| Diakonie

… in Christus, im Glauben, im Nächsten und in der Liebe.

Die Weihnachtsgeschichte ist für Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg (DWW), der diakonische Text der Bibel schlechthin. Gott kommt als hilfloses Wickelkind in die politische und gesellschaftliche Realität. Steuerschätzung, Meldepflicht. Für Fremde kein Platz; für Arme nur am Rand. Elk-wue.de hat mit dem ehemaligen Landesjugendpfarrer, Dekan von Esslingen und seit 2015 auch Mitglied des Rats der EKD über Diakonie und seine Arbeit gesprochen. Im November tritt er in den Ruhestand. 

Oberkirchenrat Dieter Kaufmann ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Württemberg. Diakonisches Werk Württemberg

Herr Kaufmann, Sie sind seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, was hat Sie damals an dieser Aufgabe gereizt? 
Diakonie ist ein wichtiger Teil von dem, was Kirche ausmacht. An der Aufgabe hat mich gereizt, dass das Thema Diakonie in diesem Werk in der Landeskirche gut vorangetrieben wird. Dazu meinen Teil beizutragen, mit meinen Erfahrungen als Dekan, als Landesjugendpfarrer und als Pfarrer auf der Karlshöhe. Kirche in der Form der Diakonie mit zu gestalten, theologisch fundiert, wie Martin Luther es in der `Freiheit eines Christenmenschen‘ beschrieben hat: „Ein Christ lebt nicht für sich selbst. Sondern er lebt in Christus im Glauben, im Nächsten in der Liebe.“ An dieser theologischen Botschaft mitzuwirken in der Form der Diakonie in unserer Landeskirche, das fand ich damals eine spannende Aufgabe und das ist heute immer noch so. 

Was hat sich in diesen elf Jahren an der Arbeit der Diakonie verändert? 
Diakonie ist ständig in Bewegung. Das muss sie auch sein, weil sich die Fragstellungen der Menschen, für die die Diakonie da ist, die sie begleitet, die sie berät, die sie unterstützt, immer wieder ändern. In diesem Sinne ist die Diakonie an die gesellschaftliche Dynamik ganz eng angeschlossen. Wir haben viele Veränderungsprozesse in den letzten elf Jahren gehabt:  

Die Dezentralisierung von großen diakonischen Einrichtungen. Dass eben viele kleine Wohngruppen sich an unterschiedlichen Orten ansiedeln. Es geht darum Teilhabe zu gestalten. Grundlegend war die UN-Behindertenrechtskonvention, die auch von Deutschland ratifiziert wurde, kurz bevor ich angefangen habe. Jeder Mensch, mit welcher Behinderung auch immer, soll da leben, wohnen und arbeiten können, wo er oder sie will. Das war ein richtiger Paradigmenwechsel. Also nicht mehr: Wir bieten etwas an. Sondern der Einzelne sagt: Das brauche ich, damit ich gut mein Leben gestalten kann. Die Frage ist also immer: Wie kann man Menschen Teilhabe ermöglichen und was müssen wir dafür tun? Der Aktionsplan Inklusion der Landeskirche hat wichtige Projekte auf den Weg gebracht und ein gutes Miteinander an vielen Orten gezeigt. 

Der Kostendruck ist nach wie vor immens. Wir haben eine „Vermarktlichung“ der sozialen Arbeit, weil wir uns auf einem Markt mit anderen Anbietern bewegen. 

Wir müssen uns als Diakonie ständig auf die neuen Entwicklungen einstellen, damit wir mit guter Qualität und mit guten Mitarbeitenden präsent bleiben. 

In welchen Arbeitsfeldern hat sich am meisten getan? 
In der Pflege hat sich unheimlich viel getan. Es hat sich gezeigt, dass der Bedarf steigt. Wir brauchen ambulante und stationäre Pflegeplätze. Auch da haben wir mittlerweile ein ganz differenziertes Angebot. Das ist wirklich toll, was da heute alles möglich ist. Damit sind aber auch die Anforderungen an unsere Mitarbeitenden in allen Bereichen sehr gestiegen. Sie müssen sich auf individuelle Situationen einstellen und darin arbeiten können. Und sie müssen auch ganz viel beratend tätig sein – sowohl für die Angehörigen als auch für die zu Pflegenden. Aber wir haben wir sehr gute und engagierte Mitarbeitende. 

