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„Lasst Euch versöhnen mit Gott!“

Interview mit Prälat i. R. Paul Dieterich über Margarete Schneider, die Frau des „Predigers von Buchenwald“

Als „Prediger von Buchenwald“ ist Paul Schneider in die Geschichte eingegangen. Der Pfarrer gehörte der Bekennenden Kirche an. Vor 80 Jahren, am 18. Juli 1939, wurde er im KZ Buchenwald ermordet. Doch wie erging es seiner Frau Margarete? Wie ging sie mit dem Widerstand ihres Mannes und seinem Vermächtnis um? Der ehemalige Heilbronner Prälat Paul Dieterich hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben.

Margarete Schneider, Ehefrau des „Predigers von Buchenwald“ Paul SchneiderBuchcover SCM Häussler

Herr Dieterich, Sie haben eine Biographie über Margarete Schneider, die Frau des „Predigers von Buchenwald“, geschrieben. Warum?

Mir ist in den vergangenen Jahren aufgefallen, dass Menschen wie ich, die in der Kirche tätig sind und waren, eine sehr maskuline Kirchengeschichte schreiben. Frauen werden gerne verschwiegen. Ich hatte da etwas gut zu machen. Margarete Schneider war eine sehr tapfere Frau. Sie hat mich bei meinen Besuchen oft beeindruckt. Und gerade die Frauen haben im Dritten Reich wahnsinnig viel durchgemacht. Da ist es ungerecht, wenn wir dauernd nur über die Männer schreiben.

Sie sind Margarete Schneiders Neffe. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an Ihre Tante?

In meiner frühen Kindheit war sie mir zu temperamentvoll. Wenn sie da war, dann war was los. Ich bin dann gerne in den Garten geflohen. Später habe ich sie dann als eine Frau kennengelernt, die unglaublich mutig und tapfer und auch freiheitlich war. Mich hat sehr beeindruckt, wie sie den Unfalltod zweier ihrer Söhne verarbeitet hat. Sie war eine warme, offene und gute Person. Ich hatte guten Kontakt mit ihr, auch weil ich ihr Buch über ihren Mann Paul Schneider „Der Prediger von Buchenwald“ neu herausgegeben habe. Als sie dann 2002 mit 99 Jahren gestorben ist, habe ich sie beerdigt.

Die Lebensgeschichte von Paul und Margarete Schneider hat sie also Zeit ihres Lebens begleitet.

Ja. Meine Eltern haben mich nach Paul Schneider benannt. Ich bin 1941 geboren, also zwei Jahre nach seinem Tod in Buchenwald. Die Namenswahl war zur damaligen Zeit ein Bekenntnis. Das hat mich schon als junger Mensch sehr beschäftigt. Noch heute hängt über meinem Schreibtisch ein Bild von Paul Schneider.

Prälat i. R. Paul Dieterich hat die Lebensgeschichte seiner Tante Margarethe Schneider aufgeschrieben.Eidenmüller

Margarete Schneider ist in einem württembergischen Pfarrershaushalt groß geworden. Wie hat sie das geprägt?

Mein Großvater, Gretels Vater, war ein typischer schwäbischer Pfarrer und ein Kind seiner Zeit. Er sah einerseits die Kirche kritisch, die es mit den reichen und mächtigen Leuten hält. Andererseits war er Militarist, vaterländisch und gegen die Juden eingestellt. Margarete kam also aus einem Pfarrhaus, das gute und weniger gute württembergische Traditionen in sich vereinte.

Paul und Margarete Schneider haben sich ja dann schon sehr früh der Bekennenden Kirche angeschlossen.

Beide haben sehr schnell erkannt, dass das Dritte Reich doch ganz stark gegen das vorgeht, was Jesus gelehrt hat. Paul Schneider wurde in der Folge ein extremer Vertreter der Bekennenden Kirche. Er war der Meinung, dass alles getan werden muss, damit der Staat nicht in die Kirche eingreift. Aufgrund seines Widerstands wurde er dreimal in Schutzhaft genommen und dann schließlich aus dem Rheinland und seiner Kirchengemeinde in Dickenschied ausgewiesen. Dem hat er sich widersetzt. Gretel hat ihn unterstützt. Sie sagte mal zu mir: „Ich wollte, dass mein Mann seinem Gewissen folgt. Ich wollte nicht, dass er mit einem ausgerenkten Rückgrat durchs Leben geht.“ Sie erzählte, dass er unausstehlich war, wenn er gegen sein Gewissen handeln musste. Und das wollte sie ihm und sich ersparen.

