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Trotz Leiden setzen Christen auf Gewaltfreiheit

Bischof July besuchte in Nigeria Partnerkirchen und Orte des Terrors

Nigeria kommt nicht aus den Schlagzeilen: Der Terror der islamistischen Boko Haram und der Fulani-Nomaden kostet fast jeden Tag Menschenleben. Der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Dr. h. c. Frank Otfried July, ist Anfang der Woche von einer Reise zu Partnerkirchen in Nigeria zurückgekehrt. Im Gespräch mit Marcus Mockler erklärt er, warum gewaltlose Kirchen dort besonders unter Druck stehen.

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© Wilhelm Betz

Herr Bischof, Nigeria hat in den vergangenen Jahren viel Terror erlebt. Haben Sie bei Ihrer Reise davon etwas wahrgenommen?
Unsere Delegation hat ein christliches Dorf besucht. Es wurde Mitte Juni von Kämpfern überfallen, sie ermordeten 18 Menschen - davon 15 Frauen und Kinder. Der Dorfvorsteher, der uns empfing, verlor alleine sieben Familienmitglieder. Das alles spielte sich nicht etwa im entlegenen Hinterland ab, sondern an einer kleinen Hauptstraße in der Nähe der Stadt Yola im Osten des Landes.

Wer steckte hinter dem Anschlag?
Man weiß nicht, ob das Kämpfer der islamistischen Boko Haram oder ob es Fulani-Nomaden waren. Besonders schlimm aber ist Folgendes: Im muslimischen Teil des Dorfes, der nur durch ein paar Büsche vom christlichen getrennt ist, wusste man offenbar von dem geplanten Anschlag. Die muslimischen Nachbarn waren gewarnt worden und hatten sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Ihren Nachbarn sagten sie aber nichts.

Leidet Nigeria unter einem Religionskrieg?
Es handelt sich, wie so oft, um eine Mischung der Motive. In diesem Konflikt geht es um Armut, um Macht - aber leider auch um Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen. Die Kämpfer sind oft wenig gebildet, sie kommen aus armen Verhältnissen. Ich war im Hauptquartier der "Kirche der Geschwister" - einer Friedenskirche, die Gewalt ablehnt. Ein Bischof sagte mir, man könne die Bedeutung von Religion hier nicht leugnen, wenn die Kämpfer Menschen töten und dabei "Allah ist groß" rufen. Boko Haram geht übrigens furchtbar brutal vor, dort kennt man nicht einmal minimale ethische Standards, die normalerweise selbst in Kriegen gelten. Es wird rücksichtslos abgeschlachtet. Gleichzeitig gibt es muslimische Religionsgelehrte und Politiker, die Zeichen des Friedens und Wiederaufbaus setzen - wie der muslimische Gouverneur, der 20 christliche Kirchen hat wieder aufbauen lassen.

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Ein niedergebranntes Dorf in Nigeria © Ebertshäuser/EMH

Wie reagieren Christen und Kirchen auf die Gewalt?
Die gewaltfreie "Kirche der Geschwister", die vor allem im Nordgebiet unter Muslimen lebt, bemüht sich um einen Prozess der Versöhnung. Das ist unglaublich kompliziert - denn zur Liebe gehört auch die Wahrheit. Und das Beispiel des überfallenen Dorfs zeigt: Zur Wahrheit gehört, dass die muslimischen Nachbarn vom geplanten Angriff wussten, aber die Christen nicht gewarnt haben. Trotz dieser Leiden ruft die Kirchenleitung konsequent zur Friedensarbeit auf und warnt die jungen Leute davor, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sie haben viel erlitten, bleiben aber im Moment bei ihrem Kurs der Gewaltfreiheit.

Wird die Kirche diesen Kurs durchhalten können?
Von den jungen Leuten sagen einige verständlicherweise, man müsse etwas tun und könne sich nicht einfach abschlachten lassen. Da wächst eine Stimmung, sich zu wehren. Im Moment ist Boko Haram etwas zurückgedrängt. Aber in den Tagen, als wir vor Ort waren, gab es unweit erneut einen Anschlag, dem fünf Menschen zum Opfer fielen. Die Kirchen aller Konfessionen appellieren ungeduldig an die Regierung, endlich die Bürger im Land zu schützen. 

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Dowaya im Nordosten Nigerias - Landesbischof July spricht mit Überlebenden eines Anschlags © Ebertshäuser/EMH

Sollte Deutschland mehr Flüchtlinge aus Nigeria aufnehmen?
Es ist verständlich, dass Menschen aus den Terrorregionen des Nordens flüchten und vielleicht auch nach Deutschland wollen. Nigerianische Bischöfe berichten auch davon, dass Menschen aus anderen, sichereren Teilen des Landes, die eine Perspektive suchen, nach Europa wollen. Wir müssen in Deutschland wahrnehmen, dass es in Nigeria vor allem Binnenflüchtlinge gibt. Das ist für die Gesellschaft dort eine große Herausforderung. In dieser Herausforderung sollten wir den Nigerianern beistehen.

Was gibt Württemberg denn für Nigeria?
Wir fördern die Organisation "Symbols of Hope" (Zeichen der Hoffnung), die junge Nigerianer unterstützt. Unter anderem stellt das Hilfswerk Mikrokredite bereit, womit man unglaublich viel erreichen kann. Dafür haben wir 211.000 Euro gegeben. Für die "Kirche der Geschwister" haben wir 20.000 Euro überwiesen, um damit Pfarrern zu helfen, die innerhalb des Landes fliehen mussten - denn ein Pfarrer ohne Gemeinde hat in Nigeria auch kein Einkommen. Aus den württembergischen Freundeskreisen, die von ehemaligen Mitarbeitern in Nigeria gegründet wurden, kamen zudem 200.000 Euro zusammen. Dazu unterstützen wir das Land indirekt, zum Beispiel über die Organisation "Mission 21" - ehemals: Basler Mission -, die wir mitfinanzieren und die sich in Nigeria engagiert.

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July predigt zum Abschluss seiner Nigeriareise vor mehr als 2.000 Menschen © Ebertshäuser/EMH

Was kann man aus Deutschland, aus Württemberg noch für Nigeria tun?
Die Kirchen, die wir besucht haben, stellten uns mehrfach die Frage: "Wann schickt Ihr uns wieder wie früher Pfarrer? Wann schickt Ihr uns wieder Missionare?" Sie suchen für ihre geistliche Arbeit Unterstützung. In den vergangenen Jahrzehnten hatte Württemberg insgesamt zehn Mitarbeiter nach Nigeria entsandt. Und zudem wünschen sich die Kirchen Hilfe bei der Berufsausbildung für die jungen Leute, etwa als Automechaniker. Natürlich freuen sie sich über finanzielle Unterstützung, aber das stand nicht im Mittelpunkt. Wir sollten für die Menschen in Nigeria beten und ihre Sorgen und Fragen bei uns bekanntmachen.

Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)