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Da gibt es ordentlich Krach

Wenn kirchliche Seelsorge auf Heavy-Metal-Musik trifft

Tübingen. Die Kirche und die Heavy-Metal-Szene könnten auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein. Aber ist das wirklich so? Achim Schmidt hat sich mit Joachim Fritz, einem Seelsorger auf einem der größten Metal-Festivals Deutschlands unterhalten und erfahren, warum Seelsorge dort trotzdem funktioniert.

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Laute Musik und 60.000 Menschen. So in etwa sieht das Arbeitsumfeld von Joachim Fritz aus. © Activedia / pixabay.com

Ein riesiges Areal, bebende Drums, dröhnende E-Gitarren-Sounds und 60.000 Menschen: Wenn Joachim Fritz zur Arbeit geht, dann kann man wahrlich nicht von einer „normalen“ Umgebung sprechen. Der 25-Jährige ist seit 2015 jedes Jahr als ehrenamtlicher Seelsorger auf dem Summer-Breeze-Festival in Dinkelsbühl tätig - einem der größten Metal-Festivals in Deutschland.

Wie es dazu kam

Nach der Aufnahme seines Theologie-Studiums in Neuendettelsau hat das Dekanat im bayrischen Dinkelsbühl das Projekt Seelsorge im Jahr 2015 ins Leben gerufen. Fritz entschied sich damals mit zwei seiner Freunde spontan daran teilzunehmen, ohne dass er wusste, worauf er sich einlässt. „Ich war einfach neugierig und wollte wissen, wie es ist, auf so einem großen Festival zu arbeiten. Besonders weil die Metalheads nicht gerade dafür bekannt sind, mit Kirche in Verbindung zu stehen. Das hat mich schon sehr gereizt.“ Und das, obwohl er selbst, wie er sagt, „nur ab und an“ Metal-Musik höre.

Das Projekt sei anfangs ziemlich improvisiert gewesen, und es habe circa zwei Jahre gedauert, bis sich das gegenseitige Vertrauen aufgebaut hat und das reaktive Angebot von den Metal-Fans auch angenommen wurde. Mittlerweile bestehe das gesamte Team der Seelsorge aus 30 bis 40 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Etwa zehn von ihnen seien Theologen.

Das Besondere: Das Angebot der evangelischen Kirche ist neben einem Projekt beim Wacken-Festival in Schleswig-Holstein und einem ähnlichen Projekt auf dem Open-Beatz-Festival in Herzogenaurach in dieser Form in Deutschland einmalig. 
 

Was macht den Job aus?

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Joachim Fritz (25) studiert Theologie in Tübingen und ist ehrenamtlicher Seelsorger auf dem Summer-Breeze-Festival. © Eigenes Foto

Für Joachim Fritz ist die Antwort, von dem offensichtlich einzigartigen Arbeitsumfeld abgesehen, eindeutig: „Für mich ist das Besondere daran, mit einer Gruppe von Menschen in Kontakt zu treten, mit der wir als Kirche relativ wenig zu tun haben.“ Außerdem sei es die Themenvielfalt, die ihn als Theologie-Studenten immer wieder beeindrucke. Diese reiche von Smalltalk über das Bierbrauen bis hin zu unglaublich tiefen Gesprächen über Kindheits- und Beziehungsprobleme oder Zukunftsängste.

„Eines der heftigsten  Gespräche hatte ich mit einem Polizisten, der mir erzählt hat, dass er zwei Wochen zuvor jemanden im Dienst erschießen musste. Das ging mir unglaublich nah, und trotzdem war es eine besondere Situation, weil man in solch einer Umgebung nicht unbedingt erwartet, dass sich jemand so sehr öffnet.“ Auf dem letzten Summer-Breeze-Festival hätten nach eigenen Angaben circa 1.200 Menschen das Angebot der Seelsorge innerhalb von 5 Tagen wahrgenommen.

