| Digitalisierung

„Die Zukunft ist noch keine Gegenwart“

Gedanken zum Transhumanismus

In der Diskussion um Digitalisierung hat mit dem Bestseller ‚Homo Deus‘ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari der sogenannte „Transhumanismus“ eine verbreitete Stimme gefunden. Philipp Kohler von der landeskirchlichen Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen erklärt in unserem Blog, was hinter diesem Begriff steckt und wie Transhumanismus einzuschätzen ist.

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Eingriffe und Veränderungen an und in unserem Körper waren, sind und werden vermutlich immer Normalität menschlicher Existenz und Erfahrung sein. Während vor weniger als einem Jahrhundert noch niemand über Herzschrittmacher und Cochlea-Implantate (Hörprothese) nachdachte, gehören sie heutzutage zum medizinischen Standardrepertoire und werden in naher Zukunft womöglich durch Nanotechnologie abgelöst. So faszinierend die zukünftigen Möglichkeiten von Technologie und Wissenschaft für viele erscheint, so erschreckend sind diese auch zugleich für andere.

Die einen sehnen die Aktualisierung der Gegenwart durch die Zukunft herbei. Denn in dieser sehen sie ihre Träume, Visionen und Hoffnungen verwirklicht – von einer besseren und gerechteren Welt, von einer Kirche, die alle begeistert und von einem Menschen, der von Leid und Schmerz und Traurigkeit befreit ist. Die anderen fürchten eben diese Angleichung, weil für sie die Zukunft eine düstere Dystopie bereithält, in der Maschinen Menschen versklaven, selbstreplizierende Nanobots die Erde in ein schwarzes Meer verwandeln oder durch genetische Modifikationen Freiheit zu Konformität wird.

Auf dem Weg zum posthumanen Wesen?

Zu der Gruppe der Zukunftsoptimisten gehört neben anderen die transhumanistische Bewegung. Ein loser, unorganisierter Zusammenschluss von Menschen, die davon überzeugt sind: Technologischer und wissenschaftlicher Fortschritt kann unvorstellbare Entwicklungen bewirken. In der Digitalisierung der Arbeitsplätze und der alltäglichen Lebenswelt sehen sie erst den Anfang. Optimierung darf auch vor dem Mensch und seiner Natur nicht stoppen. Ihr Ziel ist ein neuer, besserer Mensch, der mit unglaublicher Intelligenz, emotionaler Reife, Kreativität und absolut gerechter moralischer Urteilsfähigkeit ausgestattet ist. Denn nur wenn der Mensch besser werde, und dieses Potential ist in ihm prinzipiell angelegt, dann könne auch die Welt verbessert werden. Transhumanisten glauben also an die Transformation der menschlichen Natur hauptsächlich mit Hilfe von Technologie und Wissenschaft; eine Transformation, die mehr als nur einen neuen Menschen hervorbringe. Vielmehr entstehe sukzessive eine neue Spezies, posthumane Wesen, die die Kategorie Mensch transzendieren, indem sie z.B. Krankheit, Altern und vielleicht sogar den Tod überwinden. Der alte, zerbrechliche Mensch wäre dann nicht mehr als eine blasse Erinnerung. Der homo sapiens nur noch ein evolutionäres Fossil, über dessen Konstitution und Geschichte sich posthumane Archäologen und Historiker streiten.

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Die transhumane Natur als Übergang zwischen Altem und Neuem

Eine solche Transformation geschieht jedoch nicht plötzlich, sondern unterliegt Transitionen. Transhumanisten sind überzeugt: Durch sukzessive Veränderung der aktualen menschlichen Natur kann diese in einen posthumanen Zustand überführt werden. Solange diese Übergänge aber anhalten – und es ist fraglich, ob diese jemals vollständig gelingen können –, ist die Natur des Menschen weder posthuman noch human, sie ist transhuman. Die menschliche Natur, so die Vorstellung, geht über die des alten, bruchstückhaften Menschen hinaus, bleibt aber in ihrer Vollendung noch unerreicht. Das transhumane Wesen ist also beides, aber damit nicht Eines ganz. Doch wie soll ein solcher Zustand überhaupt erreicht werden? Und ab wann genau ist die menschliche Natur zu einer transhumanen oder sogar posthumanen geworden?

