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Spürbar gewordene Freiheit

Landeskirche und Diakonie starten Initiative für überschuldete Menschen

Mit einem Entschuldungsfonds machen die Evangelische Landeskirche und die Diakonie in Württemberg konkret, was vor 500 Jahren Martin Luther in der 43. seiner 95 Thesen forderte: Christen sollen Armen geben und Bedürftigen leihen, was sie nötig haben. Diakoniechef Oberkirchenrat Dieter Kaufmann stellte am Freitag in Stuttgart dazu die Initiative "Schuldenfalle? Schuldenschnitt! - Freiheit durch Entschuldung" vor.

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Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Württemberg, hier bei einer Taung der Württembergischen Evangelischen Landessynode. © EMH/Jens Schmitt

Diakonie und Landeskirche haben dazu je 150.000 Euro in einen Fonds eingezahlt, der mit Spenden weiter aufgestockt werden soll. Das Geld können diakonische Schuldnerberatungsstellen abrufen, um Menschen zu helfen, die aus eigener Kraft ihre Überschuldung nicht überwinden können, erläuterte Kaufmann.

Es gehe bei der Initiative "nicht um einen Erlass der Schulden, sondern darum, den Belasteten durch ein zinsloses Darlehen einen guten Weg aus der Schuldenspirale zu ermöglichen". Mit den Betroffenen sollen zudem Ursachen und Folgen ihrer Überschuldung geklärt werden. Eine nachhaltige Beratung gehöre zum Projekt.

Für Luther sei eine praktische Folgerung aus dem Evangelium gewesen, dass Bedürftige zinslose Darlehen bekommen sollen. Deshalb sei die neue Initiative Teil der landeskirchlichen Reformationsjubiläums-Veranstaltungen, die unter dem Motto "... da ist Freiheit" stehen, sagte Kaufmann.

Der Diakoniechef forderte mehr Schuldnerberater in Baden-Württemberg. Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände sei eine Verdoppelung auf 440 Beraterinnen und Berater nötig. Allen Überschuldeten sollte in einem überschaubaren Zeitraum soziale Beratung und Hilfe geboten werden können.

Thomas Stürmer, Leiter der Abteilung "Landkreis- und Kirchenbezirksdiakonie, Existenzsicherung" beim Diakonischen Werk, erläuterte, aktuell gälten in Deutschland 3,3 bis 3,7 Millionen private Haushalte als überschuldet. Das bedeute rund sieben Millionen betroffene Menschen. Die Ursachen seien vielfältig und reichten von Krankheit über Scheidung und Arbeitslosigkeit bis zur Unterdeckung der Lebenshaltungskosten durch Niedrigeinkommen. Die Auswirkungen raubten den Betroffenen oft auch Lebensperspektive und Gesundheit.

In zahlreichen Beratungsstellen der Diakonie spiele das Thema Überschuldung eine Rolle, nicht nur bei den Schuldnerberatungsstellen, sagte Stürmer. Präsent sei es unter anderem in der Sozial- und Lebensberatung und der Schwangerenberatung. Schuldenprobleme dauerhaft zu lösen vermeide auch soziale Folgekosten wie Obdachlosigkeit, Krankheit oder Straftaten. 

Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)