| Kirchenjahr

„Den Kopf heben, aufatmen, aufsehen. Gott kommt auf mich zu ...“

Ein geistlicher Impuls zum 2. Advent

Es braucht gar nicht viel, damit es richtig Advent wird im Kopf und im Herzen – und jeder kann für andere den ersten Schritt tun. Darüber denkt Kirchenrat Dan Peter in seinem geistlichen Impuls zum 2. Advent nach, der auch als Sonntagsgedanke bei SWR4 zu hören ist. 

 

Myriams-Fotos / Pixabay

Wie feiern Sie heute Advent? Mit Adventskranz und Kerzen, mit Weihnachtsmusik und Gebäck? So schön das auch ist, eigentlich braucht es nicht einmal das. Jesus sagt zum Advent: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Luk 21,28)

Einfach mal das Kinn und den Kopf heben, aufatmen, aufsehen. Gott kommt auf mich zu, so verstehe ich den Advent. Hoffnung und Hilfe ist schon unterwegs.

Und das haben wir gerade jetzt so nötig. Ich habe meine Kolleginnen und Kollegen gefragt, was sie denn so umtreibt und was sie sich im Advent wünschen. Alle haben über Stress geklagt. Und dass ihnen gerade vieles große Sorgen bereitet. „Seit Corona gibt es Wolken“, hat es einer auf den Punkt gebracht, „und die Wolken verziehen sich nicht mehr“.

Ein anderer hat gesagt: „Im Trubel dieser Tage klingen keine süßen Glocken.“ Er aber sehne sich nach einem Advent, der Menschen anrührt und sie auf Weihnachten vorbereitet. Es gehe doch „um einen mutmachenden Ton, der sich verbreiten kann“.

Mir ist dabei klar geworden, dass auch ich oft ganz andere Töne verbreite, unter vielem stöhne, statt aufzusehen und selbst ein Adventsbote zu werden.

Dabei ist mir das früher ganz gut gelungen, und es hat mir Freude gemacht. Vor einigen Jahren habe ich mich mit der Kirche sogar aufs Glatteis gewagt, um Menschen den Advent nahezubringen. Mit einer aufblasbaren Kirche sind wir am Sonntagmorgen ins Heilbronner Eisstadion, die Kolbenschmidt-Arena gegangen. Und mitten unter den Leuten, die zum Schlittschuhlaufen gekommen waren, haben wir auf dem Eis die aufblasbare Kirche aufgestellt.

Über die Lautsprecher haben wir sogar Glocken läuten lassen. Es waren die des Petersdoms in Rom. Und jedes Mal, wenn das Eis aufbereitet wurde, haben wir sie läuten lassen und zu Kurzgottesdiensten und Gesprächen eingeladen.

Es war beeindruckend zu erleben, wie viele Menschen auf der Suche nach dem echten Advent und Weihnachten waren. Ein junger Mann sagte: „Klasse, dass ihr da seid. Ich brauch das.“ Ein Junge mit Migrationshintergrund, er war etwa 10 Jahre alt, wollte mir unbedingt ein Jesuslied vorsingen, dass er gelernt hatte: Hallelu, Hallelu, Hallelu, Halleluja, preiset den Herrn...

„Kirche sollte viel öfter mitten ins Leben hineinkommen“, sagte ein anderer Mann und er meinte das sehr ernst. Eine Frau, die vor Jahren sehr harte Enttäuschungen erlebt hatte, auch mit der Kirche, sagte mir: „Ich will wieder neu anfangen. Das Beten und Singen heute hat mir Mut gemacht, es gibt mir etwas.“

Und ich habe gelernt, dass es manchmal nur einen kleinen Anstoß braucht, damit es Advent wird und Menschen den Mut finden, um den Kopf zu heben und aufzuatmen – auch ganz ohne Adventskranz und Gebäck.

Auf der Eisfläche fiel mir etwas auf, was ich bisher nicht so beachtet hatte. Wenn die Schlittschuhläufer über die glatte Oberfläche fahren, ziehen sie tiefe Rillen hinein, an manchen Stellen sogar richtige Furchen, und wenn einer hart bremst, bleiben sogar Löcher im Eis. Und es sammelt sich der Eisstaub, fast wie Schnee backt er zusammen, bildet richtige Brocken und kleine Hindernisse. Die Läufer haben, bevor das Eis wieder neu aufbereitet wurde, fast nur noch nach unten und auf die Stolperfallen gestarrt, um ja nicht hinzufallen.

Als ich das beobachtete, wie die Schwünge vorsichtiger gefahren wurden und die Köpfe mehrheitlich gesenkten waren, dachte ich: So geht es auch vielen von uns. Böse und enttäuschende Erfahrungen ziehen Furchen und Rillen ins Leben, es wird immer holpriger, voller Schrunden und Unebenheiten, voller Wunden und Hindernisse.

Auch ein Leben kann holprig und schwierig werden. Da braucht es Menschen, die trösten und zuhören, die ermutigen und helfen, die heilen und begleiten, die helfen, dass man den Kopf wieder heben und aufsehen kann. Weil so die Lebensbahn auch wieder geglättet und bereinigt wird. Manchmal braucht es einfach einen ersten Schritt, eine freundliche Geste, eine Ermutigung, weil jemand allein nicht mehr hören oder gar beten oder singen kann. Weil die Hoffnung auf Gott verschwunden ist.

Im tiefsten Inneren warten viele nur darauf, dass sich etwas tut in ihrem Leben. Das sich ein sicherer Weg auftut, ohne Furchen und Löcher. Aber sie können es nicht mehr glauben. Deshalb kommt Gott, kommt Jesus auf uns zu. Und deshalb bin ich, sind Sie gerufen, auf andere zuzugehen, um den Advent ins Leben dieser Menschen zu bringen. Und sei es in einer aufblasbaren Kirche wie damals in dem Eisstadion.

Auch ein Adventskranz, Kerzen und Gebäck können das. Aber eigentlich geht es auch ohne, denn Jesus sagt zum Advent: Los jetzt. Es hat längst begonnen. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Luk 21,28)

Seht auf, lasst Euren Horizont weiten. Ich habe mich längst aufgemacht. Auch wenn Ihr selbst festsitzt, ich komme auf Euch zu, um Euch zu helfen. So verstehe ich Jesus.

Das wünsche ich Ihnen, ja uns allen, dass wir in dieser Adventszeit neu glauben, aufatmen und aufsehen – und Gottes Segen und Hilfe erleben.

Kirchenrat Dan Peter, Sprecher der Landeskirche


Hinweis für Kirchengemeinden

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Grafik: elk-wue.de

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