| Gesellschaft

„Hier sind wir alle gleich“

Ferien im Evangelischen Waldheim im Feuerbacher Tal in Stuttgart

Jedes Jahr besuchen rund 19.000 Kinder 54 Waldheime in Württemberg. Im Mittelpunkt dieses Ferienangebots stehen Spiel, Spaß und die Erholung der Kinder. Wie so etwas in der Praxis aussieht, hat sich Jens Schmitt angeschaut. Ein Besuch im Evangelischen Waldheim im Feuerbacher Tal in Stuttgart. 



10 Uhr: Das Frühstück ist gerade vorbei. Ein herrlicher Mittwoch. 30 Grad hat der Wetterdienst vorhergesagt. Mit ein paar Plastikhütchen und bunten Schaumstoffbällen unter dem Arm geht Jan (21) mit großen Schritten über den Vorplatz des Evangelischen Ferienwaldheims im Feuerbacher Tal in Stuttgart. Zu seiner Rechten der große Speise- und Gemeinschaftssaal, zu seiner Linken ein großes, weißes, provisorisch aufgebautes Partyzelt. Das dient zum einen als Tischkicker- und Indoor-Spielraum, zum anderen als Garderobe und Lagerraum für die Rucksäcke der Kinder. Dazwischen bauen Matze, Bilal und Moghim bereits aus mehreren Biertischgarnituren das Spielfeld für „Terminatorball“, auch bekannt als  „Völkerball Extreme“, auf. Auf der großen Wiese unterhalb, zwischen dem angrenzenden Kräherwald und dem waldheimeigenen Bächlein, spielt eine andere Gruppe „Schaukelball“. Wieder andere vergnügen sich auf der Seilrutsche oder beim Basketball, ein paar Meter weiter wird gekickt. Den Trikots nach zu urteilen: Manchester gegen Wolfsburg. 

Jan studiert an der Universität Stuttgart Sozialwissenschaften und Politik. Gerade sind Semesterferien, und die verbringt er ehrenamtlich im ältesten Waldheim Deutschlands. Mit ihm sind noch 27 weitere Betreuerinnen und Betreuer an diesem sonnigen Augusttag im Feuerbacher Tal. Dazu noch eine Hilfskraft, die sich um das Materiallager kümmert, und drei andere, die im Büro der Heimleitung organisatorische Aufgaben übernehmen. Im ersten Jahr bekommen die Jugendlichen dafür 40 Euro pro Woche. Ab dem zweiten Jahr 80 Euro. Und für jedes Treuejahr gibt es wöchentlich 5 Euro Bonus extra. Reich wird man davon nicht, aber wer sich im Waldheim engagiert, tut das auch nicht aus finanziellen Gründen.

Ulrike Brand leitet das Waldheim im Feuerbacher Tal in Stuttgart seit 2010.EMH - Jens Schmitt
Jan ist bereits seit 16 Jahren im Waldheim aktiv. 7 Jahre davon als Betreuer.EMH - Jens Schmitt

Das weiß auch Heimleiterin Ulrike Brand. Die 50-jährige Erzieherin ist seit 16 Jahren in der Waldheimarbeit aktiv, seit 2010 als Leiterin im Feuerbacher Tal. „Waldheim ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Brand strahlend. „Viele aus dem Team kommen aus unseren eigenen Reihen, waren selbst Waldheimkind und sind nun Betreuer.“ Das Waldheim lebt von Beziehungen. Zwischen den Betreuern und den Kindern, aber auch untereinander. „Dabei spielt es keine Rolle, woher man kommt, wie die familiären Verhältnisse sind oder welches Bildungsniveau man hat. Im Waldheim sind wir alle gleich“, erklärt Brand. Dieses Gefühl wollen die Betreuer auch den Kindern vermitteln: Der gemeinsame Nenner ist das Waldheim, alles andere zählt nicht. Und dieses Konzept funktioniert generationenübergreifend: Teilweise werden die Kinder von ihren Großeltern vorbeigebracht, die vor über 60 Jahren selbst schon als Teilnehmer dabei waren. Deren Kinder waren auch im Waldheim und nun sind die Enkel im Feuerbacher Tal. Auch Jan kann aus dem Nähkästchen plaudern. In seinen 16 Jahren Waldheim, davon sieben als Betreuer, hat er schon so einiges erlebt, Freundschaften gefunden und Liebesglück verloren. Aber Jan nimmt’s mit Humor: „Bei mir hat das nicht geklappt. Aber eine Mitbetreuerin, die mich damals schon betreut hat, ist mittlerweile mit jemandem aus dem Waldheim verheiratet. Der Nachwuchs ist auch schon unterwegs.“


