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Die Botschaft eines religiösen Sozialisten

Zum 100. Todestag Christoph Blumhardts erscheint eine neue Biographie

Bad Boll. Vor 100 Jahren starb der württembergische Pfarrer und Sozialist Christoph Blumhardt. Die Nachwelt hat den scharfen Kirchenkritiker geradezu „verkirchlicht", meint der Theologe Jörg Hübner. Blumhardts Botschaft sei aktueller denn je.

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Der evangelische Pfarrer und SPD-Politiker Christoph Blumhardt, aufgenommen im Alter von etwa 75 Jahren. © Eugen Jäckh/gemeinfrei

Er war evangelischer Pfarrer, trat zum Ärger seiner Kirche in die SPD ein und wurde Landtagsabgeordneter in Württemberg. Am 2. August vor 100 Jahren starb Christoph Blumhardt (1842 - 1919). In einer am Dienstag, 2. Juli, erscheinenden Biografie weist Jörg Hübner, Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, nach, dass Blumhardt nach seinem Tod kirchlich vereinnahmt wurde - obwohl er der Kirche kritisch gegenüberstand.

Herr Professor Hübner, was ist 100 Jahre nach dem Tod Blumhardts Neues über ihn zu sagen?

Wir sollten Blumhardt als politischen Theologen wahrnehmen, der dezidiert zu den Fragen Stellung genommen hat, die uns auch heute bewegen. Die Auswertung der Quellen hat gezeigt, dass er in den ersten Jahren nach seinem Tod kirchlich vereinnahmt wurde. Er ist geradezu verkirchlicht worden, obwohl er seine kirchenkritische Haltung bis zu seinem Tod nie aufgegeben hatte.

Welche Fragen meinen Sie genau?

Wir stehen heute in einer Klimakrise, und Blumhardt hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts zu den ökologischen Herausforderungen Stellung genommen. Da war er ein Prophet. Er sagte, die soziale Frage schließt die Frage nach der Harmonie mit der Natur mit ein. Er hatte bereits die Folgen der Industrialisierung für den Ressourcenverbrauch erkannt.

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Professor Jörg Hübner, Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll und Autor einer neuen Biographie Christoph Blumhardts. © Park-Studio

Kirchenkritische Ausagen gestrichen

Wie konnte es denn zu dem verschobenen Bild kommen, das Blumhardt wieder zu einem kirchennahen Theologen machte?

Da haben seine Tochter Gottliebin und seine Mitarbeiterin Anna von Sprewitz sowie sein Biograf Eugen Jäckh eine entscheidende Rolle gespielt. Bei der Herausgabe der Quellen haben Sie die politischen und kirchenkritischen Aussagen teilweise gestrichen. Dadurch erschien der Nachwelt Blumhardt am Ende seines Lebens wieder als treuer Kirchenmann.

Blumhardt war ein radikaler Kirchenkritiker, hielt die Institution für überflüssig und gab seinen Pfarrertitel ab. Warum sollte sich die Kirche dennoch seiner erinnern?

Weil wir als Christinnen und Christen der Welt zugewiesen sind. Es geht um die Gestaltung der Welt, nicht um das Wohl und Wehe der Kirche. Wir können zu einer Vision vom guten Leben beitragen, die Blumhardt als "Reich Gottes" bezeichnete. Wir brauchen die dauernde Erinnerung daran, dass es um das Wohl der Menschheit, das Wohl der gesamten Welt geht. Dazu sollten wir als Kirche eigentlich da sein. Das kommt aus einer Frömmigkeit, die der Welt zugewandt ist.

Gegen Krieg, aber bei Friedensarbeit nicht dabei

Blumhardt redete kämpferisch gegen Nationalismus und Krieg, wollte sich aber nach 1914 an der internationalen Friedensarbeit nicht beteiligen. Ein Widerspruch?

Ich kann diesen Widerspruch nicht vollständig auflösen. Blumhardt verstehe ich so, dass er sagt, von Menschen alleine ist dieser Frieden nicht zu machen. Das Böse des Krieges lässt sich nicht einfach von Menschen überwinden. Da muss Gott selbst eingreifen.

