Sommertagung der Landessynode beendet

Evangelische berieten drei Tage über Etat, Seenotrettung, Mitgliederentwicklung und Kirchenrecht

Stuttgart. Am Samstag ist die Sommertagung der Württembergischen Evangelischen Landessynode zu Ende gegangen. In den vergangenen drei Tagen haben sich die Mitglieder des Kirchenparlaments mit aktuellen Diskussionen zu Seenotrettung oder der Kassenzulassung eines nichtinvasiven Pränataltests sowie den Themen Ehrenamt und Projektionen künftiger Mitgliederentwicklungen beschäftigt, einen weiteren Nachtragshaushalt 2019 sowie zahlreiche Kirchengesetze beschlossen. Zum Auftakt des zweiten Sitzungstages am Freitag stand in einer Andacht das Gedenken an das Leid und die Vergebungsbitte an homosexuelle Menschen im Zentrum.

Aktuelle Stunde zur Seenotrettung

In einer Aktuellen Stunde hat sich die Landessynode am Freitag mit der Seenotrettung im Mittelmeer befasst. Markus Mörike kritisierte deren Kriminalisierung, damit werde eine „rote Linie überschritten“. Christen müssten „sagen, was nicht sein darf.“ Mörike und weitere Synodale forderten, die Kirche solle sich dafür einsetzen, dass Städte und Gemeinden der Initiative „Sicherer Hafen“ beitreten. „Mit jedem Menschen, der ertrinkt, stirbt ein Stück der Würde Europas“, sagte Professorin Dr. Martina Klärle. Die Seenotrettung müsse weiterhin eine staatliche Aufgabe bleiben, forderte sie. Elke Dangelmeier-Vincon forderte angesichts der Krise der Seenotrettung, Christen sollten jetzt ihre „Überzeugung in Handeln umsetzen“. Franziska Stocker-Schwarz sprach sich dafür aus, dass ein breites Bündnis aus Kirchen und Politik ein eigenes Lazarett-Schiff entsenden sollte, das Gerettete direkt nach Deutschland bringe. Auf das bereits bestehende Engagement der evangelischen Kirchen Italiens auf Lampedusa wies Ulrich Hirsch hin. „Die Kriminalisierung des Barmherzigen Samariters geht nicht“, sagte Hellger Koepf. Eva Glock forderte die Politik auf, den Menschen endlich Perspektiven vor Ort in Afrika zu bieten. Martin Allmendinger nannte die Seenotrettung eine „Christenpflicht“. Wer sich dafür ausspreche, müsse auch dafür sorgen, dass keine Waffen mehr in Krisengebiete geliefert würden, so der Synodale. „Europa funktioniert in Menschrechtsfragen nicht“, stellte Tabea Dölker fest und forderte, die Kirchen Europas sollten gemeinsam den „Blickwinkel des christlichen Menschenbilds“ stark machen. Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July verwies darauf, dass sich die Landeskirche bereits für die Rettung von Flüchtlingen und die Bekämpfung von Fluchtursachen einsetze, insbesondere durch ihre weltweiten ökumenischen Beziehungen. So unterstütze die Landeskirche nachhaltig die Arbeit und damit Projekte des Lutherischen Weltbundes.

 Nachtragshaushalt

Die Landessynode beschloss am Nachmittag einen zweiten Nachtragshaushalt 2019, der nach Angaben von Finanzdezernent Dr. Martin Kastrup 1,6 Millionen Euro für befristete Maßnahmen und 770.000 Euro an Dauerfinanzierungen umfasse. Finanziert werden damit unter anderem Tagungen kirchenleitender Gremien zum Thema „geistliches Leiten“, Umstrukturierung der landeskirchlichen Medienarbeit, ein „Kompetenzzentrum Digitales Lernen“, die Einführung eines digitalen Dokumentenmanagement-Systems beim Diakonischen Werk, die sowie örtliche Beauftragte für Datenschutz und IT-Sicherheit, die die Kirchengemeinden und –Bezirke unterstützen, außerdem die Aufstockung der Gelder für Missbrauchsopfer.

Weiter verständigten sich die Synodalen darauf, flächendeckend Ehrenamtskoordinatorinnen und –koordinatoren auszubilden und so eine ortsnahe Ehrenamtsförderstruktur aufzubauen. Dafür sollen in den folgenden fünf Jahren jeweils 200.000 Euro zur Verfügung gestellt werden.

Auch für die Entwicklung von Kursen zur Begleitung von Ehen sah die Synode Bedarf: Für die Entwicklung eines Kurs-Moduls sollen 20.000 Euro bereitgestellt werden. Zusätzlich sollen auf Ebene der Kirchenbezirke Angebote zur Unterstützung und Förderung von Ehen erarbeitet werden.

 Freiburger Projektion 2060

Als Gast der Synode stellte Fabian Peters vom Forschungszentrum „Generationenverträge“ der Albert-Ludwig-Universität Freiburg die „Projektion 2060“ vor, die allen evangelischen Landeskirchen sowie katholischen Diözesen hohe Mitgliederverluste in den kommenden rund 40 Jahren voraussagt. Die Mitgliederzahl der Evangelischen Landeskirche in Württemberg werde der Projektion zufolge von derzeit rund zwei Millionen Mitgliedern auf eine Million abnehmen. Doch dies, betonte Peters, sei keine in Stein gemeißelte Zahl: Zwar könne sich die Landeskirche nicht von der voraussichtlichen demographischen Entwicklung im Land abkoppeln. Durch eine gezielte und direktere Ansprache vor allem junger Erwachsener lasse sich die „nachlassende Kirchenverbundenheit“ der Bevölkerung aber zumindest teilweise kompensieren - und der Mitgliederschwund damit bremsen, betonte Peters. Er ist zugleich Synodaler der badischen Landessynode.

