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„O du fröhliche“ - Geschichte eines Weihnachtsklassikers

Vom geschmähten Kinderlied zum unverzichtbaren Schlusslied

„O du fröhliche“ - Weihnachts-Gottesdienste sind ohne dieses Lied hierzulande kaum vorstellbar. Dabei hat sich der Klassiker seine Position im Herzen der Menschen erst mühsam erkämpfen müssen. Jan Peter Grevel zeichnet seine wechselvolle Geschichte nach.

O du fröhliche - der Klassiker geht auf ein Liederbuch für Kinder von Johannes Daniel Falk (1768-1826) in Weimar zurück. Jan Peter Grevel

Die Weihnachtslieder, die wir jedes Jahr in der Christvesper an Heilig Abend und den anderen Weihnachtsgottesdiensten singen, sind neben der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium für viele besonders vertraut. Unter den bekannten Liedern ragen zwei ganz sicher heraus: das besinnliche „Stille Nacht“ und das heitere, überschwängliche „O du fröhliche“. Traditionell beschließt es die Christvesper und sorgt bei vielen für Gänsehaut. Alle drei Strophen werden stehend gesungen, die Orgel zieht alle Register, oft erklingt bei der letzten Strophe der selten gehörte Zimbelstern in der dunklen Kirche.

Für viele ist klar: So muss sich Weihnachten anfühlen. Viele kennen die Lieder auswendig und singen sie mit großer Freude. Bleibt zu hoffen, dass die Lieder auch in diesem Jahr trotz strenger Hygienemaßnahmen infolge der Coronapandemie ihren Weg in die Herzen der Menschen finden.

„O du fröhliche“ hatte einen schweren Stand

Es ist lohnend, auf Spurensuche nach diesem Weihnachtsklassiker zu gehen, weil noch vor hundert Jahren das Lied in unseren württembergischen Gottesdiensten einen schweren Stand hatte. Auch das alte Evangelische Kirchengesangbuch (EKG) führte das Lied überhaupt nicht im Stammteil auf, also dem Teil des Gesangbuches, der für alle Landeskirchen gleich ist. In der württembergischen Gesangbuchausgabe von 1953 findet es sich im regionalen Anhang. In vielen Gesangbüchern der fünfziger Jahre ist das Lied mit einem Stern versehen, als Hinweis, es sei für den gottesdienstlichen Gebrauch nur bedingt geeignet. Erst mit dem neuen, bis heute genutzten Gesangbuch, zog „O du fröhliche“ – wie übrigens auch „Stille Nacht“ endgültig in den Stammteil ein. Man findet es dort unter der Nummer 44. Wie kam es, dass „O du fröhliche“ zum Weihnachtsklassiker wurde, ohne den heute keine Christvesper mehr beschlossen wird?

Meldodie eines sizilianischen Schifferliedes

1813 gründete Johannes Daniel Falk (1768-1826) in Weimar ein Haus für verwaiste Kinder, in diesem Haus lebten die Kinder und erhielten Unterricht. 1817 veröffentlichte Falk eine Liste mit den Liedern, die jedes Kind seiner Einrichtung auswendig kennen und singen musste, darunter ein Lied, das er als „Alter Kirchengesang des Palestrina, nach der Weise des O sanctissima“ bezeichnete – das spätere „O du fröhliche“. In dieser Urform bezog es sich mit seinen drei Strophen auf Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Vermutlich lernte Falk „O sanctissima“ durch die Liedersammlung Johann Gottfried Herders kennen und ließ sich von dem lateinischen Marienlied inspirieren, das von Johann von Müller 1807 in Aufnahme eines sizilianischen Schifferliedes seine Melodie erhalten hatte. Falk übersetzte das Lied ins Deutsche, kürzte es auf drei Strophen und veränderte den Inhalt. Seine Kinder vor Augen, suchte er nach einfachen Aussagen, die jeweils in ein „Freue dich, o Christenheit“ mündeten. 1826 überarbeitete ein Mitarbeiter Falks, Heinrich Holzschuher, das Lied und schrieb die bis heute bekannte Fassung.