„Es geht um die Gestaltung der Welt, nicht um das Wohl und Wehe der Kirche."

Profesor Jörg Hübner, Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll

Das 20. Jahrhundert mit Nationalsozialismus und Stalinismus war noch viel grausamer als das 19. Jahrhundert. Wirkt Blumhardt da mit seiner Hoffnung auf ein friedliches „Weltmenschentum" nicht geradezu naiv?

Einerseits ja, denn Blumhardt sagte noch 1902, das es nie wieder einen größeren Krieg geben werde, weil sich die Menschheit das gar nicht leisten könne. Da haben ihn die Kriege des 20. Jahrhunderts widerlegt. Andererseits fasziniert mich sein Glaube an den Menschen, an das, was der Mensch Gutes leisten kann und welches Potenzial er hat, das Böse zu überwinden. Die Hoffnung, dass wir eine zukunftsfähige Welt gestalten können, dürfen wir auf keinen Fall aufgeben. Wir brauchen Utopien, die uns Energie für eine bessere Zukunft geben.

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Die Johann-Christoph-Blumhardt-Kirche in Berlin-Britz ist nach dem Vater von Christoph Blumhardt benannt. © Bodo Kubrak/CC0

Hoffnung bis zum Schluss

Ist Blumhardt mit seinen Ideen nicht zumindest vordergründig gescheitert?

Nein, er hat an seiner Hoffnung auf eine bessere Welt bis zum Schluss festgehalten. Und es hat ja auch seitdem Fortschritte gegeben. Zum Beispiel die Gründung der Vereinten Nationen, die Erklärung der Menschenrechte oder die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. Wenn das zum Leitbild einer globalen Kultur wird, wenn das gelebt wird, dann stehen wir an einem anderen Punkt. Blumhardt hat sich gegen den Kulturpessimismus seiner Zeit gewandt und am Optimismus festgehalten. Diesen Optimismus brauchen wir heute dringend.

„Blumhardt hätte sich auf dem Kirchentag wohlgefühlt"

Hätte sich Blumhardt wohlgefühlt auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag mit dessen Kampf gegen Klimawandel und für eine bessere Welt?

Ja, das glaube ich. Das wäre sein Metier gewesen. Da wäre er aufgetreten und hätte Tausende von Menschen bewegt und mit seiner charismatischen Art große Säle gefüllt.


Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd). Interview: Marcus Mockler


Christoph Friedrich Blumhardt (1842 - 1919), der am 2. August vor 100 Jahren starb, war ein christlicher Sozialist. Als württembergischer Pfarrer trat er der SPD bei und übernahm von 1900 bis 1906 ein Landtagsmandat. In seinen Predigten, Andachten und Schriften positionierte er sich stark gegen Nationalismus, Krieg, Ausbeutung der Arbeiter und Raubbau an der Natur. Blumhardt stammt aus einer pietistischen Familie, sein Vater Johann Christoph Blumhardt (1805 - 1880) war Pfarrer in der württembergischen Erweckungsbewegung. Ihn unterstützte der Sohn in der Arbeit im Kurbetrieb von Bad Boll bei Göppingen und übernahm nach dessen Tod die Leitung. Vorübergehend beherbergte er den jungen Hermann Hesse im Kurhaus, nachdem dieser aus dem evangelisch-theologischen Seminar Maulbronn geflohen war. In den 1890er Jahren nahm Blumhardt zunehmend die Not der Arbeiter wahr, was ihn schließlich der SPD beitreten ließ. Damit isolierte er sich in der württembergischen Kirche, für die der Sozialismus gleichbedeutend mit Religionsfeindlichkeit war. Der Pfarrer wurde immer kritischer gegenüber Kirche und traditioneller Theologie. Er gelangte schließlich zur Überzeugung, dass Gott in allen Völkern und Religionen wirksam sei, weshalb es keine Kirche brauche und Mission dem Fortschritt im Wege stehe. Die letzten Lebensjahre verbrachte Blumhardt in Jebenhausen bei Göppingen. Nach Schlaganfällen starb er am 2. August 1919. Eine Trauerpredigt an seinem Grab hatte er abgelehnt.