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„Auch das Abgründige im Leben sollte in einem Tauflied miterfasst sein“

Interview mit Pfarrerin Birte Janzarik und Kirchenmusikdirektor Helmut Brand

Es kommt nicht oft vor, dass kreative Leistungen mit Preisen prämiert werden. Am 16. April 2023 haben aber nun zwei Menschen aus der württembergischen Landeskirche diese Ehrung erfahren: Birte Janzarik und Helmut Brand haben für ihr Tauflied „Du bist bei mir alle Tage“ den ersten Preis im bundesweit ausgeschriebenen Tauflied-Wettbewerb der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz aus der Hand von Bischof Dr. Christian Stäblein erhalten. Das Lied wurde in der Kategorie "komplett neues Lied" aus 130 Einsendungen von der Jury ausgewählt. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert. Hier erzählen Birte Janzarik und Helmut Brand, wie das Lied entstanden ist und was ihnen die Arbeit an ihrem Tauflied bedeutet hat.

Das Tauflied von Birte Janzarik und Helmut Brand hat Jugendliche und Erwachsene im Blick.EMH/Gottfried Stoppel

Kirchenmusikdirektor Helmut Brand ist als Bezirkskantor des Kirchenbezirks Tuttlingen tätig, Birte Janzarik arbeitet als Pfarrerin ebenfalls in Tuttlingen. Für beide war es keine Premiere: Helmut Brand hat schon eine Reihe von Kirchenliedern geschrieben und Birte Janzarik eine Vielzahl von Gedichten ...

Pfarrerin Birte Janzarik.Bild: privat

Wie kam es dazu, dass Sie an diesem Wettbewerb teilgenommen haben?

Birte Janzarik: Ich schreibe schon seit Langem Gedichte, aber eher für die Schublade, weil das sehr persönliche Texte sind. Aber Helmut Brand hat mir öfter rückgemeldet, dass meine Texte im Gottesdienst ihn berühren. Ich liebe das Schreiben, und ich liebe schöne Sprache. Texte müssen inhaltlich stimmen, aber sie müssen auch Tiefe haben, schlicht sein. Vokale, Konsonanten, der Rhythmus – das muss alles stimmen. Es ist nicht einfach, im Alltag mit Beruf und Familie genug Ruhe zu finden für solche inspirierten Momente. Da war der Wettbewerb dann ein toller Anlass, mich ein paar Tage zurückzuziehen.

Sie schreiben also auf musikalische Art?

Birte Janzarik: Ja, unbedingt! Predigten schreibe ich unter anderem auch danach, wie sie klingen. Ich schreibe sie vom Sprechen her und versuche zu spüren, was die Menschen berühren wird. Das kostet mehr Zeit, aber man gewinnt auch darin Routine. Ein Lied ist natürlich noch einmal etwas anderes. Es muss gereimt sein, damit es eingängig ist, aber schön gereimt. Nicht Herz-Schmerz oder so ein Quark.

Wie ist das Lied dann konkret entstanden?

Birte Janzarik: Eigentlich ist es viel leichter, wenn die Melodie schon da ist, die gibt mir dann viel vor, dann fliegt mir der Text viel leichter zu. Aber diesmal habe ich zunächst für mich aufgeschrieben, was für mich Taufe ist, und habe auch Menschen in meiner Umgebung dazu befragt. Der Refrain zum Beispiel kam daher, dass meine Konfirmanden im Unterricht sehr berührt waren von der Bibelstelle, in der Jesus sagt: „Sie ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt“. So kam auch zustande, dass ich mir als Zielgruppe eher Konfirmanden und Erwachsene gesetzt habe, denn für Kleinkindtaufen gibt es schon recht viel. Der Refrain war dann als erstes fertig.

Kirchenmusikdirektor Helmut Brand.Bild: privat

Helmut Brand: Birte hat mir dann den Refrain geschickt, und ich habe gesagt: Wunderschön, aber den kann ich noch nicht vertonen, ich brauche auch noch die Verse.

