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Das Gedächtnis der Landeskirche

Zentralarchiv auf der Suche nach weiteren Dokumenten

Archivar Uwe Heizmann beim Sichten alter Kirchenunterlagen.Siegfried Denzel/elk-wue.de

Stuttgart. Die Handschrift ist gestochen scharf - viel sauberer, als die meisten heute schreiben können. Und doch kann fast niemand die Worte entziffern. Oft deshalb legen Ratsuchende den Mitarbeitern des Landeskirchlichen Zentralarchivs und der Zentralbibliothek alte Briefe vor, um sie von den Archivaren „übersetzen“ zu lassen.

Hand aufs Herz: Wer kann heute noch so gestochen scharf schreiben - geschweige denn, diese Schrift lesen?Siegfried Denzel/elk-wue.de

Sütterlin oder die alte deutsche Schreibschrift sind für die meisten Zeitgenossen inzwischen so etwas wie „Wissens-Tresore“: Das Geschriebene enthält meist zwar viele Informationen - aber es hält dicht wie die verriegelte Tür eines Panzerschranks. Nur Kundige wie die Mitarbeiter des in Stuttgart-Möhringen beheimateten Archivs können diese Tür öffnen.

Es ist wie eine Tür ins Gedächtnis der inzwischen fast 500 Jahre alten Landeskirche. Dementsprechend viele „Erinnerungen“ sind in Möhringen gespeichert. Und zwar nicht nur in Form von Akten und Kirchenbüchern von - aneinandergereiht - inzwischen zwölf Kilometer Länge. Sondern auch ganz modern auf der Homepage Württembergische Kirchengeschichte online

Archiv hofft auf Dachböden und Keller

Trotz der schieren Menge gesammelter Informationen ist die württembergische Kirchengeschichte nicht lückenlos dokumentiert. Und deshalb hoffen die Mitarbeiter des Landeskirchlichen Archivs auf Dachboden- oder Kellerfunde.

Archiv-Mitarbeiter Uwe Heizmann zeigt ein Stammbuch aus dem Jahr 1785: „Heute würde man Poesiealbum dazu sagen.“Siegfried Denzel/elk-wue.de

Nach dem bislang letzten Aufruf des Archivs, im Falle von Nachlässen historisch wertvolle, aber nicht privat benötigte Dokumente zur Verfügung zu stellen, haben die Möhringer ein Stammbuch aus dem Jahr 1785 erhalten. „Heute würde man dazu Poesiealbum sagen“, erklärt Archivwissenschaftler Uwe Heizmann.

Das kunstvoll gestaltete Stammbuch-Deckblatt des Theologiestudenten Ruoff aus dem Jahr 1785.Siegfried Denzel/elk-wue.de

Ein württembergischer Theologiestudent namens Ruoff hatte darin seine „Amicis et Fautoribus“ - seine Freunde und Förderer - Widmungen, gute Wünsche und Ratschläge notieren lassen. Als dem Archiv dieses Büchlein angeboten wurde, haben die Mitarbeiter dankend angenommen. Geld gibt's übrigens nicht: „Wir übernehmen die Werke als Schenkung oder Dauerleihgabe."

Ohnehin ist für bisherige Besitzer solcher Dokumente etwas mit Geld gar nicht aufzuwiegen: das gute Gefühl, die württembergische Kirchengeschichte wieder ein Stückchen kompletter gemacht zu haben.

„Man hat sich gegenseitig überwacht“

Und nicht nur die Kirchengeschichte: Im Archiv lagern mit Kirchenbüchern und sogenannten Kirchenkonventsprotokollen auch Dokumente, „die für die lokale Sozialgeschichte sehr spannend sind“ - wobei die beschriebenen Ereignisse heute in die Zuständigkeit von Standesämtern und Gerichten fallen würden.

So geht aus einem solchen Protokollbuch aus Peterzell bei Alpirsbach für die Jahre 1750 bis 1771 akribisch festgehalten hervor: „Wer wurde für welche Tat bestraft? Wer hat Unterstützung bekommen? Wer wurde unehelich schwanger?“ Und: Welche Kinder haben mal wieder die Schule geschwänzt? „Man hat sich gegenseitig überwacht“, kommentiert Heizmann.

Zudem ist aus dem Jahr 1767 eine bemerkenswerte Wahl dokumentiert: Die Frauen des Dorfes bestimmten nicht nur die Peterzeller Hebamme, sondern wählten auch deren Gehilfinnen, die „geschworenen Weiber“.

Im Original nicht mehr lesbar: Kirchenbücher aus Freudenstadt aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Die Bücher lagerten zwar in einem Tresor - beim verheerenden Luftangriff auf Freudenstadt im April 1945 waren sie aber großer Hitze ausgesetzt. Durch Abschriften sind die meisten enthaltenen Informationen aber erhalten geblieben und im Kirchenbuchportal Archion sogar abrufbar.Siegfried Denzel/elk-wue.de

Gedächtnislücken

Doch nicht für alle Kirchengemeinden der Landeskirche ist die Aktenlage so gut: „Wo Kriegsvolk durchgezogen ist“, fehlt vieles. Auch die Bombenangriffe auf etliche Städte Württembergs während des Zweiten Weltkriegs und die Wirren der frühen Nachkriegszeit haben deutliche Lücken im „Gedächtnis“ der Kirche hinterlassen. „Wenn wir da noch etwas bekommen würden...", meint Uwe Heizmann und bekommt schon beim Gedanken an einen solchen Lückenschluss leuchtende Augen.

Und an noch etwas haben er und seine Kollegen großes Interesse: „Wir suchen Nachlässe von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie von Personen, die mit der Kirche verbunden waren. Denn „automatisch“ im Archiv landen nur die Personalakten. Predigt-Manuskripte oder gar Ton-Mitschnitte sind für das Archiv aber ebenfalls wertvoll.

Stenografie des 2012 verstorbenen Pfarrers Christoph Scheytt - selbst für Archivare nur schwer lesbar.Siegfried Denzel/elk-wue.de

Manchmal jedoch bringen solche Nachlässe aber selbst die Experten in Möhringen an ihre Grenzen: Als ein Beispiel nennt Uwe Heizmann die Aufzeichnungen des 2012 verstorbenen früheren Waiblinger und Ulmer Pfarrers Christoph Scheytt. „Wir haben bei ihm die Schwierigkeit, dass er einen Teil seiner Aufzeichnungen in Steno-Kurzschrift verfasst hat.“ Und die ist - im Gegensatz zu Sütterlin und alter deutscher Schrift - selbst für die Kirchen-Archivare nur schwer zu entziffern.

Bibeln und Gesangbücher? Eher nicht

Fast kurios mutet es zunächst an, wenn Uwe Heizmann aufzählt, woran das Archiv kein Interesse hat: „Uns werden häufig Bibeln angeboten. Die sind zwar alt, aber die wurden schon im 19. Jahrhundert massenhaft gedruckt.“ Auch Gesangbücher aus jener Zeit stoßen auf eher verhaltene Freude der Archivare. Heizmanns Rat: Wer sich von solchen Exemplaren trennen wolle, solle es lieber in einem Antiquariat versuchen.

Wer dem Archiv allerdings Kirchenbücher, Pfarrer-Nachlässe oder sonstige Dokumente überlassen will, kann sich direkt an ihn wenden: Telefonisch ist Uwe Heizmann unter 0711/2149-662 und per Mail unter uwe.heizmann@elk-wue.de erreichbar.


Siegfried Denzel