| Bildung

„… dass Kirche zuhört, was junge Menschen ihr zu sagen haben“

Wettbewerb „Christentum und Kultur“ zeichnet vier Schülerinnen und Schüler aus

Am 17. Januar 2024 zeichneten die vier großen christlichen Kirchen in Baden-Württemberg zum 21. Mal die Preisträgerinnen und Preisträger des landesweiten Schülerwettbewerbs „Christentum und Kultur“ aus. Vor mehr als 60 Gästen nahm Weihbischof Matthäus Karrer von der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Preisverleihung in einem Festakt im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart vor. Das Grußwort sprach Volker Schebesta, Staatssekretär im Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Insgesamt hatten 37 Gymnasiasten und Gymnasiastinnen am Wettbewerb teilgenommen. Die Veranstaltung wurde musikalisch begleitet vom Musikensemble des Mädchengymnasiums St. Agnes in Stuttgart.

Die Preisträgerinnen und Preisträger von links: Felicitas Schwarzhaupt, Leon Fabian Frey, Hanna Leibfarh, Clara Reichert, Anna-Marie Robitzsch, Theresa Moira Löhr.Bild: Diözese Rottenburg-Stuttgart

Einfache Zusammenfassung: Es gibt jedes Jahr einen Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler von Gymnasien. Den Wettbewerb richten die evangelischen Kirchen und die katholischen Bistümer in Baden-Württemberg aus. Die Schüler schreiben dafür Aufsätze über Themen, die sie sich selbst aussuchen können. Es geht immer im weitesten Sinn um „Christentum und Kultur“. So heißt auch der Wettbewerb. Nun sind diese Preise zum 21. Mal verliehen worden. 37 Schülerinnen und Schüler haben Aufsätze eingeschickt. Insgesamt wurden sieben ausgezeichnet.


„Wir brauchen junge Menschen wie Sie: die ein Staunen, eine Neugierde mitbringen!“

Gastgeberin der Veranstaltung war die Leiterin der Hauptabteilung Schulen im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Ordinariatsrätin Ute Augustyniak-Dürr. Sie betonte, gerade Kunst und Kultur könnten einen Beitrag leisten zum Sinn, zum Miteinander und zum Zusammenhalt und ergänzte: „Gerade in einer Gesellschaft, deren Überreiztheit im ständigen „Krisenmodus“ -  Wort des Jahres 2023 - vielfach auch zu Unkultur führt, zu Isolierung, Abgrenzung und dem Verlust an Gesprächs- und Beziehungsfähigkeit.“  Menschsein ereigne sich im künstlerischen Ausdruck. „Im bedeutungsoffenen Ausdruck kommen Kunstschaffender und aufnehmender, in Resonanz gehender Rezipient als Schöpfergemeinschaft zusammen.“

privat / elk-wue.de

Als Vertreterin der evangelischen Kirche in Württemberg übernahm Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami, Leiterin des Dezernats Kirche und Bildung beim Oberkirchenrat Stuttgart, die Darstellung des Wettbewerbs. Sie stellte fest, Schule sei nicht das Leben und Bildung geschehe auch außerhalb der Gymnasien, nämlich in der Gesellschaft und im Alltag. Rivuzumwami lobte die Preisträgerinnen und Preisträger: „Mit Ihren Arbeiten haben Sie die kulturelle Bedeutsamkeit des Christentums entfaltet – und in nicht wenigen Fällen haben Sie sich gerade damit auf die Suche nach einer tragfähigen Zukunft gemacht.“ Die Schülerinnen und Schüler hätten darüber hinaus gezeigt, dass die kulturelle Kompetenz des christlichen Glaubens immer zugleich interkulturell dialogfähig, lernbereit und tolerant sei und Carmen Rivuzumwami schloss Ihren Beitrag mit den Worten: „Wir brauchen junge Menschen wie Sie: die ein Staunen, eine Neugierde mitbringen!“

Weihbischof Matthäus Karrer wies in seiner Festrede auf die Bedeutung des Zuhörens hin: „Eine Kirche, die so alt ist, wie die christliche, ist leicht in der Gefahr zu vergessen, dass sie zuhören muss. Sie unterliegt nämlich leicht dem Irrtum, sie wüsste schon alles. Darin liegt ein Sinn dieses Wettbewerbs, dass Kirche zuhört, was junge Menschen ihr zu sagen haben. Dieser Herausforderung haben sich die Teilnehmenden am Wettbewerb „Christentum und Kultur“ angenommen und machen mit ihren prämierten Vorschlägen konkrete Vorschläge.“

Preisträgerinnen und Preisträger

Der erste Preis ging an Felicitas Schwarzhaupt vom Johannes-Kepler-Gymnasium Leonberg. Die Schülerin stellte in ihrer Arbeit mit dem Titel „Christliche Seelsorge im Krankenhausalltag – Mehr als klinische Pflege?“ einen oft wenig beachteten Bereich von Kirche in den Mittelpunkt und beschäftigte sich mit der Rolle der Krankenhausseelsorge als Ergänzung zu den hochtechnisierten medizinischen Prozessen im Krankenhaus. Die Preisträgerin entwickelte ein weltoffenes und christliches Profil von Seelsorge im Krankenhaus und lotete die konkreten Herausforderungen aus, die zwischen fehlenden klaren Aufgaben und funktionierender Kooperation liegen. Die Jury hob besonders die große Sensibilität der Schülerin für die aktuelle Krankenhaussituation sowie den hohen Praxisbezug in ihrer Arbeit hervor, mit dem sie das Anliegen des Wettbewerbs beispielhaft verwirklicht habe.