Kling, Klang, Gloria - durch dieses Liederbuch verbreitete sich „O du fröhliche“ in weiten Kreisen.Jan Peter Grevel

Kling, Klang, Gloria

Starke Verbreitung fand das Lied durch Liedersammlungen des Rauhen Hauses Johann Hinrich Wicherns. Auch für die Weihnachtsfeier im Rauhen Haus wurde das Lied verwendet, neben den bekannten Fassungen dichtete Wichern 1848 selbst eine neue Fassung. 1858 erfolgte die Aufnahme in das Röhrichtsche Kindergesangbuch, 1860 der Abdruck in der Basler „Sammlung geistlicher Lieder“ von J.J. Schäublin und A. Barth. Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgte dann die Aufnahme in das berühmte Kinderbuch, „Kling, Klang, Gloria“ von W. Labler, H. Lefler und J. Urban und damit überschritt „O du fröhliche“ endgültig den „erwecklichen Rahmen der Inneren Mission“ (U. Schwab).

Vor gut hundert Jahren wurde Weihnachten auch in Württemberg noch ganz anders gefeiert. Das „Kirchliches Gesetz, betr. die gottesdienstliche Begehung der Feiertage“ von 1912 erwähnt die Christvesper und die Christmette noch nicht. Auch im Kirchenbuch von 1931 findet sich kein Hinweis auf die Vesper oder Mette. Übrigens ganz so wie in Baden.

1. Christtag war wichtiger als Heiligabend 

Anders als in der katholischen Tradition der Christnacht fand der wichtigste Gottesdienst am 1. Christtag statt. Dieser Gottesdienst ist bis heute liturgisch und musikalisch ein Festgottesdienst. Die Kirchen- und Posaunenchöre wirken mit, das Heilige Abendmahl wird gefeiert. Aber längst hat ein anderer Gottesdienst ihm nach der Zahl der Besucher den Rang abgelaufen: die Christvesper. Der nachmittägliche Gottesdienst galt ursprünglich als Einstimmung für den Heiligen Abend. Oft fanden hier die Krippenspiele statt, und die weihnachtlichen Volkslieder wurden hier gesungen. Heute ist dies ist der am stärksten besuchte Gottesdienst im ganzen Weihnachtsfest. Längst haben die Gemeinden Frieden mit diesem Gottesdienst geschlossen und flankieren ihn mit Familiengottesdiensten und Christmetten. Und in keinem dieser Gottesdienste fehlt „O du fröhliche“. Wie ist es dazu gekommen?

Weihnachten wird emotionaler

1913, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges dachte der Praktische Theologe Friedrich Niebergall über „Weihnachten im Licht der Erneuerung des Religionsunterrichts“ nach. Er wollte den christlichen Glauben wieder vom Kopf auf die Füße stellen und sprach sich für ein sinnliches, erfahrungsgesättigtes Weihnachten aus: „Wir Großen und vor allem die Kleinen wollen an Festen nicht zuerst denken, sondern sehen: Gestalten, Begebenheiten, Seltsames wie Wundersterne und ferne Karawanen.“

Niebergalls Plädoyer für das neue Sehen war in Wirklichkeit ein Hören und Sehen und ging weit über den Religionsunterricht hinaus! Als Schlüssel für ein Weihnachten mit Gefühl machte Niebergall das Singen aus dem Gesangbuch aus:

„Wie tönt und jubelt es in den Weihnachtsliedern von Glück und Freude! Es fehlt kein wichtiger erbaulicher Gedanke der Weihnachtsbotschaft, Vergebung, Erlösung, neues Leben, Friede und Freude, das ist alles da! Aber wie ist das alles eingetaucht in Glück und Fröhlichkeit, so dass es ganz tief zu Herzen spricht. Und nicht nur spricht, nein singt und jubelt! Das Beste, nämlich Stimmung und Gesinnung, steckt hier überall!“

