
„Ich bin gut, ich bin ganz, ich bin schön“ - mit dieser kraftvollen und eindrücklichen Auslegung der lutherischen Rechtfertigungslehre für Frauen wurde Elisabeth Moltmann-Wendel als feministische Theologin in Deutschland bekannt.
Geboren am 25.07.1926, aufgewachsen in Herne und Potsdam in ihrer Familie, die der Bekennenden Kirche angehörte, studierte Elisabeth Wendel nach Kriegsende Evangelische Theologie in Berlin und Göttingen. Dort promovierte sie 1951 als erste Frau bei Otto Weber und heiratete 1952 den Theologen Jürgen Moltmann. Dadurch verlor sie alle weiteren kirchlichen Ausbildungsrechte.
Zwischen 1955 und 1963 bekam das Ehepaar vier Töchter und Elisabeth Moltmann-Wendel folgte den beruflichen Stationen ihres Ehemanns als Pfarrer in Bremen-Wasserhorst und als Professor u.a. nach Wuppertal und Tübingen. Ihre familiären Aufgaben hielten sie nicht davon ab, weitere Schriften zu literarisch-theologischen Themen zu verfassen, aber sie erfuhr auch schmerzlich, wie herrschende Rollenerwartungen an sie als Ehefrau und Mutter eine eigene theologische Existenz schwer machten. Ein persönlicher Wendepunkt wurde eine Amerikareise 1972, wo sie in Berührung kam mit der amerikanischen Frauenbewegung und den Anfängen feministischer Theologie. Es wurde der Beginn einer neuen Lebensphase, die hinfort ihr Leben bestimmte.
Ganzheitlich glauben - eine Feministische Theologie der Leiblichkeit
1974 erschien Elisabeth Moltmann-Wendels erste Veröffentlichung zum Thema Frauen und Christentum mit dem Titel Menschenrechte für die Frau, ab der 2. Aufl. Frauenbefreiung. Biblische und theologische Argumente. Es ist ein Sammelband mit einer Studie von ihr selbst zum Thema Frauenbewegung und Christentum in Deutschland seit 1848, dazu ihre Neuinterpretation der neutestamentlichen Marthaerzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte. Außerdem enthält er Artikel renommierter amerikanischer Theologinnen und Theologen zu grundlegenden feministisch-theologischen Fragestellungen, z.B. nach Gottes- und Menschenbild, Bibelinterpretation und Jesus von Nazareth oder Frauen im frühen Christentum. 1977 folgte ihr Buch Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit, 1980 Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus. In ihm stellte Moltmann-Wendel anhand ihrer Neuinterpretation neutestamentlicher Frauengestalten eine verdeckte Emanzipationsgeschichte von Frauen im Neuen Testament und in der christlichen Ikonographie vor, die die männliche Geschichtsschreibung ignoriert hatte. Sie fand im Christentum ein „revolutionäres Potential“, das „vor allem auch Frauen ermutigte, ein ´eigener Mensch` zu werden“. Das Buch erlebte mehrere Auflagen und wurde in sieben Sprachen übersetzt.
Ausgangspunkt ihres feministisch-theologischen Denkens waren die realen sozialen und leiblich-körperlichen Lebenserfahrungen von Frauen. Moltmann-Wendel ermutigte Frauen aufzubrechen aus alten Rollenbildern, ihre eigenen Erfahrungen als Frauen ernst zu nehmen, ihre Unterordnung in der patriarchal organisierten Kirche und Gesellschaft infrage zu stellen und traditionelle männliche Theologie kritisch zu hinterfragen. Auf dieser Grundlage setzte sie sich selbst mit zentralen theologischen Themen wie Gott und Mensch, Kreuz und Auferstehung, Taufe und Abendmahl, Sünde und Segen auseinander. Ihr besonderes Augenmerk galt dem männlich-theologischen Umgang mit Körper und Leiblichkeit: der traditionellen dualistischen Unterordnung des Körpers unter den Geist, der „Scham, im Leibe zu sein“, der abwertenden Zuordnung von Frauen zu Körper, Sexualität und Sünde, aber auch dem „protestantischen Dienstleib“. Ihre Forderung: Die Theologie dürfe Frauen nicht weiter diskriminieren und ausgrenzen, sondern müsse Frauenerfahrungen zur Kenntnis nehmen und lebensbezogener werden. Ihr Ziel: eine befreiende, frauen- und körperbezogene, geerdete und ganzheitliche Theologie der Leiblichkeit, die „sich am Leib und Leben aller orientiert“. Auf diese Weise hat sie ihre eigene feministische Theologie bis ins hohe Alter in zahlreichen Büchern und Publikationen kreativ entfaltet. Und mit ihr gestaltete Elisabeth Moltmann-Wendel auch den Aufbruch von Frauen in der evangelischen Kirche prägend mit.
Wesentlicher und bleibender Beitrag zur theologischen Autorität von Frauen
Ab 1973 äußerte sie sich feministisch-theologisch in der kirchlichen Öffentlichkeit: an der Basis mit Frauen in Workshops, mit Bibelarbeiten und Vorträgen, in Gemeinden, Bildungsstätten und auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, in kirchlichen Frauengruppen und -verbänden sowie in Gesprächen mit kirchlichen Gremien bis hin zum Weltkirchenrat. 1979 begründete Moltmann-Wendel zusammen mit Herta Leistner die Werkstätten Feministische Theologie in Bad Boll. Als Mitherausgeberin der Zeitschrift Evangelische Theologie und in öffentlichen Dialogen mit ihrem Ehemann Jürgen Moltmann brachte sie basisorientierte feministische Theologie ins Gespräch mit der akademischen Theologie. Ein weiterer Meilenstein war die Mitherausgabe des Wörterbuchs der Feministischen Theologie in zwei Auflagen (1991, 2002).
Kontroversen und Anfeindungen blieben nicht aus. Feministisch-theologische Kritik und die Inanspruchnahme theologischer Autorität durch Frauen erzeugte Widerstand und kam Elisabeth Moltmann-Wendel (und der Feministischen Theologie) immer wieder aus noch weitgehend von Männern geprägten kirchlichen Institutionen, Fakultäten und Kirchenleitungen entgegen, auch in Württemberg. Heute kann die theologische Autorität von Frauen nicht mehr infrage gestellt werden. Mit ihrer feministischen Theologie und ihrem öffentlichen Wirken für Frauen in Kirche und Gesellschaft hat Elisabeth Moltmann-Wendel dazu maßgeblich und nachhaltig beigetragen.
Dr. Claudia Rehberger