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Zuhören in der Not

Die Arbeit der evangelischen Klinikseelsorge in Württemberg

Klinikseelsorgerin Franziska Link im Gespräch mit Gisela Burkert.Judith Hammer/elk-wue.de

Stuttgart. Menschen in schweren Situationen begleiten, da sein, wenn die Worte fehlen: Das ist Alltag für die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Kliniken in Württemberg. Der Besuch bei einer Seelsorgerin im Stuttgarter Marienhospital zeigt: Mittelpunkt ist der Mensch, „Handwerkszeug“ der Glaube. Am 22. Januar unterzeichnen Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July und Bischof Dr. Gebhard Fürst eine Rahmenvereinbarung über die ökumenische Zusammenarbeit in der Klinikseelsorge.

Die Tür zum Krankenzimmer steht offen, Pfarrerin Franziska Link klopft vorsichtig an den Türrahmen: Gerade versorgt eine Krankenschwester ihre Patientin Gisela Burkert – vielleicht passt es später besser? Aber: Patientin und Seelsorgerin kennen sich gut, schon seit einem halben Jahr liegt die Patientin aus Reutlingen im Marienhospital. Sie begrüßt die Pfarrerin freundlich. Der Austausch mit der Seelsorgerin ist ein fester Teil ihres Alltags geworden: „Die Tage und Nächte können schon sehr lang sein“, sagt sie. Franziska Link kennt ihre Hoffnungen und Nöte, nicht nur ihre Krankengeschichte. „Der eigenen Familie kann man nicht alles sagen“, meint Gisela Burkert lächelnd. Hier setzt die Arbeit der Klinikseelsorgerin an.

Pfarrerin Franziska Link in der Hauskapelle des Marienhospitals.Judith Hammer/elk-wue.de

Präsent sein

Pfarrerin Link ist seit vier Jahren am Stuttgarter Marienhospital als Krankenhausseelsorgerin tätig. Jeder Tag sei anders, erzählt sie, sie gehe dorthin, wo sie gebraucht werde. Über das Angebot, sich von einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger unterstützen zu lassen, informieren Plakate auf jeder Station. Kranke oder ihre Angehörigen nehmen direkt Kontakt mit ihr auf, oder sie erfährt im Dienstzimmer der Station vom Personal, wem ein Gespräch heute vielleicht gut täte. Auf Rundgängen stellt sie sich den Kranken vor, es gehe darum, präsent zu sein: „Die Menschen sollen wissen, dass wir da sind“. Auch für Angehörige und Personal sind die Seelsorgerinnen und Seelsorger da.

Die Landeskirche in Württemberg ist derzeit an 80 Orten in etwa 140 Einrichtungen mit ungefähr 140 Pfarrerinnen, Pfarrern, Diakoninnen und Diakonen in der Krankenhausseelsorge vertreten – an Akutkrankenhäusern, Psychiatrischen Kliniken, Kur- und Rehakliniken. An größeren Krankenhäusern teilen sich die Seelsorgerinnen und Seelsorger eine 24-Stunden-Rufbereitschaft, an kleineren Einrichtungen stellt die Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden sicher, dass die Patientinnen und Patienten Hilfe bekommen.

„Aufgehoben sein“ - Überkonfessionell und schnell

Wer Hilfe braucht, fragt oft nicht nach der Konfession: Am Marienhospital arbeiten derzeit zwei evangelische und drei katholische Geistliche zusammen. Beim ersten Kontakt geht es darum, ein Angebot zu machen, ins Gespräch zu kommen - wenn später der Wunsch nach einem Vertreter oder einer Vertreterin der anderen Konfession auftaucht, zum Beispiel zur Krankensalbung, wird übergeben.

„In kurzer Zeit die Menschen erreichen“, so umschreibt der Tübinger Pfarrer Thomas Dreher sein Ziel. Er ist auch Vorsitzender des Konvents der Evangelischen Krankenhaus- und Kurseelsorge Württemberg, arbeitet seit fast zehn Jahren als Klinikseelsorger. Dabei gelte es, offen zu sein, und sich auf den jeweiligen Menschen individuell einzustellen, denn die Seelsorge ende nicht bei den Problemen, die die Krankheit mit sich bringt: „Es kommen Lebensthemen auf“, sagt er.

