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Christen haben den Auftrag, Fremde aufzunehmen

Die Heilbronner Flüchtlingsdiakonin Annette Walter ist seit 100 Tagen im Amt

Die Flüchtlingsdiakonin der Prälatur Heilbronn hat die ersten 100 Tage in dem neu geschaffenen Amt hinter sich. Zeit für eine erste Bilanz. Annette Walter nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.  Flüchtlinge sollen gleichberechtigt am Gemeinwesen teilhaben, sagt sie. Und sie hat klare Vorstellungen davon, was sich dafür ändern muss. Stephan Braun hat mir ihr gesprochen.

Frau Walter, Sie bekleiden das neu geschaffene Amt einer Flüchtlingsdiakonin in der Prälatur Heilbronn. Was sind Ihre Aufgaben?

Meine Hauptaufgabe ist die Mitarbeit am Aufbau einer Willkommenskultur für Flüchtlinge in Kirchengemeinden und Kirchenbezirken. Flucht und Asyl betrachte ich als Querschnittsthemen in kirchlich-diakonischen Handlungsfeldern.

Wie kann ich mir das vorstellen?   

Zunächst geht es mir darum, dass das Thema Flucht und Vertreibung wieder in den Blick gerät. Das kennen die meisten ja nur aus dem Fernsehen. Sie sind dann überrascht und manchmal auch irritiert, wenn auf dem flachen Land ein Container hingestellt wird und auf einmal 30 Menschen da sind. Ich gehe deshalb zu Kirchengemeinderatsklausuren, zu Pfarrerdienstbesprechungen, gestalte Themengottesdienste mit und referiere beim Frauenfrühstück oder dem Männervesper über dieses Thema. Weiterhin berate und begleite ich Freundeskreise für Flüchtlinge, helfe bei Neugründungen solcher Initiativen. Dabei verstehe ich mich auch als Netzwerkerin in der Arbeit mit Kommunen, Kirchengemeinden und Ehrenamtlichen.

Wo können Sie da Hilfestellung geben?

Bei den ganz konkreten Fragen, wie sie häufig gestellt werden. Etwa: Wie läuft ein Asylverfahren ab, welche Rechte haben Asylbewerber, wann dürfen sie arbeiten, wie ist das mit der Hilfe für Kranke und Traumatisierte? Ich schaue, welche Bedürfnisse die Leute haben und biete neben der Einzelberatung auch Seminare oder andere Veranstaltungen an.

Ihre ersten Erfahrungen …

… sind positiv. Ich bin ganz vielen freundlichen Menschen begegnet, die sich für Flüchtlinge einsetzen, viel Zeit investieren, sie zu Behörden oder Ärzten begleiten, mit den Kindern Hausaufgaben machen oder Spielnachmittage anbieten. Gut ist auch, dass durch das Flüchtlingsaufnahmegesetz des Landes seit diesem Jahr der Zugang zu niederschwelligen Sprachkursen erleichtert wurde. Doch die vorgesehenen 91 Euro pro Flüchtling werden bei Weitem nicht ausreichen. Wir sind also weiterhin auf Ehrenamtliche angewiesen, die Deutschunterricht anbieten. Am besten wäre natürlich die gerade diskutierte Öffnung der Integrationskurse auch für Asylsuchende und Flüchtlinge.

Das klingt ja fast nach heiler Welt. 

Nein, so ist es nicht. Natürlich gibt es auch Erklärungsbedarf, wenn fremde Menschen in eine neue Gemeinde aufgenommen werden. Aber da lassen sich bisher – zumindest in meinem Zuständigkeitsbereich, der Prälatur Heilbronn – durch Aufklärung und Kontakte zu Flüchtlingen Berührungsängste und Vorbehalte abbauen. Die Zahl der Flüchtlinge nimmt seit einigen Jahren stetig zu. Die Landkreise als zuständige Behörden für die Aufnahme von Asylsuchenden tun sich trotz intensiver Bemühungen schwer, geeigneten Wohnraum zu finden Ich hoffe, dass die positiven Ansätze des neuen Flüchtlingsaufnahmegesetzes für eine verbesserte Unterbringung von Flüchtlingen durch diese Entwicklung nicht untergraben werden.

Annette Walter (47) ist Sozialarbeiterin und Diakonin. Als Flüchtlingsdiakonin für die Prälatur Heilbronn betreut sie den Raum Nordwürttemberg mit 15 Kirchenbezirken und insgesamt über 360 Kirchengemeinden.

Bieten denn in Ihrer Prälatur Kirchengemeinden auch selbst Wohnraum für Flüchtlinge an oder planen sie dieses?

Von Kirche und Diakonie erging ein Aufruf an Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen, geeigneten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Inwieweit dieser in der Prälatur Heilbronn erfolgreich war, ist mir nicht bekannt.

Ihre Stelle ist zunächst auf drei Jahre befristet. Was soll nach diesen drei Jahren erreicht sein?

Ich wünsche mir, dass Flüchtlinge sich dann ganz selbstverständlich in die Gesellschaft einbringen können und am Gemeinwesen gleichberechtigt teilhaben. Dazu gehört dreierlei: Erstens, dass es gelingt, Flüchtlinge vorwiegend in Wohnungen dezentral unterzubringen. Zweitens ein gesichertes Angebot an Sprachkursen und der uneingeschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt. Und schließlich wünsche ich mir, dass wir dann weniger über Flüchtlingszahlen sprechen, der einzelne Mensch wieder stärker in den Vordergrund rückt und dass die Angst vor dem Fremden schwindet, die ich zum Teil noch vor Ort spüre.  

Es gibt also genug zu tun.

Ja. Wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen und um Integration geht, sind alle gefragt: Das Land sollte mehr Geld für die Sprachkurse in die Hand nehmen und der Gesetzgeber für eine bessere Anerkennung ausländischer Qualifikationen sorgen. Kirchen, Kommunen und Vereine sollten zum Beispiel mehr gemeinnützige Ein-Euro-Jobs anbieten, denn das sind die einzigen Arbeiten, die Flüchtlinge momentan in den ersten neun Monaten bei uns leisten dürfen. Das große politische Ziel heißt hier natürlich die völlige Aufhebung des Arbeitsverbots inklusive Aufhebung der Vorrangprüfung sowie die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes. Und zuletzt eine Bitte an meine Kirche, sie möge in diesen Themen noch klarer Position beziehen und deutlich machen, dass Christen und Christinnen einen biblischen Auftrag haben, Fremde aufzunehmen. Dessen sind sich nicht alle Christen bewusst.

Frau Walter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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