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Vom Schwarzwald in die Savanne

Sven von Eicken ist Pfarrer in Namibia

13 Pfarrer und Pfarrerinnen aus Württemberg sind im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zurzeit in aller Welt im Einsatz. Einer von ihnen ist Sven von Eicken aus Fürnsal im Schwarzwald. Seine Gottesdienste in Okahandja in Namibia enden nicht selten mit einer Safari.

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Die Kirche in Okahandja © Sven von Eicken

„Fernweh hatte ich schon immer“, sagt von Eicken. Seine Frau teilt seine Sehnsucht, gemeinsam haben sie schon viele Reisen nach Asien und Südamerika unternommen. Als sich von Eicken auf die Auslandspfarrstelle für Namibia bewirbt, erwartet das Paar gerade das zweite Kind. „Als die Nachricht kam, dass es klappt, wussten wir: Wir wollen das wirklich“, erzählt der Pfarrer. Bereut haben er und seine Familie diese Entscheidung nie. Während sich von Eickens Leben früher in einer beschaulichen Kleinstadt zwischen Pfarrhaus, Kirche und Schule abspielte, legt er in Namibia weite Strecken zurück. Deutschsprachige Farmer zu besuchen, macht einen großen Teil seiner Arbeit aus.

Ungelöster Konflikt zwischen Herero und deutschstämmigen Farmern

Safaris mit den Farmbesitzern und Pfarrkonvente am Strand: Auf den ersten Blick sieht van Eikens Arbeit sehr nach Afrikaromantik aus. Doch nicht aufgearbeitete Konflikte zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen des Landes – wie die Aufarbeitung des Völkermord an den Herero – gehen nicht spurlos vorüber. 1904 und 1908 protestierten die Herero gegen die Landnahme deutscher Einwanderer. Deutsche Soldaten gingen daraufhin mit grausamer Härte gegen sie vor. Die Mehrheit der reichstreuen Missionare tat kaum etwas, um die Herero zu schützen. Der Herero-Aufstand wurde niedergeschlagen und wer überlebte, wurde in die Wüste vertrieben. 80.000 Herero starben.

2004 wurde in Okahandja – einer Stadt etwa eine Stunde nördlich der namibischen Hauptstadt Windhuk, in der auch von Eickens Gemeinde beheimatet ist – ein großer Versöhnungsgottesdienst abgehalten. Am 24. April 2017 hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine offizielle Erklärung abgegeben, in der sie die Herero um Vergebung bittet. Vollends überwunden ist die Kluft zwischen beiden Seiten aber nicht. „Seit die Diskussion über Reparationszahlungen und Anerkennung der Schuld wieder aufgeflammt ist, fürchte ich, dass es zu Konflikten zwischen Deutschstämmigen und Herero kommen könnte“, sagt von Eicken.

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Das Erntedankfest wird vorbereitet © Sven von Eicken

Gemeinsames und Trennendes

Der Pfarrer möchte sich aus politischen Debatten weitgehend heraushalten, Seelsorger für Herero und für deutschsprachige Farmer sein. „Ich kann beide Seiten verstehen“, sagt er. Auf der einen Seite findet er es etwas unfair, den Nachfahren der damaligen Einwanderer und Missionare öffentlich Vorwürfe für Gräueltaten zu machen, die Jahrzehnte vor ihrer Geburt passiert sind. „Auf der anderen Seite denke ich mir manchmal, dass die Farmer, die sich gegen die Zahlungen aussprechen, die Debatte auch zu persönlich nehmen. Salopp gesagt: ‚Wenn Deutschland zahlen will, kann euch das als namibischen Staatsbürgern doch egal sein‘“, findet er.

Das Miteinander zwischen Herero und Deutschstämmigen ist auf den Farmen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während auf manchen Höfen kaum gemeinsam gefeiert werde, sei es auf anderen wiederum sehr ausgeprägt. „Manchmal können alle Herero-Angestellten deutsch oder die Farmer sprechen Herero. Dann feiern wir öfter gemeinsame Gottesdienste“, sagt von Eicken. Die Konflikte sieht er eher auf der politischen Ebene als im Alltag der Menschen.

„Ein typischer deutscher Gottesdienst ist den afrikanischen Gemeinden zu steif. Sie singen und tanzen viel."
Sven von Eicken

Der Großteil der Gemeinde von Eikens besteht aus deutschsprachigen Farmbewohnern. Zwar hatte die Rheinische Mission von 1876 bis 1952 auch zahlreiche Herero missioniert, ihre Mehrzahl gründete aber eigenen Gemeinden. Hin und wieder finden gemeinsame Gottesdienste statt. „Allerdings nicht so oft, weil es da große kulturelle Unterschiede gibt“, sagt von Eicken. „Ein typischer deutscher Gottesdienst ist den afrikanischen Gemeinden zu steif. Sie singen und tanzen viel mehr im Gottesdienst. Ein afrikanischer Gottesdienst ist den deutschsprachigen Farmern wiederum zu lang, die können nämlich Stunden dauern“, erklärt von Eicken. Hinzu komme die Sprachbarriere.

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In Namibia findet viel im Freien statt © Sven von Eicken

Farmbibeltage und Radioandachten 

Fährt von Eicken zu einem typischen Farmgottesdienst, verbringt er dort den Großteil des Tages. Für seine Gottesdiente verwendet er die Liturgien für Gottesdienste im Grünen aus der württembergischen Landeskirche. „Die Texte und Lieder passen gut zur Atmosphäre der Farmgottesdienste. Man ist umgeben von der Natur und hat das Gefühl bei Freunden eingeladen zu sein. Das verleiht der Stimmung eine fröhliche Leichtigkeit“, erklärt er. Nach dem Gottesdienst könnte der Pfarrer zwar wieder nach Hause fahren, das tut er in den meisten Fällen aber nicht. „Ein Gottesdienst ist hier draußen ein richtiges Ereignis. Danach sind die Farmbewohner und ich noch lange zusammen. Oft fahren wir auf Safari und beobachten wilde Tiere. Es kommt selten vor, dass ich vor Mitternacht nach Hause gehe“, erzählt er.

Einmal im Monat sitzt von Eiken mehr als vier Stunden hinter dem Steuer. Er besucht dann Gemeindeglieder in sehr entlegenen Orten, um mit ihnen Farmbibeltage zu feiern. Den ganzen Tag lang diskutieren sie dann über die Bibel und die Auslegungen einzelner Stellen. Unterbrochen wird der intensive Tag nur durch die gemeinsamen Mahlzeiten. Früh am nächsten Morgen bricht von Eicken zur nächsten Farm auf. Eine weitere wichtige Aufgabe sind Radioandachten. „So haben die Leute wenigstens etwas Kirche, wenn ich schon nicht immer direkt für sie da sein kann“, sagt der Pfarrer.

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Sven von Eicken mit seiner Familie © Sven von Eicken

Abschied nach acht Jahren

Im Juli 2019 heißt es für von Eicken Abschied nehmen. Nach acht Jahren in Namibia wird die Familie nach Deutschland zurückkehren. Ein weiteres Abenteuer, denn „auch wenn mir der immer blauen Himmel in Afrika fehlen wird, ein Schwabe ist eben gern Zuhause“, sagt er. Für seine zweite Heimat, Namibia, hat er einen großen Wunsch: „Ich glaube, dass Versöhnung und Vergebung der einzige Weg für eine starke Gemeinschaft sind. Ich hoffe, dass die deutschsprachigen Namibier Versöhnung anstreben werden und dass die Herero sie Vergebung erfahren lassen.“

Marie-Louise Neumann