Pfarrer Thomas Dreher, Vorsitzender des Konvents der Evangelischen Krankenhaus- und Kurseelsorge Württemberg.Foto: privat

Wie bei einer Patientin (Name der Redaktion bekannt), die er in Tübingen nach einer schweren Diagnose betreute: „Ich fühlte mich innerlich leer, wollte nur noch im Bett liegen und warten, dass der Schmerz aufhört“, berichtet sie. Die schnelle Hilfe mit professioneller Empathie schätzte sie sehr. Die Seelsorge als „Sorge um das innere Wohl“ habe ihr geholfen, wieder in die Balance zu kommen. Dabei gingen die Gespräche zum Schluss immer mehr in die Tiefe. Auch ihr Glaube hat davon profitiert, sagt sie kurz vor ihrer Entlassung aus der Klinik: „Ich bin auf einem guten Weg, auf Gott zu vertrauen“.

Sie wandte sich schon zum zweiten Mal an die Klinikseelsorge: Vor einigen Jahren half ihr der Klinikgeistliche aus ihrer Verzweiflung, nach einer Diagnose, die ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Binnen Stunden war ein Seelsorger für sie da: „Das Gespräch hat mich aufgefangen, ich fühlte mich aufgehoben“, erinnert sie sich.

Heilende Kraft der Begegnung

Pfarrer Thomas Dreher treibt „das Interesse an der Begegnung mit verschiedenen Menschen und in der Nachfolge Jesu“ an. Auch nach vielen Jahren fordern ihn manche Situationen immer wieder heraus, wie Menschen auf der Intensivstation, die sich nicht mitteilen können. „Die helfende und heilende Kraft der Begegnung zu entwickeln und zu erfahren, wie der Heilige Geist und die nötige Ausbildung sie eröffnen“, das bewegt ihn bei seiner Arbeit. Die Seelsorge bewirke, dass Menschen mit schwierigen Lebenssituationen besser umgehen können. 

Pfarrerin Franziska Link will Menschen in Krisen begleiten. Sie will „die Tragkraft des Glaubens spürbar werden lassen“ – an einem Ort, an dem Menschen nicht von selbst mit dem Glauben in Kontakt kommen. Gerade dort gehe es darum, „die Schätze unseres Glaubens anzubieten“.

Das geschehe oft unbemerkt. Sie führe viele Gespräche, in denen kein Gebet vorkommt, und „Jesus nicht einmal genannt wird“. Zuhören ist wichtig, aber auch Schweigen: „Manchmal sind wir beide sprachlos, dann bin ich da, um das auszuhalten.“ Ihr Glaube ist ihr Handwerkszeug, sagt sie, wenn sie mit den Kranken betet, sie segnet oder mit ihnen singt.

Im Gespräch mit der Klinikseelsorge finden die Patienten einen geschützten Rahmen für ihre Anliegen.Judith Hammer/elk-wue.de

Natürlich gibt es auch für sie Situationen, die ihr schwerer fallen als andere: Vor der Tür eines Patienten zu stehen und nicht zu wissen, was sie sagen, wie sie helfen kann. Entlastung findet sie im Glauben: „Ich weiß, ich gehe nicht allein dort hinein. Ich bringe Gott mit.“

Besondere Ausbildung

Evangelische Geistliche, die in Württemberg in der Klinikseelsorge Menschen zur Seite stehen möchten, durchlaufen eine besondere Ausbildung, zum Beispiel die Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) am Seminar für Seelsorge-Fortbildung in Stuttgart-Birkach. In mehrwöchigen Kursen arbeiten sie an praktischen Fällen aus ihrer Praxis; wichtige Themen sind Depressionen, Selbstmordandrohungen, Konflikte im Gespräch, und die eigene Rolle als Seelsorgerin und Seelsorger. Eine weitere Vorbereitung auf die Aufgabe bietet die Landesstelle der Psychologischen Beratungsstellen Württemberg mit der Fortbildung FSP I-III (Fortbildung und Supervision in Seelsorgerlicher Praxis).

Das Selbstverständnis der Krankenhausseelsorge bleibt dabei zentral: „Sehen, was gebraucht wird“, beschreibt Thomas Dreher den Auftrag. Der Seelsorger oder die Seelsorgerin müsse nichts erreichen, sondern da sein – ein wichtiger Gegenpol im Umfeld der medizinischen Versorgung.


Gemeinsame Qualitätsstandards

Grundlage der Krankenhausseelsorge sind seit 2004 die gemeinsamen Qualitätsstandards des Konvents für Krankenhausseelsorge der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Arbeitsgemeinschaft Katholische Krankenhaus- und Kurseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Darin sind Aufgabenbereiche und Selbstverständnis ebenso festgelegt wie persönliche und fachliche Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Ziele der Seelsorge.