Aber auch in der unternehmerischen Steuerung müssen Sie sehr präzise und mit hoher Qualität arbeiten, um betriebswirtschaftlich verantwortlich ihre Einrichtung nachhaltig zu leiten. Auf diesem Markt müssen wir schon deutlich machen, was z. B. das Besondere einer diakonisch geführten Einrichtung ist. Die Qualität und auch die Kultur in einem Haus, in der Beratung, in den Bildungsangeboten müssen stimmen. Ich sage ja immer: In der Diakonie gibt es mehr Glaubenskurse als in der ganzen Landeskirche. Diakonische Einführungstage, diakonische Grundlagenkurse, Menschen beistehen, biblisch-theologische Vertiefung. Unsere Mitarbeitenden sollen den Menschen, mit denen sie es zu tun haben, beistehen können, auch seelsorgerlich und geistlich. Das macht uns aus. Und das ist uns wichtig. Daraus sind das Gebets- und das Mutmach-Büchlein entstanden. Wir hatten uns gefragt: Wie können wir den Mitarbeitenden etwas an die Hand geben, wenn Sie z. B. jemandem etwas Tröstliches sagen wollen, oder ein Gebet sprechen wollen?  

Eine weitere große Veränderung war in den letzten Jahren der Umgang mit dem ‚Dritten Weg‘. Inzwischen hat sich die Kritik daran sehr beruhigt. Der Dritte Weg ist als kirchlich-diakonisches Arbeitsrecht in der Breite anerkannt und akzeptiert. Wir haben in der Diakonie bundesweit die besten Tarife in der sozialen Arbeit. D. h. der Dritte Weg leistet, dass unsere Mitarbeitenden gut bezahlt sind. Und durch das Mitarbeitervertretungsgesetz haben sie weitreichende Mitbestimmungsrechte. Und wir stehen so dafür, dass wir versuchen, die arbeitsrechtlichen Fragen in einem Konsensverfahren zu lösen. Was übrigens für 95 Prozent der tariflichen Auseinandersetzungen im Bereich der Wirtschaft ebenso der Fall ist. 

Seit 2015 engagieren wir uns natürlich deutlich verstärkt in der Flüchtlingsarbeit. Dabei war uns immer wichtig, dass wir Menschen zusammenbringen. Ehrenamtliche in Kirchengemeinden, die sich für Flüchtlinge engagieren. Von der Lernwerkstatt zur Berufshilfe bis zum Beistand in Verfahrensfragen. Unterstützt von Hauptamtlichen, die aufgrund des starken finanziellen Einsatzes der Landeskirche in jedem Kirchenbezirk beauftragt werden konnten. Wo Begegnung da ist, zwischen Fremden und Einheimischen, da schmelzen Vorurteile wie Butter in der Sonne dahin. Da ist plötzlich ein Verständnis für die Lebensgeschichten da. Vor Ort – und weltweit 

Wir sind auch Landesstelle von Brot für die Welt und Hoffnung für Osteuropa sowie der Diakonie Katastrophenhilfe. Damit ist auch immer klar: Diakonische Arbeit endet nicht an der Landesgrenze. Auch die Diakonie Württemberg ist weltweit engagiert. 

Die diakonische Arbeit der Kirche ist für viele Kirchenmitglieder sehr wichtig. Manchmal ist sie noch das Argument, nicht aus der Kirche auszutreten. Was können wir als Kirche dafür tun, dass das so bleibt? 
Also Kirche tut schon alles. Ich halte nichts davon, sich ständig unter Druck zu setzen. Denn Kirche sind ‚wir‘. Eine Kirche Jesu Christi, die nicht diakonisch ist, gibt es nicht. Und eine Diakonie, die sich nicht auf das Evangelium von Jesus Christus beruft, gibt es auch nicht. Ich glaube, dass die Menschen da unseren Auftrag gut und richtig verstanden haben. Die haben verstanden, dass die, die sich so für andere Menschen so einsetzen, von einer Botschaft ausgehen, die auch für sie selbst und für die Gesellschaft wichtig und spannend sein kann. Das Evangelium wirkt genauso in die Wirklichkeit. Diakonie ist Kirche und Kirche ist Diakonie. Alle diakonischen Dienste und Einrichtungen sind durch ihre Mitgliedschaft im DWW der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zugeordnet. Sie sind natürlich eigenständig – aber durch die Mitgliedschaft sind sie kirchliche Einrichtungen. Damit ist das vom Diakonie-Gesetz her klar. Und ich wünsche mir, dass das als große Chance verstanden wird. Wir haben in der Diakonie in Württemberg rund fünfzigtausend Mitarbeitende. Wir erreichen täglich über zweihunderttausend Menschen. Wir sind hier als Kirche unterwegs quer durch alle Milieus.  