Technologische Revolution: zwischen Wirklichkeit und Utopie

Die Entwicklung zu einem trans- bzw. posthumanen Wesen führt nach Ansicht der meisten Transhumanisten nicht über einen natürlichen Weg (nat. Selektion) oder über Bildung und Pädagogik (human. Programme), sondern wird hauptsächlich durch den radikalen Einsatz von Technologie und Wissenschaft vorangetrieben. Diese gelten als neues Wundermittel, die Menschheit in ein goldenes Zeitalter zu führen. Zentrale Forschungsthemen sind u.a. molekulare Nanotechnologie, Kryonik, Künstliche Intelligenz, Uploading, (technologische) Singularität und Human Enhancement Technologien, sprich die mentale und physische Leistungssteigerung und Optimierung durch Substanzen, genetische und maschinelle Modifikationen, operative Eingriffe, uvm.

Die Forschungen sind dabei zum ersten von visionär-utopischen Vorstellungen geprägt. In das Reich der Spekulation gehört z.B., dass in naher Zukunft sich selbst replizierende Nanobots autonom den menschlichen Körper entgiften, kaputte Zellen und Muskeln reparieren und Aufgaben übernehmen, die den Körper von Zerfall und Degenerierung schützen und damit letztlich Altern und Tod überwinden. Genauso die Vorstellung von Mensch-Maschinen-Schnittstellen, die es ermöglichen sollen, das Bewusstsein aus der fleischlichen Hülle zu extrahieren und in ein artifizielles Medium zu implementieren. Und wohl auch der Glaube an eine technologische Singularität kann dazugerechnet werden: Mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Maschinen erreichen einen Zustand, in dem sie sich selbstständig so schnell verbessern (und die menschlichen Fähig- und Fertigkeiten weit überschreiten), dass keine Vorhersage über die Zukunft (der Menschheit) mehr gemacht werden kann.

Zum zweiten gibt es Forschungen, die gerade im Entstehen sind und deren Verwirklichung wahrscheinlich ist. Dazu gehören Neurotechnologien, beispielsweise neuronale Implantate, die als biomedizinische Prothese Funktionen von ausgefallen Hirnregionen (nach einem Herzinfarkt o.ä.) übernehmen, oder genetische Modifikationen, die es ermöglichen bestimmte Krankheiten präventiv zu behandeln und/oder deren Ausbruch zu verhindern. Und zum dritten gibt es zahlreiche Technologien, die bereits seit vielen Jahren eingesetzt werden. Bekannte Beispiele sind dafür Herzschrittmacher und Cochlea-Implantate, Doping im Sport oder für den Alltag, Prothesen, maschinelle Erzeugnisse (Smartphones, Implantate), uvm.

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Nicht jeder, der einen Herzschrittmacher oder ein Tattoo hat muss notwendigerweise auch ein Transhumanist sein. © Canva.com

Optimierung als ganzheitliches Programm

Die Veränderung und Verbesserung des Menschen geht für die meisten Transhumanisten aber über Leistungssteigerung hinaus. Sie sehen darin ein umfassendes Unterfangen, das auch ästhetische, ethische und erfahrungsbezogene Konsequenzen mit sich bringt. Ein besserer Mensch zu sein, heißt eben nicht nur, zu mehr befähigt zu sein und damit auch mehr leisten und bewirken zu können, sondern auch in schwierigen Situationen moralisch besser zu urteilen und zu handeln, seinen Körper ästhetisch „aufzuwerten“, sei es durch das Tragen von Ohrringen, Piercings und Tattoos oder sei es durch schönheitschirurgische Eingriffe. Mit der Implementation von Magneten in den Fingerkuppen könne zudem z.B. neue Wahrnehmungs- und Empfindungserfahrungen geschaffen werden.

