12.01.2026

„Lebendige Bibliothek“: Rottweiler Gesprächsformat als #VerständigungsOrt

“Verständigung bedeutet für uns, ein echtes Gespräch miteinander zu führen mit der aufrichtigen Haltung, etwas über den anderen erfahren zu wollen.”

Mit dem Gesprächsformat „Lebendige Bibliothek“ schafft die Evangelische Erwachsenenbildung SüdwestWürttemberg einen Ort zum Reden und Zuhören. Im Interview erzählt Geschäftsführerin Dr. Janina Niefer, was unter lebendigen Büchern zu verstehen ist und inwiefern Teilnehmende mit ihrer Hilfe über den eigenen Tellerrand hinausblicken können. Die Lebendige Bibliothek ist Teil der Initiative #VerständigungsOrte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Diakonie Deutschland und der „midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie“.

Gemeinsam mit ihren Kooperationspartnerinnen veranstaltet Dr. Janina Niefer (Bild), Geschäftsführerin der Evangelischen Erwachsenenbildung SüdwestWürttemberg, die Lebendige Bibliothek Rottweil.
Gemeinsam mit ihren Kooperationspartnerinnen veranstaltet Dr. Janina Niefer (Bild), Geschäftsführerin der Evangelischen Erwachsenenbildung SüdwestWürttemberg, die Lebendige Bibliothek Rottweil.

Warum ist Ihr Projekt ein #VerständigungsOrt?

Janina Niefer: In der Lebendigen Bibliothek kann man keine Bücher ausleihen, sondern Menschen, die in einem 1-zu-1-Gespräch aus ihrem Leben erzählen. Die lebendigen Bücher sind mal Menschen mit Migrationshintergrund, mal Menschen, die in der Pflege arbeiten oder sich ehrenamtlich engagieren. Im Gespräch erzählen sie davon, was sie bewegt und antreibt. Das direkte Gespräch erzeugt schnell Tiefe und sorgt dafür, dass man einander besser versteht - auch wenn man anderer Meinung ist.

Wieso ist es Ihnen wichtig, einen #VerständigungsOrt anzubieten?

Niefer: Ich habe das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft oft pauschal über Gruppen von Menschen gesprochen wird, es fehlt aber an echten Gelegenheiten, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Wenn man hinter das Label schaut und den Menschen sieht, korrigiert sich manches Vorurteil. Uns Veranstalterinnen, der katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Rottweil e.V., der Stadtbücherei Rottweil und uns ist es wichtig, solche Gelegenheiten für den Blick über den Tellerrand anzubieten.

Kam es auch tatsächlich zu Kontroversen, die man für alle Beteiligten konstruktiv bearbeiten konnte? Kommt es zu „Verständigung“? Was verstehen Sie bei Ihrem Gesprächsformat konkret unter „Verständigung"?

Niefer: Wir Veranstalterinnen stehen im Hintergrund als Moderationshilfe bereit, falls es an einem Tisch zu einem echten Streit kommt. Bislang war das aber noch nie nötig. Die Teilnehmenden berichten uns davon, dass sie nach 20 Minuten Gespräch eine große Nähe zu ihrem lebendigen Buch empfinden. Verständigung bedeutet für uns, ein echtes Gespräch miteinander führen mit der aufrichtigen Haltung, etwas über den anderen erfahren zu wollen. Wann bekommt man schon mal die Chance, jemandem Fragen zu stellen wie "Wovon träumst du?", "Was ist in deinem Leben schwer?", "Was beschäftigt dich?", "Was würdest du dir von unserer Gesellschaft wünschen?". Die Menschen, die sich mutig auf dieses Angebot einlassen, erleben einen echten #verstaendigungsort, davon bin ich überzeugt.

#VerständigungsOrte

Kirche und Diakonie setzen sich angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus für mehr Verständigung ein. Die Initiative #VerständigungsOrte – Wir. Reden. Hier. der EKD, der Diakonie Deutschland und der "midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie" ermutigt alle Gemeinden und Einrichtungen von Kirche und Diakonie dazu, Räume für Gespräche zu öffnen und Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zum Austausch einzuladen.

Haben Sie ganz praktische Tipps, wie man - auch aus einer christlichen Haltung heraus - angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus wieder ins Gespräch kommen kann?

Niefer: Ich habe mir im letzten Jahr vorgenommen, das Zuhören zu üben. Ich versuche, mein Gegenüber wirklich anzuhören und nicht sofort im Kopf mit einer Gegenrede zu reagieren, oder an eigene Erfahrungen zu denken, die zum Erzählten passen. Mein Eindruck ist, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht mehr gehört fühlen. Da versuche ich anzusetzen. Das ist oft herausfordernd und braucht manchmal eine kräftige Portion Nächstenliebe, aber immer wieder mache ich die Erfahrung, dass Gespräche mit Bedeutung dadurch wieder möglich werden.

Was würden Sie anderen empfehlen, die auch einen #VerständigungsOrt anbieten möchten?

Niefer: Einfach ausprobieren und machen. Es lohnt sich unbedingt, auch wenn es manchmal mühsam und aussichtslos erscheint.

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