Die Arbeitsgemeinschaft Ev. Ferien- und Waldheime in Württemberg wurde 1949 gegründet. Zu ihr gehören 54 Waldheimträger. Die AG fungiert als Dienstleister und Interessenvertreter für die Träger und vertritt sie in Gremien und Ausschüssen der Landeskirche und deren Jugendarbeit.

Pro Jahr verbringen rund 19.000 Kinder ihre Ferien in einem Ev. Waldheim in Württemberg. Das größte Waldheim mit rund 2000 Kindern/Saison ist das Waldheim Gaffenberg in Heilbronn. Die kleinsten haben um die 60 Kinder/Saison zu Gast.

Im Jahr 2021 feiern die Waldheime ihren 100. Geburtstag. Das älteste ist das Waldheim im Feuerbacher Tal, gegründet 1921.


Nicht nur Generationen werden durch das Waldheim auf ewig gebunden, auch völkerübergreifend ist das Waldheim ein wichtiges Mittel zur Integration. Von den 88 Kindern, die heute da sind, sind rund 25 aus den nahegelegenen Flüchtlingsunterkünften Botnang und Feuerbach. Auch sechs der 28 Betreuer sind Flüchtlinge. „Hätten wir die Kapazitäten, personell wie räumlich, hätte ich noch 60 Kinder mehr aus den Unterkünften aufnehmen können“, erklärt die Waldheimleiterin. Ulrike Brand, die selbst in einer Flüchtlingsunterkunft arbeitet und als Flüchtlingskoordinatorin in Degerloch aktiv ist, hat die jungen Leute aus dem Irak, Afghanistan und Syrien in Waldheimmanier integriert: „Wir haben gar nicht thematisiert, dass sie Flüchtlinge sind. Auch beim Vorbereitungswochenende, bei dem sie selbstverständlich auch dabei waren, haben wir deutlich gemacht: Ihr seid Betreuer.“ Das Thema „Flüchtlinge“ sei natürlich dennoch auf der Tagesordnung gestanden, „da ging es aber nicht um deren Fluchtursachen oder Probleme, sondern darum, wie wir als Team allen Kindern eine gute Zeit bescheren und was sie wie dazu beitragen können“, erklärt Brand.



Während Jans Kollegen draußen beim „Terminatorball“ die Regeln erklären, sitzen die anderen, die sich nicht mit Fußball, Rutschen oder anderen Bewegungsspielen beschäftigen, im Speisesaal und gehen den Vormittag ruhiger an. „Heute ist nämlich Wahlgruppentag“, klärt Jan auf. Normalerweise sind die Kinder dem Alter nach Gruppen zugeteilt. Einmal die Woche jedoch wird diese feste Ordnung aufgebrochen. Das Betreuerteam hat sich neun Themen ausgesucht, aus denen die Kids frei wählen können. Auf dem Programm stehen neben den Sportangeboten Aktionen wie Geschichten malen, Glitzer-Tattoos und Schminken, Armbänder und Ketten basteln, Stadt-Land-Fluss-Turnier oder Fingerfarbenplakat. „Gegen halb eins gibt es Mittagessen, dann kommt die Mittagsruhe, in der die Kinder sich auf ihre Decken zurückziehen, Quartett spielen oder auch einfach eine Runde dösen.“ Danach gibt es nochmal Nachmittagsprogramm, dann ist für die Kinder Feierabend. „Nicht aber für uns“, sagt Jan. „Vor 21 Uhr ist hier selten Schluss, das Heimleitungs-Team sitzt oft bis 23 Uhr zusammen“. Dann lässt man den Tag Revue passieren, reflektiert die Ereignisse und bereitet sich gemeinsam auf den bevorstehenden Tag vor, wenn es für die Kinder wieder heißt: Ferien im Feuerbacher Tal.

Jens Schmitt


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