Der Transhumanismus als Weltanschauung?

Unweigerlich kommt die Frage auf: Hat dann bereits jemand mit einem Herzschrittmacher oder Tattoo eine transhumane Natur? Auf einer begrifflichen Ebene lässt sich das wohl kaum verneinen. Doch lässt sich dafür argumentieren, dass der graduelle Unterschied zwischen der humanen und der transhumanen Natur so gering ist, dass er letztlich marginal bleibt. Ein wesentlich größerer Unterschied besteht aber z.B. gegenüber Cyborgs, also Menschen, die ihren Körper technisch-maschinell modifiziert haben. Zudem scheint mir die Frage nur sekundäre Relevanz zu besitzen. Jemandem, der Tattoos toll findet oder dem der Herzschrittmacher das Leben gerettet hat, ist es in den meisten Fällen völlig egal, was für eine Natur er hat. Vielmehr freut er sich über die neu hinzu bzw. wieder zurück gewonnene Lebensqualität. Die interessantere Frage ist m.E.: Wurde die Entscheidung für oder gegen einen Eingriff, eine Veränderung des aktualen Zustands, aus weltanschaulichen Überzeugungen heraus getroffen oder nicht? Wurde aufgrund einer transhumanistische Idee oder vielleicht rein aus pragmatischen Gründen gehandelt?

Nicht jeder, der einen Herzschrittmacher oder ein Tattoo hat – und meinetwegen deswegen auch eine transhumane Natur besitzt –, muss notwendigerweise auch ein Transhumanist sein. Ein Transhumanist ist er dann, wenn er auch die oben bereits skizzierten weltanschaulichen Überzeugungen teilt: (1) Anthropologisch wird zwar die Unvollkommenheit des Menschen herausgestellt, gleichzeitig aber auch sein Entwicklungspotential zu einem besseren, vollkommenen Wesen betont. (2) Handlungstheoretisch wird die Entfaltung dieses Entwicklungspotentials mittels Technologie und Wissenschaft angestrebt und (3) wird der (radikale) Eingriff bzw. die Veränderung der menschlichen Natur moralisch als geboten/gerechtfertigt verstanden.

Diese Überzeugungen alleine reichen allerdings nicht aus, um eine umfassende Weltanschauung, Ideologie oder Religion zu bilden, die Mensch und Welt (nahezu) vollständig erklärt. Vielmehr werden diese mit bereits vorhandenen Weltdeutungen verbunden und dadurch kommt es zu zahlreichen, z.T. sehr unterschiedlichen transhumanistischen Ausprägungen und Formen. Weltanschaulich betrachtet haben die meisten Transhumanisten ein naturalistisches bzw. evolutionär humanistisches Menschen- und Weltbild und verstehen sich als religiös indifferent bzw. atheistisch. Allerdings gibt es auch eine steigende Zahl an religiösen Transhumanisten. Diese sehen den Transhumanismus selbst als Religion an oder verbinden diesen mit einer bereits existierenden, wie z.B. dem Christentum, indem der Wandel des Menschen vom „alten Selbst“ zum „neuen Selbst“ mit der transhumanistischen Transformation gleichgesetzt wird. Zudem gibt es auch eine beachtliche Zahl an mormonischen und spirituellen Transhumanisten.

Aus christlicher Sicht ist zudem sicherlich auch zu betonen, dass das Leben von Gott gegeben und auch wieder von ihm genommen wird. Nicht der Mensch, sondern Gott ist der Souverän über Werden und Vergehen.

