Mit der Plattform lebenswert gibt es in Reutlingen einen Ort zum Reden und Zuhören. Im Interview erzählt die Koordinatorin Mimi Böckmann, auf welche Weise die Menschen im Quartier soziales Engagement vor Ort erfahren und bei welcher Gelegenheit sie sich auch mit politischen Themen kontrovers auseinandersetzen können. Das Netzwerk ist Teil der Initiative #VerständigungsOrte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Diakonie Deutschland und der „midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie“.

Warum ist Ihr Projekt ein #VerständigungsOrt?
Mimi Böckmann: lebenswert bietet eine Plattform, sich zu treffen, auszutauschen, zu unterstützen, gemeinsam Dinge voranzubringen, kreativ zu werden und durchaus auch kontrovers zu diskutieren. lebenswert bringt die Menschen zusammen, damit sie gemeinsam ihr Quartier als Lebensraum mit Beziehungs-Wohlstand füllen und damit zum lebenswerten Raum machen. Wer miteinander agiert, wird auch miteinander ins Gespräch kommen. Wer sich kennt, kann sich auch dann unterstützen, wenn Hilfe nötig wird. Wo Vertrauen aufgebaut ist, kann auch ein Austausch über schwierige Themen stattfinden.
Wieso ist es Ihnen von der Ev. Kirchengemeinde Reutlingen Süd wichtig, einen #VerständigungsOrt anzubieten?
Böckmann: Die Zukunft unserer Gesellschaft liegt im gestaltenden Miteinander. Die öffentlichen Sozialsysteme können nicht alleine für unser Wohlergehen sorgen, sondern wir selbst sind als Gemeinschaft aufgefordert, Netzwerke zu knüpfen, die uns auch und gerade in Krisensituationen tragen. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft kann nur überwunden werden, wenn wir Orte des Gesprächs und eine Plattform anbieten, auf der jede und jeder mit seinen und ihren Gaben und Ideen Teil des Ganzen werden kann. Wir brauchen einen Bürgerinnen- und Bürger-Profi-Mix, um niemanden in der Gesellschaft zu verlieren. lebenswert bietet dafür die Plattform.
Kommt es auch tatsächlich zu Kontroversen, die man für alle Beteiligten konstruktiv bearbeiten kann? Kommt es zu „Verständigung“? Was verstehen Sie bei Ihrem Format konkret unter „Verständigung?“
Böckmann: Zunächst ist es uns ein Anliegen, alle Menschen in ihrer Verschiedenheit zusammenzubringen: mit Festen, Projekten und Tätigkeiten, welche die Einzelnen anstoßen und verantwortlich mit anderen durchführen. Aus den Kontakten entstehen im Miteinander Gespräche, die sonst nicht stattfinden. Menschen lernen sich über gemeinsame Interessen kennen und sehen ihre verschiedenen Geschichten und Ansichten. Die Kontroverse an sich steht nicht im Vordergrund, sondern die Gemeinsamkeit. Auf dieser Basis können Gespräche mit Perspektivwechsel stattfinden. In unserem Projekt „Politischer Stammtisch“ treffen sich Menschen für Streitgespräche. Hier steht die kontroverse Auseinandersetzung mit politischen Themen im Vordergrund.
Kirche und Diakonie setzen sich angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus für mehr Verständigung ein. Die Initiative #VerständigungsOrte – Wir. Reden. Hier. der EKD, der Diakonie Deutschland und der "midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie" ermutigt alle Gemeinden und Einrichtungen von Kirche und Diakonie dazu, Räume für Gespräche zu öffnen und Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zum Austausch einzuladen.

Haben Sie ganz praktische Tipps, wie man - auch aus einer christlichen Haltung heraus - angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus wieder ins Gespräch kommen kann?
Böckmann: Dort wo Menschen ihre eigenen Themen umsetzen, die für die sie brennen, die im Alltag wichtig sind, dort begegnen sie sich mit maximalem Engagement. Tun sie dies im gestaltenden Miteinander, gibt es einen Austausch. Wenn wir mit lebenswert eine konkrete Antwort auf die Sorgen im Quartier bieten können, zum Beispiel mit Unterstützung durch unsere Schul- und Jobpaten, dann müssen die Menschen nicht populistischen Meinungen hinterherlaufen, sondern erfahren soziales Engagement vor Ort. Wenn wir Begegnungsmöglichkeiten von Menschen verschiedener Milieus schaffen, dann wächst das Verständnis für die Lebenssituation anderer und die Bereitschaft zu unterstützen. Auch im Christentum sind wir immer wieder aufgerufen, die Begabungen in der Stadt zu suchen und mit Randgruppen ins Gespräch zu gehen.
Was würden Sie anderen empfehlen, die auch einen #VerständigungsOrt anbieten möchten?
Böckmann: Hören Sie auf das was die Menschen bewegt, geben Sie ihnen Raum, dies zu teilen und mit anderen gestaltend tätig zu werden.
Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt@
Was es mit der Kirchensteuer auf sich hat, wie sie bemessen wird und welche positiven Effekte die Kirchen mit der Kirchensteuer an vielen Stellen des gesellschaftlichen Lebens erzielen, erfahren Sie auf www.kirchensteuer-wirkt.de.
