| Gedenktag

"Von Natur aus eine Maria"

200. Geburtstag von Doris Blumhardt

Gegen damalige Rollenbilder hat Johanna Dorothea Blumhardt ihrem Mann Pfarrer Christoph Blumhardt nicht nur den Rücken freigehalten, sondern aktiv als Mit-Seelsorgerin am Gemeindeleben teilgenommen. Heute wäre sie 200 Jahre alt geworden.

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© Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Johanna Dorothea, genannt Doris, Köllner, wurde am 13. Juli 1816 in Segnitz am Main als Tochter des Weinhändlers Karl Köllner und dessen Frau Maria geboren. 1822 zieht die Familie ins südbadische Sitzenkirch. Dort gründet der Vater, jetzt Landwirt auf dem Klostergut Sitzenkirch und mit der Christentumsgesellschaft im nahen Basel eng verbunden, ein Pensionat zur christlichen Erziehung jüdischer Kinder. Das Projekt scheitert am Widerstand der jüdischen Verwandten; stattdessen entsteht ein Mädchenpensionat, das Töchter aus Basler Familien betreut. 

Die musisch begabte Doris Köllner wird in Basel unterrichtet, erhält auf ihren Wunsch auch Unterricht im Landschaftszeichnen und Gitarrespielen. 1831 besucht sie ein Mädchenpensionat im schweizerischen Le Locle (bei Neuchâtel) und kehrt nach einem Jahr ins Elternhaus zurück. 1836 besucht Johann Christoph Blumhardt (1805–1880), damals Lehrer an der Basler Missionsschule, den Missionsfreund Karl Köllner in Sitzenkirch. Friedrich Zündel berichtet, der Händedruck mit Doris habe auf den Ankömmling „wie elektrisch“ gewirkt. Nach Blumhardts Ernennung auf die Pfarrei Möttlingen können die beiden im September 1838 heiraten.

Blumhardt weiß, welch sensible, mit Menschenkenntnis begabte Frau er an seiner Seite hat. Sie soll ihm als Pfarrer nicht bloß den Rücken freihalten, sondern Mit-Seelsorgerin sein. Diesen Vorsatz haben beide – gegen damalige Rollenbilder – ansatzweise verwirklichen können. Die Pfarrfrau ist nicht nur Köchin in der Suppenküche, die bei einer Typhus-Epidemie die Möttlinger Kranken versorgt. Sie beschränkt sich nicht auf die Bewirtung der Heilungsuchenden, die im Verlauf der Möttlinger Erweckungsbewegung seit 1845 ins Pfarrhaus strömen, sondern wird in Blumhardts Abwesenheit als „Frau Seelsorger“ aktiv. Sie engagiert sich bis zur Erschöpfung, aber gibt nicht auf. Bereits 1838 hat sie eine Strick- und Nähschule gegründet, die den Möttlingern Auswege aus der Armut zeigen soll.

Doris Blumhardt erträgt mit ihrem Mann eine Hetzkampagne in der liberalen Presse, die sich gegen die weite Kreise ziehende Erweckung richtet, tätliche Angriffe von Unbekannten auf Gottliebin Dittus, eine der Hauptpersonen der Erweckung, und eine versuchte Brandstiftung im Pfarrhaus. In diesen schwierigen Jahren bringt sie acht Kinder zur Welt; zwei davon sind Frühgeburten und sterben noch am gleichen Tag.

Als die Familie 1852 ins Kurhaus Bad Boll übersiedelt, wo Blumhardt ein Seelsorgezentrum errichtet, übernimmt sie zusammen mit Gottliebin Dittus die hauswirtschaftliche Leitung des mächtigen Gebäudes mit 129 Zimmern, einem Festsaal und Speisesaal. Während einige, auch weibliche, Gäste nur die „schöne“ Seite Bad Bolls sehen und Doris Blumhardt als „musterhafte Pfarrfrau durch ihre völlige Hingebung und ihr stilles Wirken“ wahrnehmen, bleibt es einer anderen Besucherin nicht verborgen, dass Doris, von Natur aus eine Maria, die Rolle der Martha übernehmen muss. Sie erträgt es, weil sie das Wirken ihres Mannes für das Reich Gottes unterstützt. Das Verhältnis der Eheleute zueinander sei „tief und warm“ gewesen, berichtet ein Hausgast. „Es war, wie wenn zwei Menschen große Lasten tragen, die allein kaum fortzubringen waren.“ 1886, sechs Jahre nach ihrem Mann, ist Doris Blumhardt in Bad Boll gestorben.

Dieter Ising

Literaturhinweise
Dieter Ising: Johann Christoph Blumhardt. Leben und Werk. Göttingen 2002. Eine 2. ergänzte Aufl. erscheint Ende 2016 im Leibniz Verlag St. Goar. – Engl.: Johann Christoph Blumhardt. Life and Work. A New Biography. Eugene/Oregon 2009.

Friedrich Zündel: Pfarrer Johann Christoph Blumhardt. Ein Lebensbild. Zürich und Heilbronn 1880. Eine Neuausgabe der 5. Aufl. 1887 wird im Leibniz Verlag St. Goar vorbereitet. – Engl.: Pastor Johann Christoph Blumhardt. An Account of His Life. Edited by Christian T. Collins Winn and Charles E. Moore, translated by Hugo Brinkmann (Blumhardt Series; 1). Eugene/Oregon 2010.

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      30.08.2016

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      02.11.2017