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„Es ist ein Privileg, sich einbringen zu dürfen“

Der Landtagsabgeordnete Florian Wahl war lange in der evangelischen Jugendarbeit aktiv

„Wenn ich jetzt 15 Jahre jünger wäre, würde ich in den Wald fahren und erst zwei Wochen später wiederkommen.“ Florian Wahl gerät ins Schwärmen, wenn er sich an seine Zeit als Waldheimkind und später als Betreuer im Böblinger Waldheim Tannenberg erinnert: Stockbrot backen, Bastbänder flechten, gemeinsam singen, stundenlang „rumdiskutieren“, Waldgottesdienste feiern, gemeinsam Christsein leben. Seit seiner Kindheit ist der heutige SPD-Landtagsabgeordnete der evangelischen Jugendarbeit verbunden. „Sie hat mich geprägt und zu dem gemacht, was ich bin.“ Davon ist der 31-Jährige überzeugt.

EMH/privat

Statt unter schattigen Waldbäumen sitzt Florian Wahl derweil hemdsärmelig in seinem Wahlkreisbüro in Böblingen. Für Jackett und Schlips ist es einfach zu heiß. Obwohl Türen und Fenster offenstehen, staut sich die Luft in dem früheren Ladenlokal am Rande der Altstadt. Eigentlich hat Wahl Urlaub. Der Landtag hat sich in die Sommerpause verabschiedet. Dennoch reißen die Termine für den jungen Politiker nicht ab. Nach dem Interview steht ein Gespräch mit einer Bürgerin an. Die Bundesarbeitsministerin will dem Wahlkreis vor den Sommerferien noch einen Besuch abstatten. Und auch der Böblinger Gemeinderat, dem Wahl angehört, hat noch eine Sitzung anberaumt. 

Die Dinge besser machen

„Richtig frei habe ich nur, wenn ich wegfahre“, sagt er und lacht die Schatten unter den Augen weg. Im Sommer sei das Ziel, zuhause zu sein, bevor es ganz dunkel ist. Florian Wahl nimmt das gelassen. Der studierte Politikwissenschaftler war zwei Jahre lang Mitarbeiter seines Vorgängers im Landtag. „Ich wusste also vorher, was auf mich zukommt“, sagt er. Er begreife das Landtagsmandat als ein Amt auf Zeit. Es sei ein Privileg, sich fünf Jahre einbringen zu dürfen. „Und wenn man glaubt, dass das, was man tut, Sinn macht, ist es auch in Ordnung, mal auf etwas zu verzichten.“

Besonders am Herzen liegt Florian Wahl seine Arbeit als jugendpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag. „Dieses Amt wollte ich haben“, sagt er bestimmt. Prädestiniert sieht er sich dafür weniger wegen seines Alters, sondern vor allem wegen seiner Erfahrungen auch in der evangelischen Jugendarbeit. Empathie und große Leidenschaft für die Belange der Jugendlichen, das bringe er jedenfalls mit, so Wahl. „Ich habe mich ja jahrelang selber mit bestimmten Dingen herumgeschlagen – Landesjugendring-Förderlisten und solche Sachen.“ Florian Wahl verdreht die Augen. Da sei die Freude dann umso größer, „wenn man dazu beitragen kann, dass manches einfacher oder besser wird.“ Und zwar für die gesamte Jugendarbeit im Land, betont er, nicht nur die evangelische.

Sich einmischen und mitgestalten

Ohne diese allerdings wäre der Jung-Politiker nicht in die Politik gegangen. Da ist sich Florian Wahl sicher. Die Gesellschaft mitgestalten und mitzumischen, wenn ihm etwas wichtig ist, darum ging es auch bei seinem Engagement für den Club Forum Böblingen, einem von jungen Leuten selbst organisierten Jugendclub unter dem Dach des Evangelischen Jugendwerks. 2008 sollte das Haus, in dem sich der Club befand, abgerissen werden. Dagegen wehrten sich die Jugendlichen, unten ihnen auch Florian Wahl. „Wir waren natürlich unbequem für manche in der Kirche“, erinnert sich Wahl, der seit 2013 auch Mitglied der württembergischen Landessynode ist. Allerdings hätte das Club Forum auch junge Leute angezogen, die die Kirche ansonsten nicht erreicht hätte, gibt er zu bedenken. Das alte Gebäude musste am Ende einer Kindertagesstätte weichen. Trotzdem war der Widerstand nicht vergeblich, stellte doch die Stadt Böblingen schließlich ihren Ratskeller für die Jugendlichen zur Verfügung.

Unbarmherzig brennt die Sonne durch die großen Fenster des Wahlkreisbüros. Im Waldheim wäre es jetzt kühler. Florian Wahl wischt mit einem Lachen die Nostalgie weg. Er schaue gerne hin und wieder am Tannenberg vorbei, aber „wenn die anderen Helfer zehn Jahre jünger sind, als man selbst, dann gehört man einfach nicht mehr zur richtigen Altersklasse und sollte Platz machen“, sagt er. Ein Blick auf die Uhr: Es ist Zeit für den nächsten Termin.

Ute Dilg