| Kirchenjahr

Überraschender Besuch

Ein geistlicher Impuls zum 1. Advent

Wir alle haben Bilder von Jesus im Kopf und im Herzen, mit denen wir uns wohlfühlen. Aber wer ist dieser Jesus wirklich, dessen Ankunft wir im Advent und an Weihnachten erwarten und feiern? Darüber denkt Pfarrer Felix Weise in seinem Impuls zum 1. Advent nach.

Myriams-Fotos / Pixabay

Ich bekomme gerne Besuch. Ja, ich freue mich richtig, wenn sich Besuch bei mir ankündigt. Besuch bedeutet immer auch etwas Stress, weil ich ein guter Gastgeber sein will. Je nachdem, wer da kommt, mach ich mir mehr oder weniger Aufwand. Wie ich mich vorbereite, dass hängt auch von dem Gast ab, der da kommt. Kenn ich ihn gut? War ich vielleicht schon mal zu Gast? Legt er Wert auf perfekte Ordnung?

Der Advent ist so eine Zeit der Vorbereitung. Wir bereiten uns auf die Ankunft Gottes auf Erden vor. Wenn ich schon bei irdischem Besuch in Stress gerate, wie bereitet man sich da vor, wenn Gott auf die Erde kommt? Und wer kommt da eigentlich? Ein Bibeltext in Sacharja 9 gibt da ein paar Hinweise:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

(Sacharja 9,9-10)

Freude! Das ist die angemessene Reaktion, wenn Gott selbst auf die Erde kommt. Unmittelbar danach wird jedoch ein revolutionäres Bild gezeichnet, das für damalige Verhältnisse bahnbrechend war. Ein Gott auf einem Esel, arm, einer der Frieden bringt anstatt seinen Machtbereich auszuweiten. Die Menschen zu Zeiten Jesu haben einen anderen Gott, einen anderen Retter erwartet. Einen, der mit Macht kommt.

Für uns ist das inzwischen ein gewohntes Bild. Gott kam in Jesus auf die Erde ist in einem Stall geboren, er reitet später auf einem Esel in Jerusalem ein. Wir hören die Geschichten jedes Jahr und fühlen uns mit den Bildern wohl oder sind sie manchmal vielleicht auch schon müde. Revolutionär ist das nicht mehr.

Ich lese den Predigttext und frage mich. Wenn uns all das nicht mehr provoziert -  wenn das revolutionäre Bild, das da gezeichnet wird für uns zu einem guten Advent dazu gehört -  bereiten wir uns dann auf den richtigen Jesus vor, der da kommt?

Wie sähe Jesus aus, wenn er heute geboren würde? Könnten Sie mit einem schwarzen Jesus leben (der Jesus vor 2000 Jahren war ja auch nicht weiß)? Könnten sie mit einem Jesus leben, der in einer Regenbogenfamilie geboren wurde? Könnten sie mit einem Jesus leben, der bei Rechtsradikalen und Cum-Ex-Bankern zum Essen einkehrt?

Der Text, der für manche so wohlvertraut und angenehm erscheint, fordert mich dazu auf, meine Vorstellung von Jesus zu hinterfragen. Abzuklopfen darauf, ob wir es uns mit Jesus bequem gemacht haben. Oder im Bild vom Anfang zu sprechen: Haben wir den richtigen Besucher im Kopf, wenn wir unsere Häuser und Herzen vorbereiten und alles für ihn herrichten und bereit machen?

Natürlich ist nicht einfach der Jesus der beste, der uns am meisten provoziert. Der Predigttext gibt uns weitere Hinweise darauf, auf was für einen König wir uns da vorbereiten müssen. Es ist einer, der eine Zeit des Friedens bringt. Er macht alles kaputt, was menschliches Miteinander zerstört. Er zerstört die Kriegswagen, die Pferde und die Waffen, die Konflikte zwischen den Menschen zur völligen Eskalation bringen. Er bereitet der Gewalt ein Ende. Der angekündigte Messias bringt dieser Welt den Frieden, aber er geht nicht gerade zimperlich mit dem um, was dem Frieden entgegensteht. Er legt die Finger in die Wunden und spricht das an was, falsch läuft. Sein Frieden provoziert.

Der erste Advent ist ein guter Zeitpunkt, um zu überlegen: Auf welchen Jesus bereiten wir uns vor?

Vielleicht ist Jesus gerade vor allem ein netter Grund für ein Weihnachtsfest, einer, der halt zu Advent und Weihnachten dazu gehört. Vielleicht ist er auch der Freund, der einem immer zur Seite steht und ermutigt, vielleicht der Moralapostel, vor dem Sie lieber ihre Fehler verstecken. Vielleicht ist es auch der Erlöser Welt, der für unsere Sünden gestorben ist. Die meisten Menschen haben wohl irgendeine Vorstellung von Jesus. Ich bin sicher: Jede Vorstellung verdient es, hinterfragt, korrigiert und um neue Aspekte erweitert zu werden. Bei allem Hinterfragen und Vorbereiten auf den, der da kommt, darf aber eins nicht fehlen. Die Vorfreude auf den Besuch. Sonst ist das ganze nur Quälerei und der Besuch wird ein Reinfall. Denn egal, wie unbequem und herausfordernd der Jesus auch ist, den wir erwarten: Sein Kommen ist Grund zur Freude.

An Weihnachten werden wir feiern, dass Gott in diese Welt kommt. Darum ist die ganze Vorbereitung nicht umsonst. Weil ein Gott kommt, dem die Welt nicht egal ist.

Pfarrer Felix Weise


Hinweis für Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt@elk-wue.de nachzufragen, ob die Nutzungsrechte für den jeweiligen Zweck vorliegen. Gerne können Sie alle Bilder nutzen, die Sie im Pressebereich unserer Webseite finden.


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Grafik: elk-wue.de

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