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Waldheim gehört einfach dazu

30 Jahre Gruppenleiter und immer noch nicht genug

Stuttgart. Ohne Ehrenamtliche wie Markus Stengle wäre es um die Waldheime nicht gut bestellt. Seit 30 Jahren engagiert sich der 44-Jährige als Gruppenleiter im evangelischen Waldheim Lindentäle. Jetzt hat er für sein Engagement das goldene Kronenkreuz der Diakonie erhalten.

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Markus Stängle (rechts) engagiert sich seit 30 Jahren ehrenamtlich als Gruppenleiter im evangelischen Waldheim Lindentäle in Stuttgart-Feuerbach. Sohn Leo tritt in diesem Jahr erstmals in seine Fußstapfen. © EMH/Dilg

Wie ein etwas zu groß geratener Ohrring baumelt die Memory-Karte an Leos Ohr. Sie ist Teil des Geländememory-Spiels im evangelischen Waldheim Lindentäle in Stuttgart. Die eine Hälfte der Memory-Kärtchen hängen auf dem ganzen Gelände verstreut – an Bäumen und Büschen, am Klettergerüst oder eben an Betreuern wie dem 15-jährige Leo. Die Kinder bekommen die Karten-Pendants und die Aufgabe, im Laufe des Vormittags alle Pärchen zusammenzuführen.

Aus dem Büro in den Wald

Die Idee für das Spiel hatte Leos Vater, Markus Stengle. Der 44-Jährige ist seit 30 Jahren begeisterter Gruppenleiter und hat sich in der Betreuerrunde schon einige Gelände- und Bewegungsspiele ausgedacht. Stengle, so nennen ihn alle im Lindentäle, arbeitet eigentlich im Vertriebsinnendienst eines Chemieunternehmens. Ein klassischer Bürojob. Waldheim ist für ihn Erholung. „Ich sitze genug rum“, sagt er und lässt seinen Blick über das weitläufige Gelände im Weilimdorfer Lindenbachtal schweifen.

Einige Kinder wischen gerade die Bierbänke vor den großen Zelten ab, auf denen noch die Frühstücksmarmelade klebt. Andere rennen bereits mit einem Ball über die Wiese oder hängen am Kletterfelsen. Eine Gruppe größerer Kinder, alle mit Helmen auf dem Kopf, stellt sich mit den Fahrrädern auf. Für sie steht ein Ausflug ins Freibad auf dem Programm.

Es gibt Momente hier, von denen zehre ich das ganze Jahr

Markus Stengle

Entspannung pur

Jedes Jahr nimmt Stengle in den ersten beiden Sommerferienwochen Urlaub, um genau das zu erleben: Kinderlachen, Spiel und Spaß in der Natur und auch mal ein Schlammbad, wenn es am Tag vorher stark geregnet hat. Für ihn ist das Entspannung pur. „Ich bin schnell hier, muss nirgends anstehen, bekomme jeden Tag Essen vom Feinsten“, zählt Stengle die Vorzüge seines „Waldheimurlaubs“ auf. Außerdem sei der Zusammenhalt im Mittarbeiterteam „bombig“.

Viele sind wie Stengle schon viele Jahre dabei. Man trifft sich auch außerhalb der „Saison“ regelmäßig, um neue Spiele auszuprobieren, die Hecken zu schneiden, den Waldheimstand am Feuerbacher Weihnachtsmarkt vorzubereiten oder einfach nur den Grill anzuwerfen und ein Bier zu trinken.

Stengle ist einer von 100 ehrenamtlichen Gruppenleiterinnen und -leitern, die sich in vier Waldheimwochen um 400 Kinder im Alter von fünf bis 15 Jahren kümmern. Dazu kommen knapp 30 Küchenhelferinnen, die jeden Tag für vier Mahlzeiten sorgen. Am besten besucht sind die Wochen eins und zwei mit 290 Buben und Mädchen.

Neue Spiele erfinden

Was machen die Kinder besonders gern? „Ganz eindeutig Schaukelball spielen“, sagt Stengle und lacht. Das populärste Waldheimspiel war eine Zufallserfindung vor etwa 20 Jahren. Ein Fußball war in die Mitte der Sechseck-Schaukel gerollt. Ein Betreuer, der auf einem der sechs Autoreifen saß, kickte ihn aus der Runde.

Der Fußball ist mittlerweile durch einen großen Gymnastikball ersetzt worden, mit dem sich die Kinder – nach bestimmten Regeln, versteht sich – gegenseitig abschießen. Bei heißem Wetter sind Wasserschlachten oder die Seifenrutsche ein beliebter Zeitvertreib, eine Plastikplane, die mit viel Seifenlauge zur Rutschbahn gemacht wird.

Kostbare Momente mit den Kindern

Mit 30 Jahren Betreuererfahrung ist Stengle einer der Dienstältesten im Lindentäle. Für sein ehrenamtliches Engagement hat er in diesem Jahr das goldene Kronenkreuz der Diakonie verliehen bekommen. Eine Ehrung, die ihn stolz macht. Eine größere Motivation, auch nach so langer Zeit weiter im Waldheim mitzuarbeiten, sind jedoch die schönen Erlebnisse mit den Kindern. „Es gibt Momente, von denen zehre ich das ganze Jahr“, sagt Stengle.

Etwa wenn am Übernachtungstag in den späten Abendstunden hundert Kinder und fünfzig Betreuer mucksmäuschenstill am Lagerfeuer sitzen und einer Geschichte lauschen. „Das war einfach gigantisch.“ Oder die Erinnerung an den Marmeladenkochtag, als Stengle mit seiner Gruppe selbst gepflückte Mirabellen zu leckerer Konfitüre verarbeitete, die dann alle genüsslich zum Frühstück verspeisten.

Waldheim ist Familiensache

Das Waldheim-Virus hat auch Stengles Sohn Leo fest im Griff. Seit er fünf Jahre alt ist, kommt er gemeinsam mit dem Papa ins Lindentäle. Mittlerweile auch als Betreuer. Ob er nicht langsam genug hat vom Waldheim? Leo lacht. „Nein“, sagt er. „Waldheim gehört zu meinem Leben dazu. Und vielleicht hole ich ja meinen Vater noch ein.“

Ute Dilg


Die ersten evangelischen Waldheimferien fanden im Jahr 1921 im Feuerbacher Tal in Stuttgart statt. Der damalige Stuttgarter Jugendpfarrer Wüterich sah darin die Chance, Kindern ein Stück christlicher Lebensgemeinschaft zu ermöglichen.
Derzeit gehören 52 Ferienwaldheime zur der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Ferien- und Waldheime in Württemberg. Dort werden jährlich etwa 18.500 Kindern von 3.600 ehrenamtlichen Gruppenleiterinnen und –leitern betreut, darunter etwa 1.000 Kinder aus Flüchtlingsunterkünften und 170 Kinder mit Assistenzbedarf. Geleitet werden die Waldheime von rund 270 Leitungsteamern. Dazu kommen etwa 400 ehrenamtliche Küchenhelfern in Vollzeit und weiter 400 in Teilzeit.