Kaufmann beim Wiedereinzugsfest in das renovierte Gebäude des DWW. „Diakonie ist Kirche – Kirche ist Diakonie“Diakonisches Werk Württemberg

Oder wir haben jetzt gerade die Mutmacher-Aktion, bei der wir konkret Menschen unterstützen, die durch die Corona-Krise in große Not gekommen sind, weil z. B. die Tafelläden oder Mittagstische geschlossen blieben. Da haben wir zusammengekratzt, was wir noch hatten und haben eine Aktion gestartet. Wir haben uns da auch an die Kirchengemeinden gewendet mit der Bitte um Unterstützung. Das hat die Menschen, die nun einen Zuschuss bekommen, erreicht und sehr berührt. Sie haben gemerkt, dass sie jemand sieht, dass jemand für sie sorgt. Das ist ein urchristliches Anliegen. Das ist für mich auch eine Form von Verkündigung. Hier vollzieht sich, dass der Mensch ein geliebtes Geschöpf Gottes ist. Das „predigt“ automatisch. Das ist lebendige Inklusion. Ich finde es viel wichtiger, auf das zu schauen, was vor Ort alles noch möglich sein kann, wenn man die Kräfte bündelt, als darauf, wie viele Mitglieder wir 2060 noch haben werden. So kann Gemeinde Jesu Christi äußerst lebendig unterwegs sein und z. B. auch in dieser Buntheit Gottesdienst feiern. Für mich ist das ein tolles Gemeindeentwicklungsprogramm für die Zukunft. 

In diesem Jahr hat die Corona-Pandemie unser Leben sehr aus der Bahn geworfen. Wie kann man in dieser Zeit die diakonische Arbeit aufrechterhalten, wenn man nur an die vielen Einrichtungen und Wohngruppen denkt? 
Unsere diakonischen Dienste und Einrichtungen haben immer Menschen gepflegt, betreut, begleitet, beraten. Und unsere Mitarbeitenden sind in die Häuser gegangen, waren da. Natürlich ist Diakonie in Distanz an manchen Stellen äußerst schwierig umzusetzen. Aber – und da hat sich gezeigt, wie engagiert unsere Mitarbeitenden arbeiten – ich wehre mich gegen diese Aussagen, dass Menschen in der Corona-Krise nicht menschlich und seelsorgerlich begleitet waren. Niemand, der in einem Pflegeheim war, war im Sterben allein, weil wir engagierte Mitarbeitende haben, die das übernommen haben. Und sie haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, damit Menschen auch in diesen Zeiten Kontakt zu ihren Angehörigen haben konnten. Wir würden unsere Mitarbeitenden kränken, wenn wir sagen würden, die Leute waren allein. Sie haben sogar mehr gemacht – manche haben sogar im Pflegeheim übernachtet, damit sie nicht immer raus und rein mussten. Unsere Wohnungslosenhilfeeinrichtungen haben in dieser Zeit alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Menschen zu versorgen. Manche haben einen warmen Mittagstisch aufrechterhalten. Es war niemand allein, aber der Druck war am Anfang riesig. Vor allem, als es noch nicht genug Schutzausrüstung gab. Das ist die eine Seite. Aber natürlich musste manches eingeschränkt werden. Diakonie- und Tafelläden mussten schließen und viele Vesperkirchen sind ausgefallen. Viele Beratungsangebote konnten nur begrenzt arbeiten und das hat uns an vielen Stellen schon schwer getroffen.  Andererseits haben Beratungen auch aus dem Fenster, also in ausreichendem Abstand, stattgefunden. 

Sie gehen in diesem Jahr in den Ruhestand. Mit welchem Gefühl verlassen Sie die Diakonie? 
Ich verlasse die Diakonie mit großer Dankbarkeit, weil ich an einem tollen Werk mitarbeiten durfte. Sich immer wieder theologisch-geistlich herausfordern zu lassen und zu verdeutlichen: Wie sind wir Kirche Jesu Christi? Was trägt uns? Was gibt uns die Kraft und Energie? Daran mitzuarbeiten, das mache ich bis zum letzten Tag leidenschaftlich gerne.  

Dabei ist das Ganze nicht mein Verdienst. Es geht nur miteinander. Bei so vielen tollen Mitarbeitenden mitzuarbeiten, nicht nur hier im Haus, auch in den Einrichtungen und vor Ort, das ist ein Geschenk. Ich empfinde dies nicht als meinen Verdienst, es ist Gnade. 

Was macht ein Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg an seinen ersten Tagen im Ruhestand? 
Ich werde sicher genießen, dass der Tag nicht von morgens bis abends durchgetaktet ist. Aber auch im Ruhestand werde ich mich mit den Möglichkeiten, die ich habe, an den unterschiedlichsten Stellen engagieren. Und das gerne weitermachen. Im Rat der EKD bin ich sowieso noch bis Anfang 2022. 


Thorsten Eißler