Daneben hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Leitlinien für die evangelische Krankenhausseelsorge unter dem Titel „Die Kraft zum Menschsein stärken“ veröffentlicht.

Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal

Die Seelsorge arbeitet eng mit den Ärztinnen und Ärzten zusammen. In Kinderkliniken und auf Palliativ-Stationen ist die Begleitung durch Teilnahme an der Visite besonders intensiv:  Pfarrerin Franziska Link gehört im Marienhospital auf der Palliativstation zum interdisziplinären Team. Einmal im Monat hält sie auf dieser Station eine Andacht, in der sie mit dem Personal der in diesem Monat Verstorbenen gedenkt und sie verabschiedet.

Großes Angebot

Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger betreuen nicht nur Patientinnen und Patienten, Angehörige und Personal. Sie unterrichten auch an Pflegeschulen, feiern regelmäßig Gottesdienste, bilden Sitzwachengruppen aus, arbeiten mit Ehrenamtlichen zusammen und übernehmen deren Supervision.

Ehrenamtliche Seelsorge

Ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger ergänzen die Arbeit der hauptamtlichen. Voraussetzung ist auch hier eine intensive Vorbereitung: Mitwirkende absolvieren Kurse für ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger (KESS), die bis zu eineinhalb Jahre dauern. In der Praxis arbeiten sie immer mit Hauptamtlichen zusammen.

Neben haupt- und ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern gibt es die „grünen Damen und Herren“, die ehrenamtlich bei Alltagsproblemen helfen. Sie sind mit praktischen Aufgaben beschäftigt und werden von den Kliniken selbst, der Caritas und der Diakonie organisiert.

Geschichte: Kirche in der Gesellschaft

Die Klinikseelsorge stammt aus in einer Zeit, in der sich die Kirchen – nach der EKD-Synode 1969 – der Gesellschaft öffneten. „Die Idee war, die Botschaft des Evangeliums dort auszurichten und dort tätig zu werden wo Menschen leben, arbeiten und leiden“, so Pfarrer Thomas Dreher. Damals entstanden auch die Gefängnisseelsorge, kirchliche Dienste in der Arbeitswelt, bei Polizei und Militär. Die Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) hat ihren Ursprung in den USA; sie entwickelte sich aus dem „Clinical Pastoral Training“ und verbreitete sich seit den 1970er Jahren in Deutschland.

Neue ökumenische Rahmenvereinbarung: Was ändert sich?

Die Ökumenische Rahmenvereinbarung zur Klinikseelsorge in Württemberg, die am 22. Januar 2020 von Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July und Bischof Dr. Gebhard Fürst unterzeichnet wird, hat eine engere Zusammenarbeit der evangelischen und katholischen Arbeit zum Ziel, zum Beispiel bei Gottesdiensten und Rufbereitschaften: „Eine gemeinsame Arbeit um der Menschen willen, die uns anvertraut sind“, beschreibt Thomas Dreher.

Für die neue Grundlage der Zusammenarbeit begannen 2014 Verantwortliche in beiden Kirchen mit der Vorbereitung: Grundlage waren die Qualitätsstandards aus dem Jahr 2004 und die veränderte Situation in den Krankenhäusern. „Ein ökumenischer Aufbruch für die Kirche vor Ort“ als Vision führte über regelmäßigen Austausch zu einem ersten Entwurf, der nach einer Erprobungsphase jetzt in die Praxis geht. Dabei bildet die Rahmenvereinbarung die Grundlage dafür, was an vielen Kliniken bereits gelebt wird: Evangelische und katholische Theologinnen und Theologen sprechen zum Beispiel ihre Präsenzzeiten ab, so dass Patientinnen und Patienten schnell Hilfe bekommen können.


Judith Hammer


Die Ökumenische Rahmenvereinbarung Klinikseelsorge sieht vor, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger beider Konfessionen in den einzelnen Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen und Kurorten ihre konkrete Zusammenarbeit verbindlich schriftlich festlegen. Zentrale Punkte sind: Anwesenheit, Erreichbarkeit und Rufbereitschaft, Gottesdiensten und Feiern, Gewinnung und Begleitung von Ehrenamtlichen und Seelsorge im Kontext kultureller, religiöser und weltanschaulicher Pluralität. Regelmäßiger Austausch findet in einer Ökumenischen Konferenz statt.