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Heimatvertrieben

Rundfunkpfarrerin Dr. Lucie PanzerEMH

Die Bibel erzählt von Anfang an von Vertriebenen. Seit Adam und Eva sind die Menschen aus dem Paradies vertrieben. Sie leiden unter Heimweh. Sie haben Heimweh nach dem verlorenen Paradies. Das ist das Menschenbild von Juden und Christen.

Von da an müssen die Menschen sich in Sicherheit bringen vor der Sintflut und irgendwo neu anfangen, als sie wieder festen Boden unter den Füßen haben. Abraham verlässt sein Vaterland um eine bessere Zukunft zu suchen. Die Israeliten fliehen aus Ägypten in das verheißene Land. Aber auch da finden sie nie wirklich Ruhe. Und Jesus hat viel später von sich gesagt: „Die Vögel haben Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann“ (Lk 9, 58)

Menschen sind unterwegs. So ist das Leben jenseits vom Paradies. Und oft ist das nicht bequem. Deshalb versucht jeder, sich eine Heimat zu schaffen. Einen Platz, den einem niemand streitig machen kann. Wo keiner sagen kann: Was willst du hier? Du gehörst hier nicht her. Es tut weh, wenn man das hören muss. Ich verstehe die jungen Syrer und Afrikaner, die Türken und die Kroaten gut, die das nicht mehr ertragen wollen. Seit Jahrzehnten leben ihre Familien hier bei uns und noch immer müssen sie hören: Du bist wohl nicht von hier. Wo bist du zu Hause? Und dahinter steckt ja oft auch die Frage: Was willst du eigentlich hier? Warum bist du nicht geblieben, wo du hingehörst?

Auch für den Glauben schaffen Menschen sich eine Heimat. Sie bauen Kirchen und Kathedralen. Ein Haus für den eigenen Glauben. Und wenn neben die Kirchen und Kathedralen eine Moschee gebaut werden soll, dann heißt es auch von manchen: Die haben hier nichts verloren. Umgekehrt aber genauso: In vielen muslimischen Ländern werden Kirchen nicht geduldet. Die gehören hier nicht her, heißt es auch da.

Seitdem das Paradies verloren ist, suchen Menschen eine Heimat. Und vertreiben die, die angeblich nicht dazu gehören. Dann ist es erst recht aus mit dem Paradies – für alle.  
Die Bibel weiß, dass wir Menschen so sind. Im Neuen Testament lese ich: ''Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.'' (Hebräer 13,14) Heimat ist nicht da, wo ich gerade bin. Auch nicht da, wo ich mal war. Die verlorene Heimat ist vorne. Da, wo einmal allen Vertriebenen die Tränen abgewischt werden. Mir auch.

Ich finde, wir sollten uns gegenseitig unterstützen auf dem Weg dorthin. Gott sei Dank gibt es Rastplätze. Wohnungen, die man gemütlich einrichten kann. Cafes, in denen man Eis essen kann. Wälder, Wiesen, Berge und Seen, um sich zu erholen. Da sollten wir einander Ruhe gönnen.

Pfarrerin Lucie Panzer

Dieser Beitrag lief ursprünglich als „Morgengedanke“ auf SWR 1/SWR 4 am 5. Oktober.

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