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„Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“

Pfarrer Matthias Ströhle engagiert sich seit Jahren in der Asylarbeit

Die Flüchtlingszahlen steigen. Viele Kommunen suchen fieberhaft nach Unterkünften für neue Asylbewerber. An vielen Orten engagieren sich Menschen in Freundeskreisen, die den Neuzugezogenen helfen wollen. Doch wie können sie Flüchtlinge am besten unterstützen? Und wie bereitet man Ehrenamtliche auf die Asylarbeit vor? Anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni hat Ute Dilg mit Pfarrer Matthias Ströhle gesprochen. Der 42-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren in der Asylarbeit im Kirchenbezirk Biberach.

Evangelisches Medienhaus Stuttgart

Sie haben kürzlich zusammen mit anderen Aktiven einen Asyl-Fachtag für Ehrenamtliche organisiert. Warum?

In Oberschwaben und speziell im Landkreis Biberach werden viele neue Flüchtlingsheime eröffnet. Der Bedarf an Ehrenamtlichen ist also groß und es gibt auch viele Interessenten. Allerdings ist die Asylarbeit eine anspruchsvolle Tätigkeit, bei der es hin und wieder sogar um das Leben von Menschen geht. Ehrenamtliche begleiten die Flüchtlinge durch Höhen und Tiefen hindurch, manchmal auch bis hin zu Abschiebungen. Sie müssen sich in Rechtsfragen einarbeiten, eine hohe interkulturelle Kompetenz mitbringen und gut mit Behörden umgehen können. Manche Ehrenamtliche sind die einzigen, zu denen Flüchtlinge wirkliches Vertrauen aufbauen. Ohne vernünftige Schulung ist das schwierig. Dementsprechend groß war auch das Interesse an unserem Fachtag. Wir hatten 85 Anmeldungen. 

Was waren die Inhalte des Fachtags?

Zum einen ging es um die rechtliche Situation von Flüchtlingen. Was ist eine Duldung? Wie läuft ein Asylverfahren ab? Oder was bedeutet die Drittstaatenregelung? Das ist alles recht kompliziert. Im zweiten Block ging es darum, Ehrenamtliche im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen zu sensibilisieren.

Wie haben die steigenden Flüchtlingszahlen die Asylarbeit verändert?

Allein 2013 hat der Landkreis Biberach 263 Flüchtlinge zugewiesen bekommen. 2010 waren es noch um die 50. Um alle Flüchtlinge zu betreuen, brauchen wir mehr Ehrenamtliche. Glücklicherweise hat sich in manchen Bereichen die Rechtslage für die Flüchtlinge zum Positiven verändert. Vor gut einem Jahr wurden in Biberach z.B. die Essenspakete abgeschafft. Auch ist es heute selbstverständlich, dass Flüchtlingskinder ein Recht darauf haben, in die Schule zu gehen. Ein großes Plus ist weiterhin, dass Asylbewerber nun bereits nach neun Monaten arbeiten dürfen. Das führt aber auch dazu, dass eine andere Betreuung nötig ist. Früher haben wir eher das Asylverfahren begleitet. Heute steht die Integration im Vordergrund, d. h. Unterstützung bei Arbeits- und Wohnungssuche oder bei der Kinderbetreuung. 

In vielen Gemeinden auch in Ihrem Kirchenbezirk entstehen Freundeskreise bzw. Ökumenische Arbeitskreise, die sich um die Neuankömmlinge kümmern. Was tun diese Kreise konkret für Flüchtlinge?

Es geht darum, ein menschenwürdiges Umfeld für die Flüchtlinge zu schaffen. „Ich war fremd und ihr habt mit aufgenommen“, steht im Matthäusevangelium. Davon gehe ich immer aus. Wichtig ist, die Gesellschaft über Probleme der Flüchtlinge zu informieren und so Sympathie zu schaffen, z.B. durch gemeinsame Gottesdienste und Feste. Voriges Jahr etwa haben wir in Biberach ein gemeinsames Konzert organisiert. Damit zeigen wir, dass Menschen bei uns ankommen, die zwar in einer schwierigen Situation sind, aber dennoch das gleiche Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben. Wir wollen Brücken bauen zwischen den Flüchtlingen und der Gesellschaft. Außerdem helfen wir den Menschen, die in Heimen leben, in ihrem Alltag. Wir begleiten sie beim Asylverfahren, organisieren Kinderbetreuung, Bastelnachmittage, Deutschunterricht oder ein Asyl-Café, wo Flüchtlinge zusammenkommen können. Wir planen, die Einzelbetreuung demnächst in ein sogenanntes Patenprogramm einzubringen.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Es gibt viele Leute, die sich gerne um eine Person oder eine Familie intensiver kümmern möchten. Daraus ist die Idee entstanden, im Rahmen der Ökumenischen Arbeitskreise ein Patenprogramm zu entwickeln. Engagierte können sich dafür bewerben. Zusammen mit dem Sozialdienst Asyl des Landratsamts soll dann geschaut werden, welcher Pate zu welchem Flüchtling oder welcher Flüchtlingsfamilie passen könnte. Danach ist Zeit, sich kennen zu lernen. Nach sechs Wochen sollten sich die Paten dann für ein Jahr verpflichten. Der Zeitraum ist deshalb relativ lang, weil gerade in der Asylarbeit Kontinuität wichtig ist. Die Flüchtlinge haben häufig erlebt, wie familiäre oder andere Bindungen abbrechen, d. h. sie brauchen Zeit, sich auf Menschen einzulassen. Für die Paten wird es einen Patenstammtisch zum Austausch und zur Begleitung geben. 

Flüchtlinge werden ja mittlerweile auch in kleinen Orten und in kleinen Wohneinheiten untergebracht. Was sind die Vor- und Nachteile davon?

Eine dezentrale Unterbringung kann Flüchtlingen dabei helfen, sich besser zu integrieren und eventuell auch einen Job zu finden. Allerdings kann es auch schwierig sein, etwa in einem 400-Einwohner-Dorf ohne Busverbindung und Einkaufsmöglichkeiten zu leben. Außerdem ist die Sozialbetreuung in den Sammelunterkünften natürlich besser. Die Ehrenamtlichen müssen sich dafür einsetzen, die Integration in den Dörfern gut zu gestalten und die Vereine und Kirchengemeinden mit einzubeziehen. Hier haben auch die Kirchengemeinden vor Ort eine wichtige Brückenfunktion. Zudem soll das Patenprogramm bei der Betreuung der Flüchtlinge in den Dörfern helfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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