Den zweiten Preis des Wettbewerbs erhielt Clara Reichert vom Hölderlin-Gymnasium Nürtingen für ihre Arbeit „Liegt die Zukunft der Kirche im Internet?“. Die Schülerin ging der Frage nach der Möglichkeit einer Verlagerung der Kirche ins Internet nach. Passend zum Thema erstellte die Schülerin einen sorgfältig recherchierten und beeindruckend produzierten Dokumentarfilm, in dem sie ihre Zuschauerinnen und Zuschauer durch statistisches Material, Interviews, theologische Literatur, aber auch biblische Passagen führt, um am Ende ein differenziertes Urteil zu fällen: Kirche kann und sollte sich im Internet verwirklichen. Das Internet könne jedoch Kirche nicht vollständig abbilden, gerade die intensive Gemeinschaft und die Zuwendung zum Nächsten zeigten, wie wichtig die persönliche Begegnung auch in Zukunft sei. Reichert: „Wie ein hybrides Fahrzeug mit zwei Motoren, sollte auch Kirche sich zu einer „hybriden Kirche“ wandeln“.

Der dritte Preis wurde gleich zweimal vergeben: Leon Fabian Frey vom Gymnasium am Deutenberg Villingen-Schwenningen und Hanna Leibfarth vom Dietrich Bonhoeffer Gymnasium Metzingen. Leon Fabian Frey befasste sich in seiner lokalgeschichtlichen Arbeit „Kirche im Nationalsozialismus – Inwieweit handelte Schwenningen christlich?“ mit der Vergangenheit der Kirche in seiner Heimatstadt. Die durch umfangreiche Archivarbeit und Auswertung von historischen Quellen beeindruckende Arbeit untersucht am Beispiel bedeutender Personen und Gruppen Schwenningens, inwiefern diese dezidiert christlich handelten. Der Preisträger kommt zu dem Schluss, die Bevölkerung Villingen-Schwenningens habe in der Mehrheit weggeschaut, sei Teil des Systems gewesen, auch wenn einzelne mutige Menschen, aufgrund ihres christlichen Glaubens, die Möglichkeit der Enthaltung und des Protests nutzten.

Der Frage nach der Attraktivität der Kirchen für junge Menschen näherte sich Hanna Leibfarth aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Sie befragte in ihrer Arbeit junge Menschen, welche Bedeutung sie dem Gottesdienstort zumessen. Der Titel „Traditionelles Kirchengebäude oder „Celebration Hall“ – Inwiefern kann der Ort des Gottesdienstes die Attraktivität des christlichen Glaubens bei Jugendlichen beeinflussen?“ klingt dabei nach einem Entweder – Oder. Tatsächlich aber erarbeitete Hannah Leibfarth als Antwort ein wesentliches Kriterium: Junge Erwachsene wünschten sich im Gottesdienst das Erleben von Gemeinschaft und die Möglichkeit zur Interaktion.

Buchpreise 2023 dreimal vergeben

Sophie Ganter vom Hans Furler Gymnasium Oberkirch erhielt einen Buchpreis für ihre Arbeit zum Thema „Religion als infantile Illusion?“ Sie ging darin der Frage nach, ob und gegebenenfalls was Christinnen und Christen heute von Sigmund Freud lernen können. Ebenso einen Buchpreis erhielt Theresa Moira Löhr vom Evangelischen Seminar Maulbronn. In ihrer Arbeit zum Thema „Aufnahme der ersten Mädchen am Evangelischen Seminar Maulbronn vor 50 Jahren“ untersucht die Schülerin Diskussionen um das Jahr 1969, die diesem weitreichenden Entschluss vorausgingen. Anna-Marie Robitzsch (Staufer-Gymnasium Waiblingen) erhielt einen Buchpreis für ihre Arbeit zum Thema „Die Bedeutung der Ikone für private Spiritualität in griechisch-orthodoxen Familien“. In einer fiktiven Geschichte mit dem Titel „Die unglaubliche Zeitreise in die mysteriöse Ikonenwelt“ spürt sie dieser Bedeutung auf sehr persönliche Weise nach.

Zum Hintergrund

Den Wettbewerb „Christentum und Kultur“ schrieben die Erzdiözese Freiburg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie die Evangelischen Landeskirchen in Württemberg und Baden erstmals im Schuljahr 2003/2004 aus. Er soll Schülerinnen und Schülerr der gymnasialen Oberstufe an allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg dazu anregen, sich mit dem Zusammenhang von Religion und Kultur in der Gesellschaft zu beschäftigen. Darüber hinaus möchte der Wettbewerb das Interesse an religiösen und interreligiösen Fragestellungen wecken und die ökumenische Zusammenarbeit stärken. Die Schirmherrschaft für den Wettbewerb haben Kultusministerin Theresa Schopper, der emeritierte Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart Dr. Gebhard Fürst sowie Landesbischöfin Prof. Dr. Heike Springhart inne. Die siebenköpfige Jury besteht aus Vertreterinnen und Vertretern des kulturellen Lebens, aus Wissenschaft und Forschung, des Kultusministeriums sowie der Schulabteilungen der Regierungspräsidien und der Kirchen. Der erste Preis ist mit 500 Euro, der zweite Preis mit 300 Euro und der dritte Preis mit 200 Euro dotiert. Darüber hinaus gibt es Buchpreise.


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