„Einander sehen in Kirche und Gesellschaft“

Frühjahrstagung der Landessynode beginnt mit Bischofsbericht

Stuttgart. Die Frühjahrstagung der Württembergischen Evangelischen Landessynode hat am Donnerstag, 8. März, im Stuttgarter Hospitalhof mit dem Bericht von Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July begonnen. Bis einschließlich Samstag, 10. März, beraten die rund 90 anwesenden Synodalen unter anderem über ein mehr als zwölf Millionen Euro umfassendes Maßnahmenpaket „Partnerschaft, Ehe und Familie stärken“, eine neue Taufordnung sowie Unterstützung von Kirchengemeinden bei barrierefreien Umbauten und Renovierungen.

Unter dem Titel „Von Gott angesehen - einander sehen in Kirche und Gesellschaft“ machte July angesichts des verbreiteten Antisemitismus in Deutschland deutlich: „Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen sich aus“ und begrüßte, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg einen Antisemitismusbeauftragten einsetzen will. „Politikerinnen und Politiker am rechten Rand des Meinungsspektrums müssen wir unseren Widerstand gegen Rassismus und Antisemitismus deutlich zeigen – um Jesu Christi und der Menschen willen.“ Auch ließen sich gefährliche Allianzen von Rechten und Migranten an dieser Stelle beobachten. „Gerade als eine flüchtlingsbereite Kirche werden wir auch den Menschen, die zu uns kommen, deutlich von unserer eigenen Lerngeschichte erzählen und dafür eintreten, dass Antisemitismus bei uns keinen Platz hat.“ Ebenso sei vorhandenem Antiziganismus klar zu widersprechen; das Gedenken mit einem Gottesdienst und Erinnerungsveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Deportation von Sinti und Roma aus Baden-Württemberg am 15. März sei dafür ein sichtbares Zeichen.

„Stuttgart Bibelhauptstadt und nicht Showstadt für moderne Waffen“

July kritisierte die in der Messe Stuttgart stattfindende Internationale Militär- und Waffentechnikmesse ITEC (International Forum for the Military Simulation, Training and Education Community) vom 15. bis 17. Mai. „Als Kirche sind wir dem Frieden verpflichtet und damit der weltweiten Gerechtigkeit. Die Perfektion von Waffen und Kriegstechnik führt nicht zu einer Lösung der uns weltweit bedrängenden Probleme.“ July forderte die Verantwortlichen der Landesmesse Stuttgart, die Vertreter des Landes Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart auf, die Landesmesse künftig nicht für die ITEC und andere Rüstungs- und Waffenmessen zur Verfügung zu stellen. „Ich möchte, dass Stuttgart weiter Bibelhauptstadt und keine Showstadt für moderne Waffen ist.“

„Kirche mehr als Filterblase der Gleichdenkenden“

Außerdem ging July auf die Diskussion in der Landeskirche seit der Herbstsynode 2017 ein. Damals hatte ein Gesetzentwurf zur Ermöglichung der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare knapp die notwendige 2/3-Mehrheit verfehlt. July kündigte an, eine weitere Gesprächsrunde zu starten, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Gleichzeitig beklagte er Sprachlosigkeit und Vertrauensrisse in der Auseinandersetzung: „Kirche ist mehr als eine Filterblase Gleichdenkender. Kirche ist Beziehungsraum der Gnade, die die Liebe des dreieinigen Gottes spiegelt“. Darum sei es wichtig, diese Gemeinschaft nicht aufs Spiel zu setzen, wenn Differenzen sichtbar werden. July wies darauf hin, dass Pfarrerinnen und Pfarrer in der Landeskirche die Aufgabe haben, „das Amt der Einheit mitzugestalten“ und sich kirchliche Amtsträger nicht über gegebenes Recht hinwegsetzen sollten.

Vorausschau

Am Freitag, 9. März, geht es um die Einführung einer neuen Taufordnung, den ersten Nachtragshaushalt 2018 sowie die Unterstützung von Kirchengemeinden bei barrierefreien Umbauten und Renovierungen von Gebäuden. Ein Antrag über eine Erhöhung der Mittel zur Förderung von Maßnahmen für die Barrierefreiheit im Umfang von fünf Millionen Euro steht zur Entscheidung.

Ebenso entscheiden die Synodalen über einen Antrag, finanzielle Unterstützung in Höhe von 120.000 Euro in den zweiten Nachtragshaushalt 2018 aufzunehmen zugunsten von kirchlichen Initiativen und Einrichtungen gegen Prostitution.

Die „Aktuelle Stunde“ am Freitag beschäftigt sich mit der Frage „Ist der Sozialstaat in der Krise? - Was kann unsere Kirche tun, dass weniger Menschen Tafeln in Anspruch nehmen müssen?“

Am Samstag, 10. März, beraten die Synodalen unter dem Tagesordnungspunkt „Partnerschaft, Ehe und Familien stärken“ über ein mehr als zwölf Millionen Euro umfassendes Paket zur Förderung von Ehe und Familien, das z. B. arbeitslose Eltern, Mutter-Kind-Kliniken, evangelische Kindertagesstätten und Familienzentren unterstützen soll. Außerdem ist die Entwicklung von Konzepten und Formaten zur Begleitung von Ehepartnern geplant.
 

Oliver Hoesch
Sprecher der Landeskirche