Wohl kein Lied drückte diese weihnachtliche Freude so sehr aus wie „O du fröhliche“: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!“

Christmette und die Christvesper als liturgische Erprobungsräume

Niebergall sprach sich vor rund hundert Jahren also für eine Weihnachtskultur aus, die dem Gefühl, der Stimmung Raum geben sollte. Als nach dem I. Weltkrieg die Kirche und mit ihr die Theologie nach neuen Orientierungsmarken des Glaubens suchte, wurden die Christmette und die Christvesper zu liturgischen Erprobungsräumen von Weihnachten. Ein wichtiger Einfluss für diesen neuen Feierimpuls war die Berneuchener Bewegung, ein anderer die Übernahme alter ökumenischer Traditionen. Schließlich griff man – ganz im Sinn von Niebergall, auf die Weihnachtsfeiern für Kinder an Heilig Abend zurück, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts Verbreitung fanden. Mit diesen Feiern war das Lied „O du fröhliche“ schon früh verbunden.

In dieser Praxishilfe von Johannes Koeppen aus dem Jahr 1921 endet die Christnacht mit „O du fröhliche“. Jan Peter Grevel

Auf dem Weg zum Schlusslied

In den 1920er Jahren erhielten diese Weihnachtsfeiern für Kinder eine feste Liturgie mit Krippenspielen, besinnlichen Texten und einer festen Auswahl von bekannten Liedern. Jetzt rückte „O du fröhliche“ immer stärker an das Ende der Feiern. Beispielgebend sind die beliebten Praxishilfen von Johannes Koeppen. In dem 1921 veröffentlichten Büchlein, „Stille Nacht – heilige Nacht. Eine liturgische Feier für die Christnacht“, endet die Weihnachtsfeier mit „O du fröhliche“. In dieser Zeit wird das Lied zunehmend zum Weihnachtsklassiker. Andere Freudenlieder, die am Ende der Vesper- oder Mettengottesdienste gesungen werden, fallen zurück. Das gilt für das heute fast vergessene „Seid nun fröhlich, jubilieret“ aus dem Speyerer Gesangbuch von 1599, aber auch für das feine und herzerwärmende „Fröhlich soll mein Herze springen“, das heute vor allem am 1. Christtag gesungen wird.

Ganz unten im Programm: „Die Gemeinde verlässt still die Kirche“Jan Peter Grevel

Nebeneindander von Besinnung und Fröhlichkeit 

Ende der 1920er Jahre gibt es beides: Vespern und Metten mit und ohne das Lied. Wilhelm Schwandts liturgische Andacht zur Christvesper von 1926 beinhaltet das Lied bereits. In Württemberg war man da noch zurückhaltend.

Ein eindrückliches Dokument dafür ist die Christmette, die 1931 in der Heilbronner Südkirche gefeiert wurde. Der Gottesdienst fand am Weihnachtsmorgen um 7:30 Uhr statt und das Programmblatt notiert nach dem Singen von „Fröhlich soll mein Herze springen“, Segen und Nachspiel: „Gemeinde verlässt still die Kirche“. Könnte man das überhaupt nach „O du fröhliche“?

