| Landeskirche

Maiglöckchen und unverzagte Gemeindearbeit

Prälatin Gabriele Arnold erinnert sich - zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit

Stuttgart. Die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold erlebte den Mauerfall 1989 und den ersten Tag der Deutschen Einheit 1990 in Berlin live mit. Im Gespräch mit elk-wue.de erzählt sie von ihrer Freude in dieser Zeit, ihren Hoffnungen und davon, was die Kirche heute noch von den Kirchen in der ehemaligen DDR lernen kann.

Der Tag der deutschen Einheit: Rückblick auf ein Stück deutscher Geschichte. Jörn Heller/Pixabay

„Die euphorische Stimmung werde ich nie vergessen“ – so erinnert sich Gabriele Arnold an den Mauerfall 1989; sie berichtet von einem überfüllten Berlin, das wie in einem Taumel war. Knapp ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, feierten die Deutschen die Wiedervereinigung. Für die Berliner war die Durchlässigkeit des Lebens nach der Maueröffnung zu diesem Zeitpunkt fast ein Stück Normalität geworden. Viele kleine Veränderungen im Alltag zeugten davon, wie etwa die Bäuerin aus dem Umland, die im Mai 1990 mitten in Berlin Maiglöckchen verkaufte – das hatte es vorher nicht gegeben. „Ich bin mit meinen Kindern hingegangen und habe an den Maiglöckchen gerochen“, erinnert sie sich.

Am 3. Oktober 1990 war die Stadt wieder voller Menschen: „Viele waren angereist, um zu erleben, wie dieses Ereignis Geschichte wird.“ Sie selbst machte mit ihrer Familie einen Ausflug aufs Land, was sie immer noch als etwas ganz Besonderes wahrnahm: „Es war ein wunderbares Gefühl, einfach aus Berlin rausfahren zu können, nicht nur auf der Transitstrecke durchzurasen.“ Zur Feier des Tages gab es Kekse in Deutschland-Form, verziert in Schwarz-Rot-Gold.

Prälatin Gabriele Arnold am 3. Oktober 1990 mit ihrem Sohn.privat

Hoffnungen und Vorahnungen

Für Gabriele Arnold war die Deutsche Einheit verbunden mit großer Freude und Hoffnung: „Ich habe sehr darauf gehofft, dass die Menschen im Osten nicht vereinnahmt und über den Tisch gezogen werden.“ Schon kurz nach dem Mauerfall hatte es für sie Anzeichen gegeben, dass die Einheit in den Herzen der Menschen nicht so einfach werden würde. Es schien bei manchen die Vorstellung zu herrschen, dass im Westen alle im Geld schwimmen, berichtet Prälatin Arnold. Auf der anderen Seite hörte sie einen Westberliner offen seinen Neid äußern, als von einem LKW aus Bananen an Ostdeutsche verschenkt wurden.

Die Frustration über soziale Ungerechtigkeiten erlebt sie heute noch bei vielen Menschen im Osten. Bei Pfarrerinnen und Pfarrern hingegen scheint die hohe innere Motivation nach ihrer Erfahrung ausgleichend zu wirken, zugigen Pfarrhäusern und anderen Widrigkeiten zum Trotz.

Berlin-Marzahn 1993 - hier hat Gabriele Arnold die beeindruckende Basisarbeit der Gemeinden in den neuen Bundesländern mitverfolgt. Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf

„Frühchristliche Gemeindearbeit“

Der Kontakt unter Theologen lief von Anfang an gut: „Wir waren der erste Jahrgang mit Vikaren und Vikarinnen aus Ost und West. Das war sehr beglückend, wir haben uns hervorragend verstanden. Ich habe fest darauf vertraut, dass die Kirchen eng zusammenwachsen.“ Einblicke in die Gemeindearbeit im Osten bekam sie bei Exkursionen, wie etwa in Berlin-Marzahn, wo ein Pfarrer versuchte, in einer Plattenbausiedlung Kirche zu leben. „Das erinnerte mich an frühchristliche Gemeindearbeit.“ Und Gabriele Arnold ahnte die Herausforderungen für Kirche in Bezug auf die Säkularisierung, auch andernorts: „Ich habe mir gesagt: Das wird uns auch erreichen. Pass gut auf, was die da machen.“

„Kirche unter schweren Bedingungen“

Gabriele Arnold sah genau hin, wie die Kolleginnen und Kollegen ihre Aufgaben angingen: „Sie waren unverzagt, lebten Kirche unter schweren Bedingungen. Dabei hatten sie nichts ‚Jammeriges‘ – unvorstellbar in reichen und satten Kirchen. Sie haben sich der Situation gestellt, das hat mich tief beeindruckt.“

„Ermutigend und hilfreich für uns hier im Westen“ - so beschreibt sie Art, wie man im Osten handelte und heute noch handelt: So würden neue Gemeinden aufgebaut, Menschen von außerhalb für kirchliche Projekte wie Renovierungen gewonnen, kleine Gottesdienstformate entwickelt. „Die Kolleginnen und Kollegen lassen es zu, dass die Kirche als kultureller Treffpunkt, als Versammlungsraum dient. So behält sie ihre Relevanz im Dorf.“

Die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold erlebte Maueröffnung und Einheitsfeier in Berlin.privat

„Wir müssen uns als Lernende verstehen“

Der Blick auf den Beitrag der Kirche zur friedlichen Revolution ist bei Gabriele Arnold verbunden mit dem Blick in die Zukunft:

„Im Osten gibt es viele Entwicklungen, die bei uns noch kommen. Wir im Westen müssen uns als Lernende verstehen – wir können lernen, wie sich unsere Schwestern und Brüder kreativ und voller Gottvertrauen der Situation stellen.“ Dabei hat die Prälatin den Pfarrermangel, sinkende Mitgliederzahlen und Entscheidungen über Immobilien im Blick.

Dazu gehöre es auch, auf die Kommunikation zu achten: „Wir müssen aufpassen, dass wir die Kommunikationsfäden nicht verlieren, müssen immer wieder Räume öffnen“, sagt Gabriele Arnold. So müssten etwa auch Menschen zu Wort kommen, die die Corona-Maßnahmen kritisch sehen. „Wir müssen uns fragen: Reden wir mit allen? Oder grenzen wir uns ab? Gibt es Positionen, mit denen kein Diskurs stattfindet?“ Dies seien spannende Fragen, die sie auch für sich noch nicht beantwortet habe.

So hält die Deutsche Einheit für sie heute noch Lektionen bereit: „Die Situation, in der wir uns ohnehin befinden, spitzt sich in der Corona-Krise zu. Dabei können wir vielleicht von den Kirchen in der früheren DDR lernen.“ 


Judith Hammer