„Ich wollte, dass mein Mann seinem Gewissen folgt. Ich wollte nicht, dass er mit einem ausgerenkten Rückgrat durchs Leben geht.“

Margarete Schneider

Fühlte sich Margarete nicht manchmal von ihrem Mann im Stich gelassen? Immerhin gefährdete er nicht nur sich selbst, sondern auch sie und ihre sechs Kinder.

Dieses Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, hat Gretel bekämpft. Sie hat die Enttäuschung, dass er den Widerstand über die Familie gestellt hat, nie zugelassen. Sie hatte es generell nicht leicht. Denn auch in der Familie gab es Leute, die den Widerstand Pauls nicht verstanden haben. Bis zu ihrem Lebensende hat sie die Haltung ihres Mannes mit Entschiedenheit vertreten. Auch gegenüber ihren eigenen Kindern, die ja ohne Vater aufwachsen mussten.

Am 18. Juli 1939 erfuhr Margarete Schneider dann vom Tod ihres Mannes im KZ Buchenwald. Wie sehr hat das Leben ihres Mannes, seine Rolle zur Zeit des Nationalsozialsozialismus und sein Märtyrer-Tod im KZ ihr weiteres Leben geprägt?

Margarete Schneider war ein sehr konsequenter Mensch. Die „Wahrheit“ war für sie ungeheuer wichtig. Wenn ich mal eine kleine Legende in eine Erzählung eingeflochten habe, dann hat Gretel immer gesagt: „Wahrheit, bleib bei der Wahrheit!“. Dem gewissen Paul Schneider-Kult, der „Heiligengeschichte“, stand sie deshalb sehr kritisch gegenüber. So hat sie ihn nie gesehen. Sie wollte bei der Wahrheit bleiben. Das war auch Pauls Haltung. Von den vielen Kompromissen, die die württembergische Landeskirche mit dem Nazi-Regime eingegangen war, fühlten sich Paul und Margarete Schneider jedenfalls wie hintergangen. Die württembergische intakte Kirchlichkeit hat nicht verstanden, dass ein Pfarrer ins KZ kommen und dort umgebracht werden kann. Sie war angepasst und sehr kompromissbereit, weil man die Kirche beieinander halten wollte.


Paul Dieterich, geboren 1941, ist der Neffe von Margarete und Paul Schneider. Der Theologe war viele Jahre Dekan in Schwäbisch Hall, danach von 1999 bis 2006 bis zu seiner Pensionierung Prälat in Heilbronn. Heute lebt Paul Dieterich mit seiner Frau in Weilheim a. d. Teck und arbeitet als Autor von Biographien.


Margarete Schneider setzte sich Zeit ihres Lebens für Versöhnung ein. Woher nahm sie die Kraft gerade nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes?

Gretel sagte immer: „Wir sind alle Menschen, die von der Gnade leben.“ Sie hat Versöhnung sehr ernst genommen und auch das Gespräch mit Martin Sommer gesucht, dem brutalen Massenmörder, der wohl auch ihren Mann in Buchenwald auf dem Gewissen hatte (Anm. d. Red.: Martin Sommer war als „Henker von Buchenwald“ berüchtigt). Sie wollte auch mit ihm Frieden schließen, auch wenn der sich dem verweigerte. Gretel hat Versöhnung als die Hauptaufgabe im Leben eines Christenmenschen gesehen. Ihre Einstellung war, wenn man so will, in einer höheren Weise naiv.

Wenn Sie das Leben Ihrer Tante mit einem Bibelspruch überschreiben müssten, welcher wäre das?

In der Zelle von Paul Schneider im KZ Buchenwald gibt es eine Holztafel, auf der steht: „Lasst Euch versöhnen mit Gott!“ (2.Korinther 5,20). Das ist das richtige Wort für die Gretel.

Das Interview führte Ute Dilg


SCM Hänssler

Paul Dieterich:
Margarete Schneider. Die Frau des Predigers von Buchenwald.
SCM Hänssler. Holzgerlingen 2019.
544 Seiten.

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