Der Austausch ist eine Bereicherung

Das allein sei schon etwas ganz Besonderes, sagt er. „Ich bin jedes Mal wieder erstaunt darüber, wie gut und gerne unser Angebot von diesem eher kirchenkritischen Umfeld angenommen wird. Das finde ich, gerade als Theologie-Student, natürlich sehr bereichernd und wertvoll.“

Die Schwierigkeiten des Jobs

Laut dem angehenden Theologen drehen sich viele Gespräche selbstverständlich auch darum, warum er überhaupt in der Kirche tätig sei, wie man heute noch Glauben könne und ob Kirche nicht völliger Quatsch sei. „Dadurch dass die Menschen so kritisch sind, besteht die Schwierigkeit darin, auf solche Fragen nicht mit Floskeln zu antworten, sondern verständlich und nachvollziehbar zu erklären, was mir diese Arbeit und mein Studium bedeutet und welchen Nutzen sie hat. Dabei braucht man viel Einfühlungsvermögen und muss auch im Hinterkopf haben, dass sich die Kirche gegenüber der Metal-Szene - allein aus historischer Sicht - nicht immer vorbildlich verhalten hat.“

Fritz erinnert sich beispielsweise an ein weiteres Gespräch mit einem Metalhead, der ihm erzählte, dass ihm von einem Pfarrer nahegelegt wurde, das nächste Mal nicht mit einem schwarzen Ledermantel in die Kirche zu kommen, weil dies nicht angebracht sei. Umgekehrt habe die Metal-Szene mit ihrer provokanten Musik auch selbst dafür gesorgt, dass ihr die Kirche eine Zeit lang mit großer Verunsicherung entgegengetreten sei. So heißt es beispielsweise im Song „Gott ist ein Hund“ der Band Behemoth: „Aber die Höchsten sind von uns. Elohim! Ich werde nicht vergeben! Adonai! Ich werde nicht vergeben! Lebender Gott! Ich werde nicht vergeben! Jesus Christus! Ich vergebe dir nicht!“

Gleichzeitig nehme die Gruppe in dem dazugehörigen Musikvideo auf viele Renaissance-Kunstwerke Bezug. So zum Beispiel auf den berühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert. Das spiegele eine religiöse Rezeption auf sehr hohem Niveau wieder, so Fritz weiter. „Meine Arbeit beruht also oft darauf, Verständnis zu zeigen, zuzuhören und zwischen beiden Bewegungen zu vermitteln.“ Nach solch einem Arbeitstag sei es nicht selten der Fall, dass sich der Festival-Seelsorger erschöpft fühle. „Über manche Gespräche denke ich natürlich noch lange nach. Das geht manchmal auch sehr an die Substanz.“

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Referenz auf den Isenheimer Altar im Musikvideo des Songs „God=Dog“ © Screenshot aus „God=Dog“ der Gruppe Behemoth

Sind sich die Kirche und Heavy-Metal wirklich so fremd?

Für den Festival-Seelsorger ist die Metal-Musik und deren Inhalte nur die eine Seite der Medaille. Man dürfe schließlich nicht vergessen, dass bei dieser Musik auch eine gute Portion Show mit dabei ist. Auf der anderen Seite stehe der Mensch. Hier zeige sich besonders, dass Leute nicht aufgrund ihrer Neigungen beziehungsweise ihres Musikgeschmacks verurteilt werden dürften. Der Grund: Blicke man hinter die Fassade, erkenne man schnell, dass die Metal-Szene und die Kirche oft gar nicht so weit voneinander entfernt seien, im Gegenteil: „Ganz viele der Metalheads sind in sozialen Berufen unterwegs. Der stereotype Metalhead ist eigentlich Krankenpfleger oder Erzieher. Und auch die Szene selbst ist stark von einem friedlichen Miteinander geprägt. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man also viele christliche Werte, die hier gelebt werden. “

Was Kirche in der Praxis tut

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Momentaufnahme von einem Metal-Konzert © Pexels / Pixabay.com

Und die Kirche selbst habe mittlerweile auch verstanden, dass man zwischen den musikalischen Inhalten und den Menschen die dahinter stehen beziehungsweise der Metal-Szene angehören unterscheiden müsse. „Sonst wären wir ja nicht auf einem Festival, auf dem teilweise auch antichristliche Lieder zelebriert werden. Außerdem ist es für mich der praktische Beweis dafür, was Kirche machen kann und bereits tut.“ Trotz vierjähriger Tätigkeit - manchmal erscheint es Fritz trotzdem noch ein wenig paradox, aber gleichzeitig ist es nach eigener Aussage auch das Faszinierende und das, was für ihn den Reiz an diesem besonderen Job als Festival-Seelsorger ausmacht.