Philipp Kohler

Kritische Anfragen und abschließende Bemerkungen

Theologische Konsequenzen, Herausforderungen und Fragen können hier nur noch angedeutet werden. Die Unvereinbarkeit des Transhumanismus mit dem christlichen Glauben entsteht in erster Linie nicht im Widerspruch zu einer transhumanistischen Idee, denn diese scheint durchaus (in bestimmten Ausprägungen) Kompatibilität zu besitzen: Der Gedanke einer Transformation der menschlichen Natur z.B. scheint auch einer der Leitgedanken christlicher Theologie zu sein. Die Unvereinbarkeit resultiert meist aus den konkreten Verwirklichungen der transhumanistischen Idee in Verbindung mit einer bereits vorherrschenden Weltanschauung, Ideologie oder Religion. Wird die transhumanistische Idee z.B. in ein naturalistisches Welt- und Menschenverständnis eingebaut, kommt es zwangsläufig zu Konflikten mit dem christlichen Welt- und Menschenbild.

Aus christlicher Sicht ist zudem sicherlich auch zu betonen, dass das Leben von Gott gegeben und auch wieder von ihm genommen wird. Nicht der Mensch, sondern Gott ist der Souverän über Werden und Vergehen und zwangsläufig stößt der Mensch hier auf Grenzen, z.B. in seiner (biologischen) Mortalität, die er (aller Wahrscheinlichkeit nach) nicht überwinden kann. Und selbst wenn der Traum einer (biologischen) Unsterblichkeit Realität werden sollte, steht am Ende der Zeit auch für den perfektionierten Menschen der Tod – wenn z.B. das Universum implodiert. Dieser war und ist und wird wohl immer unausweichlich bleiben. Eine Verlängerung der Gesundheitsspanne oder einer Verbesserung (weniger wohl eine Perfektionierung) der mentalen und körperlichen Funktionalität kann hingegen durchaus als Teil eines (von Gott gewollten) Schöpfungsprozesses interpretiert werden.

Mit neuer Technologie entstehen auch neue ethische Fragen: Ist die Technologie z.B. nur für eine bestimmte Gesellschaftsschicht, den Reichen und Mächtigen, vorbehalten? Was passiert mit den Menschen, die sich dieser Veränderung verschließen – können diese am gesellschaftlichen Leben überhaupt noch teilnehmen? Wer ist verantwortlich, wenn es bei (technischen) Modifikationen zu (verletzender oder tödlicher) Fehlfunktionalität kommt – der Anwender, die Firma oder einer der zahlreichen Ingenieure? Diese Fragen gilt es zu stellen und Antworten aus christlicher Sicht zu finden.

So verlockend auch transhumanistische Visionen und Utopien sein können, darf gleichzeitig auch nicht deren destruktives Potential übersehen werden. Wo es radikale Verbesserungen eines Zustandes geben kann, besteht immer auch die Möglichkeit, dass dieser sich radikal verschlechtert. Ob das nun die Herrschaft der Maschinen ist, die Überschwemmung der Erde mit sich selbstreplizierenden Nanobots oder dass genetische Modifikationen eine tödliche Krankheit nicht eliminieren, sondern implementieren, sei dahingestellt. Diese Möglichkeiten dürfen allerdings nicht übersehen und müssen gewissenhaft abgewogen werden.

Zu guter Letzt handelt es sich bei den transhumanistischen Ideen hauptsächlich um die Beschreibung von Möglichkeiten und nicht von Wirklichkeiten. Auch wenn diese realistisch sein können, sind sie derzeit eben noch nicht real. Die Zukunft ist noch keine Gegenwart. Veränderung kann jederzeit auch neue, unvorhersehbare Wege einschlagen. Und auch wenn wir als Kirche oder als Einzelperson die Welt nicht steuern können, so können und sollen wir sie doch beeinflussen. Die Alternative scheint mir also zu sein: Entweder wir legen unsere Hände in den Schoss und lassen andere bestimmen, wie die Zukunft aussehen soll oder wir packen an und gestalten an einer Zukunft mit, die auch zu unserer Gegenwart werden soll. Der technologische Fortschritt war schon immer da und wird immer wieder kommen, die Frage ist: Wie verhalten wir uns dazu?

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