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Bischof July: „Der Hass hat uns alle arm gemacht“

Baden-Württemberg erinnert an Deportation von Sinti und Roma

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July hat das Versagen von Christen im Nationalsozialismus beklagt. Sie hätten Schuld auf sich geladen und Minderheiten an ihre Verfolger preisgegeben, sagte er am Donnerstag in Stuttgart.

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Ökumenischen Gottesdienst 2018, der an die Deportation von Sinti und Roma vor 75 Jahren erinnerte © Oliver Hoesch/EMH

„Der Hass hat uns alle arm gemacht“, führte der Bischof in einem ökumenischen Gottesdienst aus, der an die Deportation von Sinti und Roma vor 75 Jahren erinnerte. Bis heute gebe es Vorurteile gegen Sinti und Roma, kritisierte er. Der Freiburger Weihbischof Bernd Uhl erinnerte in seiner Predigt daran, dass der Bibel zufolge jeder Mensch das Ebenbild Gottes sei. Es tue weh, wenn Verrückte oder Fanatiker kostbare Bilder in Museen zerstörten - aber auch der Mensch müsse als ein „heiliges Kunstwerk Gottes“ in Ehren gehalten werden. Anhand eines Abschnitts aus dem Lukas-Evangelium erläuterte Uhl, dass Jesus seinen Jüngern Gewaltfantasien und Vernichtungswillen verboten habe.

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Weihbischof em. Dr. Bernd Uhl © Oliver Hoesch/EMH

Die Versöhnungs- und Erziehungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte hätten es möglich gemacht, dass Sinti und Roma heute selbstverständliche Mitglieder der Gesellschaft seien, sagte Uhl. Diese Menschen wollten nicht „bemitleidet oder betütelt“ werden. Im Anschluss an den Gottesdienst fand ein Gedenken am Stuttgarter Nordbahnhof statt.

Die Staatssekretärin im baden-württembergischen Staatsministerium, Theresa Schopper (Grüne), kündigte bei einer vorausgehenden Gedenkfeier einen neuen Vertrag zwischen der Landesregierung und dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma an. Er solle noch in diesem Jahr unterzeichnet werden, sagte sie. Die neue Vereinbarung folgt auf einen Fünf-Jahres-Vertrag aus dem Jahr 2013, in dem sich das Land unter anderem zur finanziellen Förderung des Verbands mit 500.000 Euro pro Jahr verpflichtete.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) sagte, mit der Förderung der deutschlandweit ersten eigenständigen Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg setze das Land ein Zeichen. Die Ermordung von bis zu 500.000 Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten sei viel zu spät öffentlich thematisiert und erst 1982 als Völkermord anerkannt worden. Antiziganistischen Tendenzen in der Gesellschaft trete die Landesregierung entschieden entgegen.

Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, sagte, die Wunden der Überlebenden des Nationalsozialismus seien in ein „soziales Gedächtnis“ der nachfolgenden Generation übertragen worden. „So werden wir Träger von Todesängsten." Humanistische Ideale und republikanische Utopien seien jederzeit widerrufbar“, betonte Strauß.

Der Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, forderte mehr Forschung zur Rekonstruktion der NS-Verbrechen. Unter den Sinti und Roma habe es belegbar 230.000 Opfer gegeben, es seien aber mit Sicherheit mehr gewesen. Wenn man den Ermordeten keinen Namen geben könne, verschwänden sie aus dem Gedächtnis.

Am 15. März 1943 begann in Stuttgart der Abtransport von Sinti und Roma aus Baden-Württemberg ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Insgesamt wurden 456 von ihnen im März aus dem Südwesten verschleppt.

Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)