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Diskussion um die Kirche der Zukunft

Seminaristen fühlen Kirchenvertretern auf den Zahn

Wie kann die Kirche der Zukunft aussehen? Welche Forderungen haben Jugendliche an sie und wie reagiert die Kirchenleitung darauf? Im Stuttgarter Hospitalhof haben beide Gruppen am 17. Oktober miteinander diskutiert und auf beiden Seiten neue Denkanstöße angeregt.

Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Seminare Maulbronn und Blaubeuren debattieren mit der KirchenleitungEMH/Jens Schmitt

Seit Juni hatten sich Schülerinnen und Schüler der evangelischen Seminare Blaubeuren und Maulbronn mit kirchenpolitischen und theologischen Themen befasst und damit, wie sie die Kirche verändern wollen. 17 Thesen sind daraus entstanden, die den Umgang der Kirche mit wichtigen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen thematisieren. Diese beschäftigen sich unter anderem mit Zuwanderung, Umwelt, Demographie, Gewalt in der Kirche, sowie gleichgeschlechtlicher Liebe und Interreligiosität. Im Stuttgarter Hospitalhof kam es nun zum großen Showdown: Der Debatte zwischen den Seminaristen und Kirchenvertretern. 

Zwei Stunden nahmen sich Landesbischof Frank Otfried July, Stefan Werner, Direktor des Evangelischen Oberkirchenrats, Oberkirchenräte Ulrich Heckel, Werner Baur und Wolfgang Traub sowie die Prälatin Gabriele Arnold, Kirchenrätin Ursula Pelkner, die Präsidentin der Landessynode Inge Schneider und Professor Dr. Volker Henning Decroll, Ephorus des Evangelischen Stifts in Tübingen, für die Schülerinnen und Schüler Zeit. Zwei Stunden, in denen sie Rede und Antwort auf teils kniffelige Fragen standen. Wie kann und sollte beispielsweise der Pfarrberuf geregelt werden, um das Privatleben der Pfarrer zu schützen? „Eine Aufhebung der Residenzpflicht wäre schon mal ein erster Schritt“, fand Blaubeurer Seminaristin Johanna Kunzi. Durch die räumliche Trennung könnten Pfarrer eine bessere Trennung zwischen Arbeit und Privatleben erreichen. Prälatin Arnold sieht hier jedoch einen Vorteil in den kurzen Arbeitswegen, die wiederum zu mehr Zeit mit der Familie beitragen können. Kirchenrätin Pelkner verwies zudem auf die damit verbundene Erleichterung der Wohnraumsuche in Ballungsgebieten wie Stuttgart. „Hier Wohnungen zu finden ist sehr schwer, da ist eine Dienstwohnung von Vorteil.“ Beide stimmten den Seminaristen jedoch zu, dass Pfarrer und Pfarrerinnen mehr darin bestärkt werden müssten, sich ihren Freiraum auch zu nehmen.

Bei der Diskussionsrunde zum Thema „Kirche in der Verantwortung“ äußerten sich  Direktor Werner und Oberkirchenrat Baur zu der Forderung, sich gegen Gewalt gegen Schutzbefohlenen einzusetzen und geschehene Verbrechen nicht zu vertuschen. „Missbrauchsvorfälle zu verhindern ist unser höchstes Ziel“, so Werner. Aber genauso wichtig sei es, entsprechende Ansprechpartner zu installieren, an die sich Opfer wenden könnten. 


Der Debatte war ein Thesenanschlag vor der Klosterkirche Maulbronn am 4. Oktober vorausgegangen. Damit wird eine Idee aus dem landeskirchlichen Ideenwettbewerb „Kirche macht was“ verwirklicht. Sie wurde von Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 12 im evangelischen Seminar Maulbronn und der Pfarrerin Irina Ose eingereicht.


Auch die Forderung nach mehr Raum für interreligiösen Austausch und Gottesdienste wurde in den Thesen gefordert. Synodalpräsidentin Schneider, die sehr lange selbst in einem muslimischen Land gelebt hat, wies allerdings auf einen wichtigen Unterschied hin: „Im Gegensatz zu Muslimen beten Christen zum Dreieinigen Gott. Das können wir Muslimen nicht einfach überstülpen.“ Es reichen ja auch die gleichen Gebetsanliegen, die jeweils im eigenen Gebet ausgedrückt werden könnten, so das Gegenargument. Das überzeugte. Schneider und Oberkirchenrat Heckel stimmten auch der Forderung der Jugendlichen zu, dass der interreligiöse Austausch gefördert werden müsse. „Man muss üben, auf den anderen zu hören und gleichzeitig sagen zu können, was uns als Protestanten wichtig ist.“, so Heckel. Blaubeurer Seminaristin Friederike Blochwitz verglich dazu Religion mit der Muttersprache: „Wenn man seine Muttersprache kennt, kann man auch andere Sprachen sprechen, ohne sich benachteiligt zu fühlen.“ Ein Satz, der die beiden Gesprächspartner beeindruckte.

Ingesamt 4 Runden zu verschiedenen Themen sah sich die Kirchenleitung den Thesen der Seminaristen ausgeliefert.EMH/Jens Schmitt

Auf den anderen hören und gleichzeitig dafür stehen, was einem selbst wichtig ist, war auch die Vorgehensweise der Diskussionsrunden. Erreicht wurde so zweierlei: Die Jugendlichen erlebten, dass auch ihre Meinung zählt, und die Kirchenvertreter wurden mit Meinungen und Sichtweisen einer Altersgruppe konfrontiert, auf die sie vermutlich eher selten treffen. Aufgrund der Zeit blieben viele Fragen jedoch unbeantwortet: Wie wird die Landessynode über die Segnung homosexueller Paare entscheiden, die für die Jugendlichen essentiell ist? Wie kann die Kirche noch nachhaltiger werden? Und wie kann die Kirche das Aufkommen rechter Populisten verhindern? Wie können Jugendliche besser in den Gemeinderat integriert werden und auch in der Kirche Gehör finden? Mit der Debatte selbst wurde auf die letzte Frage bereits eine mögliche Antwort gefunden.

Landesbischof July war am Ende noch eine Sache wichtig, den Seminaristen mit auf den Heimweg zu geben: „Es wird immer davon gesprochen, dass Sie die Zukunft sind. Das ist falsch. Sie sind die Gegenwart!“ 

Debatte im Hospitalhof

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Anna Gieche


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