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Nach der Schönheit der Unterschiede suchen

Über das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen im Mittleren Osten

„… da weht Freiheit“ lautet das Motto des „Fests der weltweiten Kirche und Mission“ am Pfingstmontag, 5. Mai, in Stuttgart. Menschen aus aller Welt und in verschiedenen kirchlichen Traditionen feiern gemeinsam die Reformation. Mit dabei ist auch Dr. Rima Nasralla van Saane. Die Professorin für Praktische Theologie lehrt an der Near East School of Theology (NEST), der wichtigsten Ausbildungsstätte für evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer in Libanon, Syrien und Jordanien. Stephan Braun hat sie nach der Lage der Christen in dieser Region gefragt.

Dr. Rima NasrallahKatja Buck / EVS

Wo weht die Freiheit im Mittleren Osten?
Wenn Freiheit weht wie der Wind, kann sie leicht großes Durcheinander hinterlassen. Schon das kleine Lüftchen der Freiheit, das in den vergangenen Jahren im Mittleren Osten geblasen hat, hat unkontrollierbares Chaos verursacht. Schauen Sie sich die Angriffe auf Kirchen in Ägypten an, die Kämpfe im Irak und natürlich den Bürgerkrieg in Syrien. Doch trotz dieses Chaos in der Region erfahren viele Menschen eine neue Freiheit. Das bedeutet aber auch, dass Systeme, die früher getragen haben, auseinanderbrechen. Diese Art der Freiheit macht verwundbar. Momentan erleben wir im Mittleren Osten, dass wir Grenzen überschreiten, andere Leute treffen können. Das haben viele noch nie erlebt. Aufgrund von Flucht und Migration ist die Bevölkerung mehr durchmischt. Die Kirchen und wir als einzelne Bürger fragen uns täglich, wie in dieser neuen Situation unsere Rollen aussehen.

Der Libanon gilt als Zentrum der Christenheit in der arabischen Welt. Viele verfolgte religiöse Minderheiten leben dort. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit in Beirut?
Der Libanon ist tatsächlich schon immer eine Zuflucht für verfolgte Minderheiten und Migranten gewesen. Die zahlreichen Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren aus Syrien und zu einem geringeren Teil aus dem Irak zu uns gekommen sind, stellen uns als Kirche allerdings vor eine sehr große Herausforderung. Wir haben nicht viele Ressourcen, weder was das Personal noch was Sachgüter angeht. Und die müssen nun auf die vielen Menschen verteilt werden.

Wie beeinflusst das das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Einheimischen?
Die Augen und Herzen der Christen aus aller Welt sind auf die syrischen Flüchtlinge gerichtet, denen viel Hilfe und Aufmerksamkeit zufließt. Das stößt gerade den Einheimischen auf, die seit langem mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. Sie fühlen sich vernachlässigt. Dazu kommt, dass viele junge Libanesen selbst emigrieren. Sie wollen nicht mehr in dieser zunehmend instabilen Weltregion leben. Auch das hat Auswirkungen auf das kirchliche Leben und unsere Zukunft.

Was tun Sie als Kirche im Libanon für die Geflüchteten?
Die Flüchtlinge müssen jetzt mit ihrer Situation zurechtkommen. Dabei unterstützen wir sie. Vor allem der Schulunterricht für Flüchtlingskinder ist dabei wichtig. Außerdem helfen wir Erwachsenen, eine Berufsausbildung zu machen. Sie sind dann in der Lage, in ihrem Gastland zu überleben und neue Fähigkeiten mit nach Hause zu nehmen. Ich selbst lehre in einem theologischen Seminar für Pfarrer und Kirchenführer. Dort bilden wir derzeit Menschen aus, die hoffentlich die künftigen Pfarrer in Syrien sein werden. Andere kirchliche Institutionen bilden Ingenieure und Lehrer aus.

Und was können die Christen in Deutschland und Europa tun?
Wir alle sind als Christen dazu aufgerufen, die Menschen, die aus Gefahren und Kriegssituationen fliehen, willkommen zu heißen, ihnen Essen zu geben, sie zu kleiden, sie als Teil unserer Gemeinschaft zu akzeptieren. Ihnen Gastfreundschaft und Empathie entgegenzubringen ist unumgänglich. Wichtig ist allerdings auch, dass die internationale christliche Gemeinschaft Druck auf die Regierungen ausübt, damit diese endlich eine friedliche Lösung für die Region suchen und durchsetzen. Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass es Frieden in Syrien und im Irak geben kann.

Am Pfingstmontag nehmen Sie an einem Podiumsgespräch teil. Das Thema lautet „Christliche Gemeinden im Mittleren Osten. Wir haben viele muslimische Freunde“. Wie ist das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen dort? Und wirkt es sich auf den interreligiösen Dialog aus?
Für uns Christen im Mittleren Osten ist es normal, unter Muslimen zu leben. Ebenso wie es unterschiedliche christliche Gemeinschaften gibt, existieren viele muslimische Strömungen. Meine Kirche sucht den Kontakt und einen tiefen, freundschaftlichen Dialog mit moderaten muslimischen Gelehrten und Institutionen. Unsere gemeinsame Geschichte hat uns gelehrt, dass wir miteinander reden müssen, eine positive Atmosphäre und Vertrauen zwischen den gemäßigten Gruppen schaffen müssen. Wir hoffen, dass unsere muslimischen Freunde bei anderen Muslimen ein positives Bild vom Christentum zeichnen und sich gegen die Tendenz zur Radikalisierung wehren.

Viele Menschen in Europa fürchten sich vor einer „muslimischen Parallelgesellschaft“. Was können wir von Ihren Erfahrungen lernen?
Man kann Muslime nicht über einen Kamm scheren. Es gibt viele Strömungen. Manche muslimische Gruppen sind totalitär ausgerichtet und wollen eine islamische Gesellschaft etablieren. Doch nicht alle Muslime wollen das. Wir haben es immer als unsere Herausforderung gesehen, mit den moderaten und offenen Muslimen zu arbeiten und so diese geschlossenen Gemeinschaften aufzubrechen. Wir versuchen, die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu verbinden, damit sie nicht auseinanderdriften.

Was ist Ihr größter Wunsch, wenn es um das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen und Religionen geht?
Wir sollten zwei Extreme vermeiden, wenn wir über multikulturelle und multireligiöse Gesellschaften sprechen: Das eine Extrem ist, eine naive oder sogar utopische Auffassung, die Unterschiede übersieht und davon ausgeht, dass wir alle identisch sind. Das andere Extrem ist, Unterschiede hervorzuheben und künstliche Hindernisse zwischen Kulturen und Religionen aufzubauen. Es gibt Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen und es wird sie immer geben. Diese können zu Konflikten führen. Meine Hoffnung ist, dass wir auch immer wieder nach der Schönheit der Unterschiede suchen. Sie können uns etwas über uns selbst lehren und uns helfen, uns mit unserer eigenen Identität und unserem eigenen Glauben auseinanderzusetzen. Wenn wir uns gegenseitig kennenlernen, wachsen und verändern wir uns. Und wir fordern andere heraus, auch zu wachsen und sich zu verändern.

Das „Fest der weltweiten Kirche und Mission“ findet am Pfingstmontag, 5. Mai, in Stuttgart statt. Passend zum Reformationsjubiläum lautet das Motto „… da weht Freiheit“. Dabei werden dieses Jahr der „Tag der weltweiten Kirche“ und das Landesmissionsfest zusammen begangen. Rund 30 Gemeinden verschiedener Sprache und Herkunft feiern in der Stiftskirche und im Hospitalhof den Geburtstag der Kirche Jesu Christi.


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