Verbot im Nationalsozialismus 

Die Nazi-Zeit bedeutet dann einen Rückschritt für den Weihnachtsklassiker. Viele Lieder mussten Neudichtungen weichen, wurden umgedichtet oder verboten. Überhaupt versuchten die Nazis, kirchliche Weihnachtstraditionen zu brechen und durch neue Formen wie die Sonnenwendfeier zu ersetzen. Die Nazis setzten hier wiederum bei den Kindern an. Man hoffte, wenn die Kinder das Lied nicht mehr lernten, würde es bald in Vergessenheit geraten. Beispielhaft ist der Appell eines norddeutschen Pastors im Hamburgischen Kirchenblatt von 1937. Über alle Konfessions- und Traditionsgrenzen hinweg hält er drei Lieder für den unaufgebbaren Schatz „echt deutscher Weihnachtslieder“, nämlich „Stille Nacht“, „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ und natürlich „O du fröhliche“. Sie sind in ihrem Fortbestand, so schreibt es Pastor Martin Hennig aus Groß-Borstel, bedroht: „Diese Lieder sollen wir nun zu Weihnachten möglichst gar nicht oder wenig singen (…). Und ganz kluge sehr empfohlene Liedersammlungen drucken sie nicht ab. Da sie in der Schule gar nicht mehr gelernt werden, werden wir in zehn Jahren (…) soweit sein, dass wir überhaupt kein Lied mehr haben.“

Ein besonders perfides Beispiel nationalsozialistischer Umdeutung von Weihnachten waren die propagandistischen Weihnachtsringsendungen. Seit 1939 gab es keine kirchlichen Radioübertragungen von Gottesdiensten mehr. 1942 wurde mit großem Aufwand eine Sendung produziert, die eine Mischung aus Propaganda, Berichten aus Kriegsgebieten und traditionellen Weihnachtstücken wie Weihnachtsliedern und Glockengeläut war. Weihnachtslieder wurden in den umgedichteten Fassungen gespielt, „O du fröhliche“ fehlte. Die Weihnachtsringsendung von 1941 endete mit Glockengeläut und dem Choral "Und wenn die Welt voll Teufel wär‘“.

Comeback 1945

Schon Weihnachten 1945 war „O du fröhliche“ dann wieder in aller Munde. Vielleicht ist das ein kleines Weihnachtswunder. Das leicht auswendig zu lernende Lied war gut singbar, ein Stimmungslied eben, fasste die Hauptbotschaft von Weihnachten zusammen und war daneben für die harmoniebedürftige Nachkriegszeit ein gemeinsamer Nenner über alle kirchenpolitischen und konfessionellen Gräben hinweg:

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!“

Ablauf einer Christmette in einem Kriegsgefangenenlager 1945 - natürlich mit „O du fröhliche“. Jan Peter Grevel

„O du fröhliche“ im Gefangenenlager

Anrührend, wie sehr man sich diese weihnachtliche Freude gerade damals wünschte! Eine Christmette von 1945, die in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager gefeiert wurde, gibt davon ein beredtes Zeugnis: „O du fröhliche“ war jetzt das Schlusslied. Zur weiteren Verbreitung des Liedes am Ende der Christvespern und Metten trugen mehrere Faktoren bei. Da waren die populären Gottesdienstübertragungen im Radio oder auf Schallplatte (wie die Christvesper aus Bethel mit Friedrich von Bodelschwingh 1958), aber auch die hochgeschätzten Kompositionen des Dresdner Komponisten und Kantors Rudolf Mauersbergers. Sein Werk „Christvesper nach Worten der Bibel und des Gesangbuches“ (RMWV 7) von 1963 geht auf das Jahr 1936 zurück und wurde immer wieder neu bearbeitet, u.a. auch 1947. Dieses Werk ist der wohl stärkste kirchenmusikalische Impuls für die Wiederaufnahme von „O du fröhliche“ als Schlusslied der Christvesper gewesen.

„O du fröhliche“ – ein Weihnachtslied, das heute zum Kern von Weihnachten gehört. Sein Schmelz und seine klare, einfache Sprache haben es zu einem echten Weihnachtsklassiker mit Geschichte gemacht. Und schon jetzt hoffe ich, dass in der Christvesper 2021 die Menschen am Ende der Christvesper wieder aus voller Kehle singen dürfen:

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!“

Jan Peter Grevel

Über den Autor: PD Dr. Jan Peter Grevel ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Derzeit versieht er die Stabsstelle „Visitation und theologische Grundsatzfragen“ bei Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July. Seit 2014 ist er Privatdozent für Praktische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

„O du fröhliche“ als Karaoke-Version zum Mitsingen

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