Birte Janzarik: Die Strophen waren dann nochmal schwierig. Zum Beispiel die Frage: Wie muss sich das Versmaß zum Refrain verhalten? Die Verse sind dann ja ziemlich verschieden. Der dritte Vers – eher etwas traurig – war zunächst der erste, aber das hat nicht gepasst. Ich habe dann die Strophen umgestellt und dadurch hat sich das Lied richtig aufgehellt. Da hatte Helmut aber schon die Melodie in Moll auf Basis der „traurigen“ Strophe geschrieben, und dann kam ich und sagte: Das ist mir zu traurig, was wir da gemacht haben. Er meinte, aber wenn wir das in Dur machen, wird es langweilig, oberflächlich.

Wie ist es leichter zu komponieren – auf einem leeren Blatt oder auf Basis eines Textes?

Helmut Brand: Wenn der Text da ist, ist es einfacher. Ich hatte ja zunächst die traurige Strophe, und die erste Zeile ist ganz in Moll, passend zu diesem fragenden Text. Aber so hätte es in der zweiten Zeile nicht weitergehen können, denn da geht es um die Zuversicht! An dieser Stelle musste ich das Lied dann mit einer Dur-Wendung aufgehen lassen.

Was macht für Sie ein gutes Tauflied aus?

Birte Janzarik: Der Blick in die Tiefe, in die Bedeutung dieses Zeichens für den Menschen und seine Seele. Auch das Abgründige im Leben sollte in einem Tauflied miterfasst sein, denn das Leben ist komplex und ambivalent. Wenn die Taufe nur für die schönen Momente ist, ist sie nichts wert. Ich sage meinen Tauffamilien immer: Gott wird nicht verhindern, dass Ihr Kind von der Schaukel fällt und sich weh tut, aber er wird verhindern, dass es allein fällt. Es wird von Gott getragen sein. Die Taufe muss sich im Alltag beweisen mit all ihren Schattierungen und Unvollkommenheiten. Es geht um die spirituelle Dimension. Es geht darum, dass ich auch in kleinen Momenten spüren kann: Da ist dieser Gott, und er ist bei mir.

Helmut Brand: In Taufgottesdiensten sind auch viele kirchenferne Menschen. Deshalb ist es wichtig, dass das Tauflied auch für Menschen verständlich ist, die der Kirche schon den Rücken zugewandt haben. Das ist eine große Chance. Unser Lied gibt mir selber Mut und Hoffnung und Kraft. Ich finde, das kann Lust machen, sich Gott wieder zuzuwenden.

Birte Janzarik: In der Ausschreibung stand, es würden Lieder für Menschen gesucht, die nicht mehr mit der Tradition vertraut sind. Und ich suche auch in meinen Predigten eine Sprache, die schon biblisch geprägt ist, aber das soll nicht mit dem Holzhammer daherkommen. Ich schreibe da freier und assoziativer. Natürlich sind Lied-Stellen wie „Du hast Worte des Lebens“ Bibelzitate, aber man versteht sie auch ohne Hintergrundwissen. Poesie ist für mich keine Kunstsprache, sondern eine vertiefte, komponierte Alltagssprache, die einen berührt. Und das Lied ist auch unabhängig von Taufe singbar.

Helmut Brand: Ich habe auch an die Kinder gedacht, die bei Taufen dabei sind, und habe mich gefragt: Was könnten die Kinder leicht mitsingen? Deshalb habe ich auch diese vielen Pausen eingebaut. Die sind sehr kindgerecht, weil Kinder das sehr schnell nachvollziehen und mitsingen können.

Birte Janzarik: In den Wettbewerbskriterien war auch verlangt, dass die Melodie auch für Ungeübte gut zu singen ist, zum Beispiel auch vom Tonumfang her. Das haben wir dann auch geprüft.

Haben Sie noch mehr gemeinsame Liedprojekte vor?

Birte Janzarik: Mal sehen! Es liegt meistens an mir, weil ich nicht genug Zeit und Ruhe habe, Texte zu schreiben und an ihnen zu feilen, bis ich wirklich zufrieden bin ...

Die Fragen stellte Mario Steinheil



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