Lebens bewusst zu machen und aufzulösen - gerade bei jungen Menschen.privat

Herr Maurer, wie erleben Sie junge Juden in Württemberg?

Maurer: Ich erlebe sie als ganz normale junge Leute in einer großen Meinungsvielfalt. Manche gehen mit ihrer jüdischen Identität eher zurückhaltend um, andere aber auch sehr offen und selbstbewusst. Das ist nicht anders als bei jungen Christen. Durch die Mitarbeit der Initiative „Meet a Jew“ des Zentralrats der Juden in Deutschland haben sich viele junge Leute bereit gefunden, Auskunft zu geben darüber, was es bedeutet, als Jude zu leben. Was mir dabei aber auch begegnet, ist die Erwartung: Redet auch mal mit uns, wenn es nicht um den Holocaust geht! Natürlich ist diese Erwartung kein Beitrag zu einer Schlussstrich-Debatte – aber es ist eine klare Absage, ständig auf die Opferrolle reduziert zu werden. Die jungen jüdischen Mitglieder unserer Gesellschaft erwarten, dass die Mehrheit wahrnimmt, dass Antisemitismus nicht das Problem (im Sinne der Schuld) der Minderheit ist, sondern dass in der Erziehung, in der öffentlichen Kommunikation, sowie bei Polizei und Justiz eine konsequente Benennung und Verfolgung stattfindet.

Für uns als Mitglieder der Mehrheit ist es außerdem zentral wahrzunehmen, dass es eine große Bandbreite jüdischer Lebenswelten gibt - das geht sehr schön etwa auf der Webseite 2021jlid.de/jewersity. Dort wird dem Reden von „den“ Juden der Boden entzogen: Diesen Plural gibt es nur in größter Pluralität!

Was eher unbekannt ist: Es gibt viele Zuzüge junger Juden aus Israel nach Deutschland. Berlin ist eine sehr attraktive Stadt, um im jungen Erwachsenenalter einige Jahre hier zu leben. Denn in Israel zu leben, ist ja auch nicht einfach – es ist Leben mit einem hohen Stresslevel.

Verändert sich das Selbstverständnis junger Juden von Generation zu Generation?

Maurer: Ja, da hat es Veränderungen gegeben. Die Juden, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Schoah entweder als displaced persons hier gestrandet oder aus dem Exil zurückgekehrt sind oder später auch zum Teil aus Israel, hatten ein stark belastetes Verhältnis zu Deutschland. Wie auch nicht? Sie hatten Familie, Freunde, Heimat und vieles mehr durch den Nationalsozialismus verloren. Und dieses belastete Verhältnis prägte die Familien und die nachwachsende Generation.

Heute stammen die meisten jungen Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland aus Familien, die in den 90er Jahren aus den ehemaligen GUS-Staaten eingewandert sind. Die Eltern hatten in der Sowjetunion kaum eine religiöse Erziehung erhalten und sprachen auch kein Deutsch. Aber dafür war vielleicht der Großvater Veteran der Roten Armee und hatte so auch Anteil am Kampf und Sieg gegen den deutschen Vernichtungskrieg. Das erlaubt in manchem einen selbstbewussteren Umgang mit ihrer jüdischen Identität in Deutschland. Ein starkes Beispiel dafür gibt etwa der Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“, der die Knackpunkte sehr offen und dabei überaus humorvoll anspricht – ein echtes „Must-See“. der Film wird bald über den ökumenischen Medienladen erhältlich sein.

Gibt es Berührungspunkte zwischen kirchlicher und jüdischer Jugendarbeit?

Maurer: Inhaltlich geht es in beiden Bereichen neben den sozialen Aspekten aus Gemeindesicht letztlich um dasselbe: jungen Menschen zu helfen, ein eigenes, individuelles Verhältnis zu den religiösen Traditionen und zum religiösen Leben zu entwickeln: Wer bin ich als Jude? Wer bin ich als Christ?

Es wäre natürlich schön, wenn sich jüdische und christliche Jugendarbeit auch institutionell und vor Ort begegnen würden. Meist erschweren das die Zahlenverhältnisse, denn die jüdischen Gemeinden sind klein und haben daher auch im Kinder- und Jugendbereich kleine Gruppen.

Die jungen Mitglieder brauchen ja vor allem einen geschützten Raum, in dem sie ihre eigene jüdische Identität finden und in der Gruppe leben können. Begegnungen mit christlichen Jugendgruppen würden sie – schon rein zahlenmäßig – wieder in dieselbe Situation bringen, in der sie schon im Alltag sind.

Anders verhält es sich mit deutsch-israelischen Schulpartnerschaften, die von der Baden-Württembergischen Landesregierung gefördert werden. Wenn sich auf diesem Weg zwei Klassen treffen, ist das natürlich ein ganz anderes Gegenüber, sehr interessant und vor allem gut, um vorgefasste Bilder zu erschüttern und zu ersetzen durch Erfahrungen aus persönlichen Begegnungen.

Was kann die Kirche tun, um speziell dem Antisemitismus in Schulen und in der Jugendszene entgegenzutreten?

Maurer: Genau an diesem Punkt können Kirche und Jugendarbeit mitwirken: Bilder, Klischees und Vorurteile bewusst zu machen und aufzulösen. Und mit kritischem Blick auf die eigene (Kirchen-)Geschichte die fortwirkenden Bilder zu identifizieren, die ja auch der moderne, säkulare Antisemitismus weiter nutzt – bis hin zu Q-Anon und anderen Verschwörungsmythen. Religionsunterricht oder kirchliche Jugendarbeit können helfen, Antisemitismus klar und offen zu benennen und anzugehen, wo er auftritt. Wenn es denn antisemitische Vorfälle in Jugendgruppen oder Schulklassen gibt, also ansprechen und Rat suchen, etwa bei der Beratungsstelle des OFEK e.V.

Vor allem aber: Immer wieder informieren – und im besten Fall auch Kontakte suchen.