 Nichtinvasiver Pränataltest

Bereits zum Auftakt am Donnerstag hatte die Landessynode über die zur Entscheidung anstehende Kassenzulassung eines nichtinvasiven Pränataltests (NIPT) diskutiert. Oberkirchenrat Dieter Kaufmann forderte eine gründliche bundesweite Diskussion. Das Signal einer Kassenfinanzierung verstärke „das ohnehin in unserer Gesellschaft vorhandene Bild, dass ein Kind mit Down-Syndrom doch nicht mehr sein muss und die Schwangerschaft auf Probe zum sozialen Standard werden könnte.“ Anders als etwa die Evangelische Kirche in Deutschland sprach sich der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württembergs gegen den Test als Kassenleistung aus. Die Kassenfinanzierung transportiere eine Haltung, so Kaufmann weiter, die nicht mit der Forderung der UN-Behindertenkonvention zusammenpasse, nach der geeignete Maßnahmen zu ergreifen seien, um das Bewusstsein für Menschen mit Behinderung zu schärfen und Vorurteile oder schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderung zu bekämpfen. „Außerdem passt sie nicht zu unserem gesellschaftlichen Konsens der unverlierbaren Würde eines jeden Menschen." Diese Position werde auch von Behindertenverbänden vertreten.

 Die Synodale Margarete Mühlbauer erinnerte daran, dass „alte Menschen, kranke Menschen, behinderte Menschen“ ein Lebensrecht hätten. „Dafür, dass wir leben können, hat unsere Gesellschaft die Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Markus Mörike, Vorsitzender des Synodenausschusses für Diakonie, sagte: „In der Haltung gegenüber Menschen in besonderen Lebenslagen bekennen wir, ob wir sie als Ebenbild Gottes anerkennen und zwar unabhängig von der Ausprägung ihrer Potenziale und ihrer Leistungsfähigkeit. Diese großartige Zusage vom Ebenbild Gottes an uns alle sollten wir als Kirche und Diakonie mehr denn je vertreten und das Leben mit seiner Vielfalt gemeinsam feiern.“ Es gehe ganz praktisch darum, Menschen, die - meist unbewusst - ausgegrenzt würden, „wieder zurück an Bord zu holen.“

Bitte um Vergebung für Unrecht an Homosexuellen

Am Freitagmorgen hatte Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July im Rahmen einer Andacht um Vergebung gebeten für den kirchlichen Umgang mit Homosexuellen. Er schilderte Beispiele aus der langen Verfolgungsgeschichte Homosexueller und wies darauf hin, dass „in der Vergangenheit bis in die Gegenwart gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen Unrecht, Verachtung, Ausgrenzung und Leid widerfahren ist: in unserer Gesellschaft – und auch in unserer Kirche. Wir sind in unserer Synode und unserer Landeskirche – jenseits der verschiedenen theologischen Deutungen und persönlicher Überzeugungen – der festen Auffassung, dass es einen lieblosen Umgang, geschichtsvergessene Ausgrenzung oder polemische Verachtung von homosexuellen Menschen bei uns nicht geben soll. Für die vielen schmerzhaften Erfahrungen, die gleichgeschlechtlich empfindende Mitchristinnen und -christen und Mitmenschen in und durch unsere Kirche machen mussten, bitten wir um Entschuldigung vor Gott und den Menschen.“

July wies darauf hin, dass in vielen Ländern der Welt homosexuelle Menschen nach wie vor verfolgt, geächtet, mit dem Tode bedroht oder hingerichtet würden. In Deutschland gebe es heute weitgehend Gleichberechtigung und Freiheit – und doch lebten homosexuelle Menschen nicht ohne Angst, würden Opfer von Mobbing: „Wir als Christen in der Gemeinschaft der Kirchen – bei unterschiedlichen theologischen Haltungen unter uns – haben für Menschenrechte und Menschenwürde auch dieser Schwestern und Brüder einzutreten und sie öffentlich zu bezeugen.“ Das zeige schon der Satz aus dem Römerbrief, den der Landesbischof seiner Andacht zugrunde legte: „Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat“ (Römer 15,7).

 Nur wo Menschen sich wahrhaft bedingungslos geliebt fühlen, spüren sie etwas von der Liebe Gottes. Darum: Nehmt einander an – zur Ehre Gottes und wie es Jesus Christus entspricht“ (Römer 15,7). 

 Daraus leitete der Landesbischof ab: „Wir sprechen aus: Wir haben als Kirche im Schutz und Eintreten für gleichgeschlechtlich liebende Menschen in der Vergangenheit oftmals Diskriminierung und Verfolgung mit befördert. Wir wollen bei aller theologischen Unterschiedlichkeit den gleichgeschlechtlich orientierten Schwestern und Brüdern im alltäglichen Umgang in Gemeinde, Kirche und Gesellschaft kräftiger und ohne Bedingungen bezeugen: Du bist Gottes geliebtes Kind.“

Am Samstagmittag ist die Sommertagung mit der Verabschiedung einiger Kirchengesetze zu Ende gegangen, darunter ein Gesetz, das die Bezahlung von jungen Pfarrerinnen und Pfarrern verbessert.

Die 98 Landessynodalen kommen vom 16.-19. Oktober zur letzten Tagung dieser Legislaturperiode im Stuttgarter Hospitalhof zusammen. Am 1. Dezember sind alle Kirchenmitglieder in Württemberg ab 14 Jahre aufgerufen, ein neues Kirchenparlament zu wählen.

Oliver Hoesch

Sprecher der Landeskirche